Druckschrift 
3. Chirurgischer Theil A (1890) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Allgemeiner Theil
Entstehung
Seite
302
Einzelbild herunterladen
 

302

III. Kapitel: Grössere Operationen.

Band III.

Allgem.T

Zwei Aussägungen wurden primär ausgeführt undzwar beide Male mit Ausgang in Genesung, jedoch un-befriedigendem Endergebniss.

2. E., Hauptmann, verwundet am 1. September 1870:Schussbruch des linken Oberarms. Eine halbe Stunde nach derVerletzung Aussägung am Oberarmschafte durch FranzösischeAerzte, wobei 7 cm der Bruchenden entfernt wurden. Heilungmit völligem Schlottergelenk. (Vergl. V. Bd. dieses Be-richtes, S. 546 No. 9.)

3. W. N., vom 6. Westfälischen Infanterie-Regiment No. 55,verwundet am 6. August 1870: Gewehrschuss in den rechtenOberarm mit starker Splitterung. 20 Stunden danach AussägungderBrucbenden durch Generalarzt Bardeleben. Endergebniss:Falsches Gelenk,Narbenverwachsung mit dem Defekt.Lähmung des Oberarms und der Hand. (Vergl. V. Bd.dieses Berichtes, S. 549 No. 37.)

Ausser bei den beiden soeben (unter 2 und 3) er-wähnten bildete sich noch bei 4 anderen Operirteu ein falschesGelenk, und zwar 3 mal mit völliger Unbrauchbarkeit desArms; bei einem der letzteren (Grenadier PI. vomGrenadier-Regiment No. 4) wurde 1 Jahr nach der Ver-wundung, nachdem ein Schussbruch des Oberarms unterzuwartender Behandlung zu Schlottergelenk und Kariesdes unteren Bruchendes geführt hatte, die Schaftaussägungzur Hebung der Pseudarthrose doch auch ohne Erfolgunternommen. Es blieb wieder ein Schlottergelenk mit sehrstarker Abmagerung und Unbrauchbarkeit des ganzen Armszurück.') Nur eine einzige Pseudarthrose wurde insofernmit Glück operirt, als knöcherne Verwachsung erfolgte:

4. PL, vom 8. Sächsischen Infanterie-Regiment No. 107,verwundet am 2. Dezember 1870 bei Villiers: Gewehrschuss inden rechten Oberarm. Splitterbruch. Am 6. Dezember: Aus-sägung der Bruchenden. Danach Pseudarthrosis. Am 14. März1871 wurden im Reservelazareth Leipzig 5 KarlsbaderNadeln eingestossen und feststellender Verband angelegt.Heilung mit Verkürzung um 2cm. Arm im Schulter-gelenk schwer beweglich; rechtwinklige Steifheit desEllenbogengelenks. Winkelstellung des Handgelenks.Herabsetzung der Hauttemperatur des Arms undgrosse Schwäche desselben. (Vergl. V. Bd. dieses Berichtes,S. 549 No. 40.)

Ueber den oben erwähnten Grenadier PL vom Grenadier-Regiment No. 4 liegt ausser einem Attest aus dem Jahre 1872auch ein solches aus dem Jahre 1889 vor. Die im V. Bandedieses Berichtes (S. 549 No. 41) enthaltenen Angaben könnendanach folgende Erweiterung erfahren:

PL wurde am 18. August 1870 in der Schlacht bei Grave-lotte durch eine Gewehrkugel, welche das Oberarmbein zer-schmetterte, verwundet. Am 22. August 1870 fand er Aufnahmeim Reservelazareth zu Trier; am 6. April 1871 erfolgte seineUeberführung in das dortige Garnisonlazareth.

