Band VIL
III. Abschnitt: Nervöse Störungen nach Schussverletzungen des Halssympathikus.
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zu erinnern, glaubt vielmehr für die volle Sehschärfe auch deslinken eintreten zu können. Der Kranke liest, indem er dasBuch gerade vor den Kopf hält, aus einem medizinischen Werkeziemlich geläufig und nur zuweilen innehaltend, ein Wort wieder-holend. Er schiebt das Buch nicht mehr, wie früher, beimLesen nach links, dreht auch den Kopf nicht nach rechts, son-dern folgt den Zeilen, wie ein Gesunder, nur mit den Augäpfeln.Bei längerem Sehen auf die Buchstaben fängt das linke Augean zu thränen.
Die Stirnfalten sind rechts verstrichen, links deutlicherausgeprägt, das Runzeln geschieht links vollkommener alsrechts. Die Zunge weicht beim Herausstrecken mit der Spitzenach links ab.
Gehörsvermögen rechts im Vergleiche mit der anderenSeite ganz unbedeutend abgeschwächt.
Sensibilität der linken Kopf- und Gesichtshälfte einschliess-lich der Schleimhäute abgestumpft, die der rechten erhöht.
Starker Schweiss an der rechten Seite des Kopfes genaubis zur Mittellinie, während die linke absolut trocken ist.Diese ist magerer und wärmer als jene. Das Flächenthermo-meter zeigt eine Differenz von I e " C. zu Gunsten der linken.
Patient spricht verständlich, macht in den Sätzen häufigeine Pause, wiederholt einzelne Worte, um die Pause auszufüllenund sich inzwischen auf den richtigen Ausdruck für die weitergeplante Auseinandersetzung zu besinnen. Eine kleine An-deutung und Nachhilfe genügt, um ihn rasch die passende Be-zeichnung finden zu lassen. Er stottert aber nicht.
Am Halse und Nacken schneidet die Gefühlsabstumpfunggleichfalls in der Mitte ab.
Dasselbe gilt von den oberen Bumpfpartien. Kopf undSpitze einer Nadel werden rechts prompt unterschieden, bezw.schmerzhaft empfunden, links nicht. Es besteht hier aber einUnterschied in dem Grade der Sensibilitätsabschwächung der-art, dass das Gefühl am stärksten in einer mehr als hand-breiten, von der hinteren Wundnarbe gegen die Achselhöhleverlaufenden Zone herabgesetzt ist. In der Höhe des Nabelsgeht links der anästhetische Bezirk in einen hyperästhetischen,rechts der hyperästhetische in einen anästhetischen über, beider-seits sich fortsetzend auf die Unterextremitäten.
Die linke Oberextremität, nach allen Richtungen und insämmtlichen Gelenken frei beweglich, ist gut genährt undmuskulös. Die Hand übt einen kräftigen Druck aus. Sie ist,wie der ganze Arm, an dem heissen Untersuchungstage absoluttrocken. In den Falten der Hohlhand liegen die kleinenEpithelschuppen, welche sonst mit dem Schweisse abgewischtwerden, und glänzen wie Silberstreifen. Die Haut der Handscheint verdünnt und hat eine krebsrothe Farbe. Die Be-rührungsempfindung ist ihr verloren gegangen. Ab- undAdduktion, Flexion und Extension der Finger geht ungestörtvon statten. T. der Hohlhand, mit dem Flächenthermometergemessen, 35.0° C.
Die rechte Oberextremität hat am über- und Unterarmdenselben Umfang wie die linke. Die Interossei der Handscheinen etwas abgemagert. Die vier letzten Finger sind imzweiten und dritten Gelenke leicht gekrümmt und nicht voll-kommen streckiähig. Siimmtliche Finger stehen von einanderab und können willkürlich einander nicht genähert werden. DerHändedruck lallt schwach aus. Morgens nach dem Erwachenvermag der Kranke erst nach wiederholten forcirten Versuchendie krampihait gestreckten Finger zu schliessen. Die ganzeExtremität, in den grösseren Gelenken frei beweglich, schwitzt,am stärksten die Hand. T. der Hohlhand, auf gleiche Weisewie links gemessen, 35.8° C.
