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III. Kapitel: Grossere Operationen.
Band III.
aus demselben Feldzuge und B. v. Beck 1 ) auf Grund der Er-fahrungen aus dem Badischen Aufstande, sprachen sich durch-aus zu Gunsten der primären Gliedabsetzungen aus.
Wie im Krimkriege die in Eede stehenden Verhältnissesich gestalteten, ist aus der vorstehenden Uebersicht III unddem Texte auf Seite 204 ersichtlich. Die ausserordentlich grosseZahl der dort vorgenommenen Amputationen erklärt sich zumTheil aus den besonderen Umständen dieses Krieges. (Vergl.Richter a. a. 0., S. 718.)
Löffler ) stellte 1859 unter Hinweis darauf, dass dienächsten Feldzüge wahrscheinlich das Gebiet der erhaltendenChirurgie wesentlich erweitern würden, als Anzeigen für Glied-absetzung hin:
1. Völlige oder fast völlige Abreissung eines grösserenGliedes,
2. Zertrümmerung der Weichtheile und Knochen durcheine streifende Kanonenkugel bei ganz oder fast unverletzter Haut,
3. Gleichzeitige Verletzung der Gefäss- und Nervenstämmeeines Gliedes,
4. Schussbrüche mit Verletzung der grossen Blutgefässe,
5. Sehr ausgedehnte Zerstörung der Haut.
Dabei betonte er scharf, dass die Gliedabsetzung ihrenZweck, die Lebensrettung, am sichersten erfülle, wenn sie inden ersten 24 Stunden nach der Verletzung verrichtet werde:bei der Vornahme am 3. und 4. Tage sei die Vorhersage amschlechtesten.
Eine neue Stütze erhielt die Ansicht von dem Werthe derfrühzeitigen Amputation durch Demme's Statistik aus demItalienischen Kriege 1859. 3 ) Vor ihm hatte Paul 4 ) in einer Preis-schrift durch eine Gegenüberstellung von 1837 primären und2389 sekundären Gliedabsetzungen nachzuweisen gesucht, dassdie letzteren die besseren Erfolge ergeben haben. Da Paul'sStatistik Amputationen aus der Friedens- und Kriegsthätigkeitgemischt enthält, so kann sie der Demme'schen gegenüber,die sich nur auf Kriegsamputationen bezieht, nicht beweisendsein; doch darf sie nicht unerwähnt bleiben, weil der Haupt-vertheidiger der sekundären Gliedabsetzungen in neuester Zeit,Neudörfer, sich auf dieselbe bezieht.
Trotz der für die Primäramputation sprechenden Statistikder Neuzeit war die Uebereinstimmung der Kriegschirurgennoch in jüngster Zeit mit Bezug auf die in Rede stehende Fragekeine vollständige. Pirogoff 5 ) namentlich sprach sich klar undentschieden gegen die frühzeitigen Operationen aus. Aus einemAnhänger der primären Gliedabsetzungen war er durch seineErfahrungen im Kaukasischen Kriege ihr Gegner geworden. Erhielt es bei Beginn desselben 1847 beinahe für ein „Kapital-verbrechen", dass dort sehr wenig amputirt wurde. Dagegenhaben ihn seine Erfahrungen über Primäramputationen bei derBelagerung von Salti und über Sekundäramputationen bei derBelagerung von Sebastopol zu der Ueberzeugung gebracht,„dass in dem Haschen nach energischen und frühzeitigen Hilfe-leistungen auf dem Schlachtfelde kein Heil zu finden ist".
J ) v. Beck, Die Schusswunden. Heidelberg 1850. — Vergl.hierzu das auf S. 197 über die Operationen auf dem südöstlichenKriegsschauplatz Gesagte.
*) Löffler, Grundsätze und Regeln für die Behandlung derSchusswunden im Kriege. Berlin 1859. S. 46 ff. und 76 ff.
3 ) Demme, Allgemeine Chirurgie der Kriegswunden, nach Er-fahrungen in den Norditalienischen Hospitälern von 1859.
