IV. Kapitel: Erkrankungen des Central-Nervensystems und nervöse Störungen nach Verletzungen.
Band VII.
Anhang' zum vierten Kapitel.
Kasuistischer Beitrag zur operativen Behandlung der Neuralgie.
I. Kupsch, Füsilier im Leib - Grenadier - Regiment(1. Brandenburgischen) No. 8 erhielt am 1(>. August 1870einen Schuss durch den rechten Oberschenkel eine Hand breitunterhalb des trochanter major.
September 1870: Sehr heftige neuralgische Schmerzenim Fusse in der Ausbreitung der Zweige des n. tibialis. Beider Untersuchung entdeckt man eine diffuse thalergrosseGeschwulst in der Tiefe der hinteren Seite des Oberschenkelszwischen dem m. biceps und m. semimembranosus.
Oktober 1870: Da die unerträgliche Neuralgie allenMitteln trotzte, wurde ein operativer Eingriff nöthig, am3.Oktober die Geschwulst freigelegt und eine taubenei-grosseMasse, welche dem Ischiadicus auf lag, ausgelöst. Dieherausgenommene Geschwulst bestand aus Muskel- und Sehnen-substanz, in deren Mitte organisch verbunden ein etwa 5 /4 Zolllanger, sehr spitzer Knochensplitter gefunden wurde. Zwei Tagelang war die Neuralgie ganz fort, dann erschien sie in massigemGrade wieder und war am 1. November fast ganz beseitigt,nachdem die Operationswunde auch fast verheilt war. DerKnochensplitter scheint ein Sprengstück von der linea ásperades os femur gewesen zu sein.
II. HeinrichMück vom 6. Bayerischen Jäger-Bataillon, 1 )erhielt bei Wörth einen, den rechten Oberarm in der Mittedurchsetzenden Gewehrschuss, dessen Eingang sich vorn undaussen, dessen Ausgang sich am inneren Bande des musc,brachialis internus befand. Der Knochen war nicht verletzt,die Beweglichkeit nicht beeinträchtigt, hingegen bestanden leb-hafte Schmerzen, welche durch starke Dosen Morphium undChloral beseitigt wurden. Die Wundheilung nahm einengünstigen Verlauf. Am 2. September kehrten die Schmerzen,veranlasst durch Schreck über einen in der Nähe des Krankenabgefeuerten Schuss, in sehr heftiger Weise wieder; in ihremGefolge stellte sich Schlaf- und Appetitlosigkeit, sowie be-deutende Abmagerung ein. Dr. Kuby nahm deshalb die Re-sektion des nerv, media nus vor. Dabei fand sich beider Blosslegung des Nerven da, wo derselbe an den innerenRand der arteria brachialis tritt, Verdünnung desselben undperipherisch hiervon eine kolbige Anschwellung vor. Die Re-sektion umfasste das Stück oberhalb der Verdünnung und unter-halb der kolbig aufgetriebenen Stelle, in der Länge von 1 '/-' Zoll.Die Wunde wurde mit der Naht verschlossen, der Schmerz warverschwunden, der Appetit kehrte wieder, und es trat rascheHeilung und Erholung ein. Patient wurde am 27. Novembergeheilt entlassen und im Frühjahr 1871 als Postbote angestellt.
i) Vergl. V. Band dieses Berichtes, S. 637, Fall 1. a. 1.
III. Adolf Gebier, Unteroffizier der 2. Kompagnie Braun-schweigischen Infanterie - Regiments No. 92, am 3. Dezember1870 bei Neuville durch ein Granatstück in der rechten Knie-kehle verwundet. Am folgenden Tage wurden ihm duraeinen französischen Arzt in Neuville 2 ziemlich dicke, 5 cmlange, gebogene Drahtnägel ohne Köpfe und 4 Stück kleine Eisen-plättchen von der Grösse eines Fingernagels aus der Wundegezogen.
Die Heilung der tiefen und stark gerissenen Wunde er-folgte dann nach sorgfältiger Reinigung unter einfachem Ver-bande verhältnissmässig rasch; Blutungen und entzündlichAffektionen des Gelenkes sollen nicht aufgetreten sein. Dagegenhat sich nach vollendeter Narbenbildung seit Ende März 1871,wahrscheinlich in Folge eines Neuroms oder einer Verwachsungdes nervus peroneus mit dem umgebenden Narbengewebe, einesehr heftige und quälende Neuralgie herausgebildet. Mehr-malige subkutane Durchschneidung der Narbe hatkeinen Nutzen gebracht.
Die Narbe ist 9 cm lang, in der Mitte ungefähr 5 cm breitquer durch die Kniekehle verlaufend, strahlig, mit den darunterliegenden Weichtheilen verwachsen und fingertief eingezogen.
G. fühlt an allen Stellen des Fussgelenkes und des Fussesselbst, wo die Aeste des n. peron. superficialis und profundusliegen, ein beständiges Reissen, das sich anfallsweise zu denfürchterlichsten Schmerzen steigert, sobald er den Versuclmacht, sich auf den Fuss längere Zeit zu stützen, oder wemein Anderer oder er selbst den Fuss in Bewegung setzt. Soist es ihm kaum möglich, an 2 Stützen etliche Schritte vorwärtszu kommen, wobei er den Fuss mit angezogenem Knie hintersich herzieht. Die Narbe in der Kniekehle, welche mit denSehnen der das Knie beugenden Muskeln des Oberschenkel!verwachsen ist und beim Strecken des Beines gezerrt wird, istbei Berührung und bei Bewegungen des Gliedes wenig schmerz-haft; ein Druck auf die vom n. peron. versorgten Muskeln desUnterschenkels wird ganz gut vertragen. Die einzige Erleich-terung findet G., wenn er anhaltend liegt. — Am Oberschenkelist in der Mitte ein Schwund von 3 cm, am Unterschenkel aufder Höhe der Wade von 5 cm bemerkbar, an den Knöchelnund auf dem Fussrücken leichtes Oedem.
17. September 1872: Subjektiv noch anhaltende Schmerze»in den Zehen und der Ferse, welche durch Gehen, Wärme un«durch geistige Erregung zu grosser Heftigkeit gesteigert werden.Dieselben werden auch durch Druck auf die Narbe erzeugtDoch haben sie im Allgemeinen etwas an Heftigkeit nachg 6 'lassen. In der Ernährung des Oberschenkels kein Unterschiedmehr, Wade 1 cm schwächer.