Die linke Unterextremität kann im Kniegelenke nichtvollkommen gestreckt werden, wegen einer geringen spastischen
Kontraktur der Flexoren des Unterschenkels. Sie ist von obenbis unten gegen äussere Eindrücke sehr empfindlich. Berührungmit kalten und sehr warmen Gegenständen ruft Schmerz her-vor. Der Patellarsehnenreflex zeigt eine sehr bedeutende Ver-stärkung, das Fussphänomen fehlt. Der Fuss schwitzt.
In der rechten Unterextremität mangelt bei freier Beweg-lichkeit die Empfindung für taktile Eindrücke ganz und gar,schmerzhafte werden verspürt, aber schlecht lokalisirt. DerPatellarreflex schwach vorhanden. Temperatursinn erloschen.Am Fusse kein Schweiss.
Trophische Störungen sind weder rechts noch links zukonstatiren.
Die Augenuntersuchung, von welcher die Gesichtsfeld-bestimmung und der ophthalmoskopische Befund am 18. Juni1883 durch Oberstabsarzt Dr. Burch ard t aufgenommen wurden,giebt folgende Resultate:
S. L. = 3 /5 unverbessert durch Gläser,S.R, = 1.
Das linke Auge steht 2 bis 3mm weiter vor als dasrechte. Die Lidspalte erscheint durch Herabhängendes oberen Lids enger als rechts. — Die Konjunktiva starkinjizirt. Die Pupille ist reaktionsfähig, direkt, sym-pathisch und auf akkommodative Impulse, aber vielenger als die der anderen Seite. Die sympathischeMitbewegung geht indessen träge und langsam vonstatten. Atropinwirkung gering. Augenhintergrunddunkel. Papille kreisrund, scharf abgegrenzt mit einer physio-logischen Exkavation in der Mitte von ' ¿ /-¿ mm Tiefe und 2 ls mmBreite. Obere Vene sehr dick; die Arterien halb so weit, als diezugehörigen Venen. Venenpuls.
Das rechte Auge reagirt auf Licht und Beschattung, sym-pathisch und auf Konvergenzstellung, rasch und prompt. Kon-junktiva weniger injizirt. Pupille doppelt so weit als links.Physiologische Exkavation ein wenig nach aussen von derMitte und viel weniger tief als links. Arterien 2 /3 so weit alsdie Venen. Venenpuls. Einen halben Millimeter nach aussenvom Papillenrande einzelne halbweisse Pünktchen und sichel-förmige Striche.
Schwache Hautreize an der rechten Halsseite be-wirken Erweiterung der rechten Pupille, die linkebleibt unbeweglich. Intensive Nadelstiche in dielinke Halsseite rufen gleichfalls nur Erweiterung derPupille des rechten Auges hervor.
Die Grenzen der Gesichtsfelder sind in den Figuren 4 und 5auf Tafel I durch eine volle Linie bezeichnet. Mit einem nor-malen (durch die unterbrochenen Linien begrenzten) Gesichts-felde verglichen , zeigt sich links eine bedeutende, rechts einewenig erhebliche Einschränkung.
Bewegungen der Bulbi nach allen Richtungen hin frei.Konsistenz derselben normal.
Die Analyse des vorstehenden Krankheitsfalles be-gegnet noch heut denselben Schwierigkeiten, wie bei dermilitärärztlichen Untersuchung im Dezember 1870. Ambesten wiederholt man das, was diese zuerst aussprach:„Das Krankheitsbild ist so komplizirt, dass die Deutungund das Abhängigkeitsverhältniss der einzelnen Erschei-nungen sich zumeist nur im Kreise von Vermuthungen be-wegt", trotzdem, wie man hinzusetzen muss, der Ver-wundete jetzt die präziseste Anamnese zu geben wiederim Stande ist.
Gleichzeitig mit oder unmittelbar nach der Schuss-verletzung trat ohne Zweifel ein intrakranielles Leiden