4 ) Paul, Konservative Chirurgie der Glieder. Breslau 1859.
b ) Pirogoff, Grundzüge der allgemeinen Kriegschirurgie.Leipzig 1864.
Pirogoff weist nach, wie die Frage, ob man frühze-- Ispät amputiren solle, von der Frage nach der Erhalt 1Gliedes garnicht zu trennen sei. Er lässt nur 2Anzeigen für die primäre Gliedabsetzung zu:
1. Die vollkommenen Ablösungen und Zermalmun»Gliedmaassen durch grobes Geschoss und
2. Zermalmungen der Gelenke oder derVerletzung der Hauptgefässe und Hauptnerven.
In allen übrigen Fällen von Schussverletzungen der('Jmaassen muss nach ihm die Erhaltung des Gliedes intjkommen. Für die Entscheidung derselben giebt es nacUgoff drei Anhaltspunkte:
1. Eine rationelle oder vielmehr aprioristische VerrieitJder Vortheile und Nachtheile der Verletzungsart und H«, 1putation,
2. die chirurgische Statistik und
3. die persönliche Erfahrung.
Von den rein rationellen Gründen hielt er nicht vifichirurgische Statistik leidet, wie er in einer trefflichenhStellung nachweist, an so vielen Mängeln, dass sieweisend ist; somit blieb für ihn nur die persönliche ErfahrJübrig, die bei ihm gegen die Primäramputationen
Auf den entschiedensten Standpunkt als Gegner derFriamputation stellte sich Neudörfer.') Gegen die theoretistjAusführungen der Anhänger der Frühamputation, T0 Jdurch die Gliedabsetzung aus einer unregelmässigen, zerrinnWunde, wie sie Geschoss und Knochensplitter erzeugen, iglatte, regelmässige mit Haut bedeckte Wunde gemacht«die bessere Aussichten für die Heilung biete als die StlJwunde, machte er geltend, dass jede Amputationswunde, \sie alle Gewebe durchtrennt, die grösste und gefährliiVerletzung sei, die an dem betreffenden Orte gesetztwrtkönne. Die Gefahr, an Pyämie zu Grunde zu gehen,grösser, je frischer der Verwundete den Hospitalschädlichktijausgesetzt werde; sie nehme erst wieder ab, wenn 1Eiterung bei längerem Hospitalaufenthalte stattgefunden,«die besseren Heilergebnisse nach Gliedabsetzungen wegen tlJnischer Krankheiten zeigen sollen. Deshalb verspreche 1Spätamputation bessere Erfolge als die frühe, und zwrjSpätamputation im strengsten Sinne des Wortes. Nach«die unbedingten Anzeigen für Gliedabsetzung, deren PirogJzwei aufstellte, von Neudörfer auf die eine der vollständijfZerschmetterung durch grobes Geschütz herabgesetzt sind,er aus den angeführten theoretischen Gründen alle ütaFälle von Schussverletzungen der Gliedmaassen der erhalteilBehandlung und damit nöthigenfalls der ganz späten Ampatitlüberweisen. Gegen eine Entscheidung zu Gunsten der FriTamputation in den letzteren Fällen sprach in seinen All,ausser seinen theoretischen Gründen die Statistik von Malgiifiund Paul; für die erhaltende Behandlung aber mit etmjSpätamputation seine eigene Erfahrung. Auch er betont, kdie kriegschirurgische Statistik in ihrer vorläufigen Entfaltlselbst wenn sie für die Frühamputation spräche, wu lAnsicht nach nicht der Fall ist, nicht beweiskräftig sei.
Für die Deutschen Aerzte im Kriege 1870/71 wartijLehren maassgebend, welche Stromeyer, B. v.Langv. Esmarch, Bardeleben, v. Beck u. A. im Wesentüübereinstimmend verbreitet hatten. In seinem 1868 erschien„Lehrbuch der allgemeinen Kriegschirurgie" waren diivon H. Fischer wie folgt zusammengefasst:
>) Neudörfer,bis 1872.
Handbuch der Kriegschirurgie.