IV. Kapitel: Erkrankungen des Oentral-Nervensystems und nervöse Störungen nach Verletzungen.
Band VII.
auf, mag es nun durch die beim Aufschlagen der Kugelauf die Wirbelsäule hervorgerufene Erschütterung desSchädelinhalts oder bei dem Sturze die Böschung hinabdurch Anschlagen des Kopfes gegen feste Gegenständeentstanden sein. Es führte zur Aufhebung des Bewusst-seins, zu der Gedächtnissschwäche, dem Sprachverlust, derParalyse der rechtsseitigen Gesichtsmuskulatur, denStörungen des Sehvermögens. Der Einfluss dieser cere-bralen Läsion auf die Bewegungs- und Empfindungslähmungder Extremitäten lässt sich nachträglich nicht mehr fest-stellen. Eine Hirnerkrankung, welche einen solchen buntenWechsel nervöser Störungen an den Gliedmaassen, nämlicheine Aufhebung der Bewegungsfähigkeit am rechten Armeund linken Beine und zugleich eine Aufhebung der Em-pfindungsfäkigkeit am linken Arme und rechten Beine zuWege bringt, kennt man nicht. Dennoch lässt sich dieMöglichkeit nicht von der Hand weisen, dass ein oder dasandere Symptom in irgend einer mehr oder weniger voll-kommenen Abhängigkeit zu dieser offenbar vorhandenencerebralen Affektion steht. (Bernhardt.)
Wohl aber kennt man ein Rückenmarksleiden, dessenSymptomenkomplex mit den bei Wicke gefundenen Krank-heitserscheinungen an Rumpf und Gliedmaassen in vollemEinklänge steht. Das ist die Halbseitenläsion. Es ist darumgeradezu verlockend, von der Hirnverletzung ganz undgar Abstand zu nehmen und zur Erklärung der nervösenAlterationen an den gedachten Theilen ganz allein diedurch die feindliche Kugel erlittene Verletzung der Medullaspinalis heranzuziehen. Dies hat auch Bernhardt gethan.
Nimmt man an, dass das Geschoss, welches ja linksvom Dornfortsatze des vierten Brustwirbels austrat, in derHöhe dieses Wirbels auch die linke Markhälfte dauerndbeschädigt hat, so würde sich ohne Weiteres die geringeParese des linken Beines mit der Hyperästhesie und derüber der hyperästhetischen Zone gelegenen anästhetischenPartie, sowie die Anästhesie des rechten Beines undUnterleibs mit dem darüber gelegenen hyperästhetischenBezirke erklären lassen. Ganz unabhängig von diesersupponirten Läsion wäre aber das Krankheitsbild an denOberextremitäten. Für dieses müsste man, wie Bernhardt,noch eine zweite oberhalb der ersten im Cervikaltheil ge-legene Verletzung des Markes und zwar der rechtenSeite voraussetzen. Ist diese Voraussetzung richtig,dann liegt der Grund für die motorische Parese des rechtenund die sensible Schwäche des linken Armes klar auf derHand. Nach Lage der Wundnarben muss man es aberfür höchst unwahrscheinlich halten, dass die Kugel zuerstauf der rechten Hälfte der vorderen Hals- und sodann aufder linken Seite der vorderen Brust-Wirbelsäule auf- oderangeschlagen sei. Deswegen wird man, sobald die Doppel-verletzung gelten soll, die Halbseitenläsion des Halsmarksals durch Contrecoup entstanden sich denken können, wieBernhardt vorgeschlagen hat. Doch dürfte die Annahmeeines zweifachen direkten Traumas eine Unterstützung
darin finden, dass einmal die Druckempfindlichkeit derWirbelsäule auf die vermutheten und räumlich getrenntenzwei Angriffsstellen des Geschosses lokalisirt ist, zwischendenen eine schmerzfreie Strecke liegt, und dass zweitensdie Stellung, in welcher Wicke die Kugel erhielt, einemAbgleiten des Geschosses ausserordentlich günstig w r ar.
Wendet man sich nunmehr der Lähmung des linkenHalssympathikus zu, welche mit Sicherheit aus derverkleinerten Pupille, der verkleinerten Lid-spalte, der Temperaturerhöhung und der Ab-magerung der Gesichtshälfte diagnostizirt' werdenkann, so entsteht die Frage, welcher von diesen beidenVerletzungen die Affektion des Sympathikus ihre Ent-stehung verdankt, oder ob dieselbe die Folge einerdirekten Beschädigung des Halsstammes und nicht dieindirekte Folge einer Halbseitenläsion ist. Eine bestimmteEntscheidung für das Eine oder Andere ist nicht mög-lich. Nur soviel kann behauptet werden, dass, wenndie supponirte Spinalerkrankung die Ursache ist, dieseErkrankung dann mit der Halbseitenläsion des Dorsal-markes identisch sein muss. Sie ist von den beiden alleinim Stande, die Erscheinungen an der linken Gesichtshälftedes Kranken zu erklären, denn, so führt Bernhardt aus,die Experimente Budge's beweisen, dass die Symptomeder Sympathikusdurchschneidung sich auch dann zeigen,wenn die entsprechende Rückenmarkshälfte verletzt ist,namentlich, wenn eine Seitenhälfte des Marks vom letztenHals- bis zum dritten Brustwirbel hin lädirt ist.
Die Symptome der Sympathikuslähmung l 3 /4 Jahr und11 3 A Jahre nach der Verwundung sind im grossen Ganzendieselben: Kleinere Pupille, kleinere Lidspalte, Thränendes Auges, Temperaturerhöhung der erkrankten Gesichts-hälfte, Schweissverlust ebendaselbst und Abmagerung.Bernhardt fand 1872 die Reaktion der Pupille träge,während 1882 die reflektorische auf Hautreize ganz fehlte,sonst nur die sympathische Mitbewegung verlangsamt war.Um die letzte Zeit stand auch der Bulbus 2 bis 3 mmweiter vor. Von Bernhardt fehlt hierüber eine Notiz.Das Vorstehen des Bulbus ist etwas Irreguläres, man sollteein Zurückweichen erwarten, wie es in anderen Fällenwahrgenommen wurde. Nicati und Seeligmüller erklärenes aus der Lähmung des m. orbitalis, eines Antagonistender Recti. Der erstgenannte Autor lässt ausserdem an demZustandekommen dieser Erscheinung die Verkleinerung desBulbus und die Atrophie des Orbitalfettes Theil nehmen.Auf das Zurückweichen des Augapfels glaubt Bärwinkelauch die Verengerung der Lidspalte zurückführen zukönnen. Allein bei Wicke bestand Protrusion des Bulbusund dennoch Ptosis. Darum ist an dem Herabhängen desoberen Augenlides und der Verengerung der Lidspaltewohl nur die Lähmung des Müller'schen Lidmuskels Schuld.
Die von Moebius angegebenen späten oder sekundärenSymptome der Sympathikuslähmung, Zurücksinken undWeicherwerden des Bulbus, konnten also bei Wicke nicht