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IV. Kapitel: Erkrankungen des Central-Nervensystems und nervöse Störungen nach Verletzungen.
Denn wenn man mit dem Nadelkopf den Ulnarnerven amEllenbogen leise berührt, so hat Patient im Verlaufe desganzen Nerven von der Schulter bis zur Spitze des kleinenPingers momentan das Gefühl des Eingeschlafenseins.
II. Fall von Bernhardt.
Berliner klinische Wochenschrift 1872. Nach den Militär-Akten ver-vollständigt, und mit einem 10 Jahre später von Neuem erhobenen
Befund.
Arnold Wicke, geboren am 1. Dezember 1845 zuDeder-städt, Mansfelder Seekreis, — bei Ausbruch des Krieges Stud,mathein. — erhielt am 4. August 1870 als Unteroffizier der7. Kompagnie 2. Niederschlesischen Infanterie-Regiments No. 47bei Weissenburg in kauernder Stellung auf etwa 300 SchritteEntfernung vom Feinde eine Kugel, welche dicht am Innenrandedes linken Kopfnickers 1 Zoll über seiner Klavikularinsertionein- und links vom Dornfortsatz des 4. Brustwirbels austrat.Er fiel bewusstlos eine kleine Böschung hinab in einen Wasser-graben und wäre unfehlbar in demselben ertrunken, hätte ihnnicht sogleich ein braver Kamerad mit Gefahr seines Lebensherausgezogen.
Erst in Karlsruhe, wohin er transportirt worden, kam erwieder zu sich, war an allen vier Extremitäten gelähmt, musstegefüttert und kathetrisirt werden, konnte nicht lesen und nichtsprechen, brachte Wochen lang nur das Wort „Du" heraus.Der behandelnde Arzt entfernte zu verschiedenen Malen ausder hinteren Wundöffnung Knochensplitter. Der Schusskanalheilte ziemlich schnell zu.
Im Oktober 1870 vermochte er auf kurze Zeit das Bettzu verlassen. Er lernte durch Vorsagen und Aufschreiben, wieein Kind, allmälig wieder etwas sprechen und lesen, hatte esaber im Dezember 1870 in beiden Fähigkeiten noch nicht soweit gebracht, dass er seine Wünsche einem Dritten verständ-lich machen konnte.
In diesem Monate war die rechte Ober- und linke Unter-extremität noch derart gelähmt, dass der Patient sie nur weniggebrauchen konnte und im Sinne des Invalidengesetzes alsdoppelt verstümmelt anzusehen war. Es bestand ausserdemeine linksseitige Trigeminusparalyse und eine Parese der rechtenUnterextremität. Das Krankheitsbild war, wie sich der unter-suchende Militärarzt am Schlüsse des Attestes ausdrückt, sokomplizirt, dass, bei dem Mangel verständlicher Angaben durchden Verwundeten, die Erscheinungen nicht genügend erklärtwerden konnten.
Im Oktober 1871 — Patient hatte während des Sommerseine dreimonatliche Kur in Baden-Baden durchgemacht —zeigten sich der rechte Arm und das linke Bein gelähmt, dieSprache sehr gestört und die intellektuellen Fähigkeiten starkvermindert.
Im Juli 1873 fand eine neue militärärztliche Unter-suchung statt. In dem Atteste wird der Zustand kurz sobeschrieben:
„Motorische Lähmung der rechten Gesichts- und Zungen-hälfte, des rechten Oberkörpers, des rechten Armes, linkenBeines und Unterleibs, sensible Lähmung der linken Gesichts-und Zungenhälfte, des linken Armes, des linken Oberkörpers,des rechten Beines und Unterleibs; Sehvermögen auf dem linkenAuge sehr herabgesetzt, besonders das Gesichtsfeld sehr ein-geengt; Exkavation der linken Papille, Einschränkung des Seh-feldes im äusseren oberen Quadranten auch des rechten Auges.Die Zunge wird schief herausgestreckt, die Sprache ist lallend.