Bei der Aufnahme im letzteren zeigte sich nach demKrankheits-Journal durchaus keine Verwachsung des zer-schmetterten Oberarmbeins. Nachdem im Juli 1871 fest-

») Siehe V. Band dieses Berichtes S. 549 No. 41.

gestellt war, dass uoch die gleiche Beweglichkeit der Kenden gegen einander bestand, und dass das untere Em Uin weiter Ausdehnung (gegen 6 cm) abgestorben vdie Aussägung am Oberarmbein unternommen. \,ist aber auch danach nicht eingetreten.

Eine Untersuchung am 12. Februar 1872 erwabFolo uAn dem stark abgemagerten rechten Oberarm bemerktetwas unter der Mitte drei Narben. An der vorderenhinteren Seite befinden sich die vernarbten Schussöfaussen eine etwa 8 cm lange Schnittnarbe, welche yotOperation herrührt; die beiden Bruchstücke des OberanjLsind in derselben Gegend durch einen über 4 cm betriNarbenstrang mit einander verbunden, mittelst desiuntere Ende zum oberen nach allen Seiten in einen %von etwa 135 Grad gestellt werden kann. Knochenneuhiist vollkommen ausgeblieben, die Knochenenden sind ab»emund zeigen keine Anschwellung. Das Ellenbogenge]nur geringe passive Bewegungen zu, aktive sind mausführbar, es steht ungefähr im rechten Winkel. In (ausgedehnterer Weise könnnen (passiv) Bewegungen im Stillgelenk gemacht werden, die aktive Beweglichkeit ist hierausgering. Der Unterarm zeigt sich ebenfalls sehrdie Hand von bläulicher Farbe und kühl; dassteht unter Beugung der Finger in halberGeraderichtung des Handgelenks und der Finger ist mir «leicht ausführbar. Alle Streckmuskeln des Unterarms waiweder durch den Willen noch durch Elektrizität in ThätijJversetzt; die Beugemuskeln ziehen sich, soweit die durch jlange Ruhe erzeugte Atrophie derselben es zulässt,zusammen. In Folge des falschen Gelenks und der Lähiilist die Brauchbarkeit der rechten oberen Gliedmaasse deJgestört, dass der Zustand dem Verluste derselben . [achten ist.

In dem Atteste vom 22. Dezember 1889 lautet derTaJsuchungsbefund wie folgt:

Der ganze rechte Arm ist sehr beträchtlich abgemijder rechte Oberarm um 6 cm kürzer als der link |unter der Mitte sieht man am rechten Oberarm drei ||von denen die an der vorderen Seite befindlichelang, die an der hinteren Fläche sitzende 2 cm lang m;|an der Aussenseite befindliche 11 cm lang ist. Die 1rührt von einer Operation (Aussägung der Mitte des Obknochens) her, während die ersteren von einer Scbussverlet^stammen. Die beiden Bruchstücke des Oberarmbeins sindtlin der Mitte des Oberarmes durch einen etwa 1.5 cm .iNarbenstrang, in dem keine Spur von Knochen zu fühlen 1mit einander verbunden. In diesem falschen Gelenke lai|untere Ende zum oberen nach allen Richtungen hin in«Winkel von etwa 120 Grad gestellt werden; in Folge!falschen Gelenkes baumelt der unterhalb desselben lie;^Theil des Armes wie eine leblose Masse hin und her 1Schultergelenk lässt sich der Arm bezw. das oberhall Ifalschen Gelenks liegende Stück desselben passiv in gs-ilAusdehnung hin und her bewegen. Im Ellenbogengeleisich passiv eine Beugung bis zu einem rechten W inlfast völlige Streckung ausführen, während Drehbewegurff]Unterarmes bezw. der Hand so gut wie unmöglich sindHandgelenk kann bei unterstütztem Unterarm aktiv noch sbewegt werden, auch vermag PL die Finger derHandzustretlund zu schliessen und Gegenstände damit zu fassen. OkeaStützapparat ist der rechte Arm für den Untersuchten*!wie nicht vorhanden, während er mit einem solchemdie rechte Hand etwas gebrauchen kann.