Das Denkvermögen ist so geschwächt, dass W. nicht im \ist, fliessend Gesprochenes zu verstehen, noch weniger abetselbst zu äussern. Namen für Dinge werden nur schwerfunden und schwer ausgedrückt. Das Gedächtniss fehltganz, zumal für Gegenstände seiner früheren Beschäftige;
Bernhardt, in dessen Behandlung der Patient m)1872 trat, hat in der Berliner klinischen WochensctJahrgang 1872 No. 47, eine detaillirte Schilderungklinischen Befundes mit folgenden Worten niedergele
„Der Kranke ist ein kräftig gebauter, mittelgrosser 1von ziemlich entwickelter Muskulatur und ebensolchem iniculus adiposus.
Am Halse vorn, am Innenrand des linken m. sternocleièetwa zwei Querfinger breit oberhalb des linken Sternoklavihgelenks befindet sich eine gut groschengrosse, auf Drschmerzhafte Narbe, die Eingangsöffnung des Schusses. Hi:am Rücken bemerkt man in der Höhe des 4. Rückenwlinks am proc. spinosus eine unter dem Niveau der Haut liegtzweigroschenstückgrosse Narbe, deren blosse Berührung.Patienten in hohem Grade empfindlich ist.
Druck auf die proc. spin, der fünf obersten Nackenwist für den Kranken sehr schmerzhaft; vom 6. Halswirktbis zum 3. Brustwirbel hin erregt selbst starker Drucktunangenehmen Empfindungen. Die Umgebung der Ischmerzt dagegen schon beim blossen Berühren, während ihalb derselben, bis zum Beginn der Lendenwirbel hin, istärkerer Druck als durchaus nicht schmerzhaft empfunden!Die Lendenwirbel selbst aber und das Os sacrum könneiunter Erregung lebhafter Schmerzempfindungen gedrückt wer
Während das rechte Schulterblatt und die rechte vor.Brustseite schmerzfrei sind, klagt Patient spontan über Sekzen in der Gegend des dritten vorderen linken Interbraumes und des linken Schulterblattwinkels : hier aber so v.als über den schmerzenden Wirbeln ist es die Haut stwelche gedrückt besonders empfindlich wäre, sondern esdie tiefer liegenden Gebilde.
Die Untersuchung des Herzens und der Lungen ertnichts Besonderes.
Beim Betrachten des ruhig dasitzenden Patienten fall;Gesicht vor Allem das Weitoffenstehen des rechten AugesVergleich zum linken auf.
Das ganze linke Auge erscheint kleiner, dielspalte schmaler als am rechten Auge, das obere Lid'ptotisch gesenkt. Die Pupille des linken Auges istdeutend kleiner als die des rechten, reagirt aberLichtreiz, wenn auch weniger schnell und ausgiswie die rechte. Zeitweilig thränt das linke Auge-stark, während das andere trocken bleibt; desgleichen sii:Zeiten die linken Konjunktivalgefässe gefüllter alsrechten. Die ganze linke Gesichtshälfte zeigt sielVergleich zur rechten etwas magerer, und obgleWselbst oder die Konjunktiva des linken Auges für gewöhnlichbesonders geröthet erscheinen, fühlt sich die linke Genthälfte, namentlich in der Umgebung des übrigens nicht besonrothen Ohres, wärmer an als die rechte Hälfte des GesirTemperaturmessungen in beiden äusseren Gehörgängen Mlinks das Ohr und Umgebung um mehr als IV2 ° C. wänals rechts; umgekehrt war die Temperatur der linken HaueVergleich zu der der rechten fast um 2 ° C. niedriger.
Dies bestätigt auch der Kranke selbst, sowie nan»seine Freunde und Bekannten, welche ich deswegen genaue;fragte ; mit Entschiedenheit geben ferner Kranker und Ubung, wiederholentlich zu verschiedenen Zeiten befragt
halten ;
Weise,