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3. Chirurgischer Theil A (1890) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Allgemeiner Theil
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| Band IU. Allgem. Theil.

IL Abschnitt: Hospitalbrand und Wunddiphthe

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Heine erzählt, dass er in Nancy in einem grossen,überaus luftigen und im Bau noch nicht vollendeten Tabak-' fabrikgebäude, welches als Lazareth für SchwerverwundeteI eingerichtet und seiner Leitung übergeben worden war,einige Fälle von ausgesprochenem pulpösem Hospitalbrand inI der Behandlung eines Französischen Arztes auftreten sah,lund zwar in einem sehr grossen Saal mit gegenüberliegenden[Fenstern, der für Offiziere bestimmt war, daher nur wenigeBetten enthielt. In anderen Sälen, welche die ganzeBreite und einen grossen Theil der Länge eines Stock-| Werkes einnahmen mit den darunter und darüber befind-lichen in offener Verbindung standen und Fenster an Fensterbesassen, kamen in der Folge gleichfalls einzelne diphtherisch-geschwürige Wunderkrankungen vor.

Beispiele gleicher Art bieten die Barackenlazarethein Mannheim, Cöln, Düsseldorf, Frankfurt a. M. undjudwigsburg, das Schlosslazareth in Versailles sowiedie Beservelazarethe im Welfenschloss zu Hannover, in[anau und Schwetzingen. Als besonders beachtens-yerth sei eine einschlägige Mittheilung von Fischer hiereingeschaltet:

Ich wurde in Saarbrücken Ende September bei demOberst v. E. konsultirt, der am 6. August 1870 bei Spichereneinen Schuss ins untere Drittel des linken Unterschenkels mitStreifung des Schienbeins bekommen hatte. Die Wunde waranfänglich vortrefflich geheilt, seit 14 Tagen aber trat eineerhebliche Verschlimmerung ein, die Eiterung wurde sehrreichlich und jauchig, die Wunde vergrösserte sich dabeiäusserst rasch und sah sehr schlecht aus. Ich fand denranken in einem prachtvollen, dreifenstrigen Saal einesschlossartigen Gebäudes ganz allein, im ganzen Hause war keinanderer Verwundeter gewesen und v. R. hatte hier von Anfang

lan gelegen. Derselbe brachte dabei den grössten Theil dess in einem grossen, schönen, mit prächtigen alten Bäumen

I bestandenen Garten zu, der dicht am Hause lag, und wurde

Im der liebevollsten und ausgesuchtesten Weise gepflegt.

[Trotzdem zeigte seine Wunde alle Erscheinungen des pulpösenHospitalbrandes; die Geschwürsfläche war fast handtellergross,sie reichte an der hintern Fläche des Unterschenkels von einemKnöchel bis zum andern, die Knochen waren theilweise ent-

I blösst, die Sehnen lagen durchweg frei und theilweise abge-storben in dem Geschwürsgrunde. Die Aerzte, welche den

| verwundeten behandelten, versicherten mich, in keinem Lazaretheinen Hospitalbrandigen zu haben. Es war aber zu der Zeiteine grosse Menge von Ruhrkranken in Saarbrücken, unddie Eisenbahn brachte täglich eine grosse Zahl neuer undschwerer Fälle der Art von Metz her. Nicht weit von dem»arten des Schlosses, in welchem v. R. zu liegen pflegte,

[befand sich ein solches Ruhrlazareth. Da das Fussgelenk nichteröffnet war, so versuchte ich trotz des elenden Allgemein-zustandes und des hohen Fiebers noch eine Erhaltung des

juhedes durch eine kräftige Aetzung mit rauchender Salpeter-saure. Zur Amputation konnte ich mich nicht entschliessen,da ich glaubte, an der Erhaltung des Gliedes noch nicht ver-en zu müssen, da ich fürchtete, dass die Amputationswundeauch hospitalbrandig werden könnte und da ich nicht hoffentonnte, durch die Absetzung des Unterschenkels den drohendenAusbruch der Pyämie verhüten zu können. Anfänglich ging esdem Kranken nach der Aetzung vortrefflich. Wir brachten ihnpr grösseren Vorsicht in das hochgelegene alte Saarbrücker

Schloss in grosse stattliche Zimmer und den Tag über in dendaneben liegenden schönen Garten. Nach einer Woche aberschon brach die Pyämie aus, die nach langem, schweremKampfe den überaus kräftigen Mann dahinraffte."

Weit häufiger indess waren da, wo Hospitalbrand zumAusbruch und zur weiteren Verbreitung kam, hygienischeMissstände 1 ) nachweisbar. Namentlich trifft dies zu fürdie Feld- und Kriegslazarethe, zumal für diejenigen, welchevor Metz sowie bei und in Sedan etablirt waren. Schädlich-keiten mehr allgemeiner Art, Verunreinigung enger Strassenmit Düngerhaufen und thierischen Auswurfsstoffen, die Näheeines Schlachtfeldes, ungünstige Witterungsverhältnisse, ver-einigten sich mehrfach mit örtlichen Uebelständen: engem,nicht heizbaren Räumlichkeiten, ungenügender Lüftung,Verunreinigung der Krankenräume und Gebrauchsgegen-stände durch Blut und Wundflüssigkeiten, der unmittelbarenNachbarschaft höchst unzweckmässig angelegter Latrinen,z. B. in Ars s. Moselle, Verneville, Hagondange,Teterchen, Pfalzburg, Sedan, Bazeilles, Bazochesles hautes, Meung s. L., La Queue en Brie u. s. w.

Seltener wurde die vorübergehende Ueberfüllung mitVerwendeten allein als Ursache angeschuldigt, wohl abersah man Wunddiphtherie und Hospitalbrand sich entwickeln,wenn längere Zeit hindurch eine grössere Zahl eiternderVerwundeter in denselben Räumlichkeiten allein oder mitRuhr- und Typhuskranken 2 ) zusammengelegen hatten,wie beispielsweise im Petit-Seminaire in Pont ä Moussonund im Lazareth Ziehwald bei Neunkirchen.

In dem Lazareth Ziehwald, äussert sich Fischer,handelte es sich um eine reine Spitalepidemie, denn inden anderen Spitälern zu Neunkirchen kam zur selbenZeit kein Fall der Art vor, vielmehr sahen alle Wundendaselbst vortrefflich aus.ich kann den Verdacht nichtunterdrücken, dass die grosse Zahl schwerer Typhus- undRuhrfälle, welche zu dieser Zeit im Lazareth Ziehwaldbehandelt werden mussten, zum Ausbruche des SpitaLbrandes in diesem Lazareth besonders beigetragen haben trotz Absonderung der Zimmer. Es handelte sich hieralso um einen ganz örtlichen Infektionsherd, und unsereFälle verdienen daher den Namen ,Hospitalbrand'.

Im Einzelnen sei noch hervorgehoben, dass im Tabaks-manufakturgebäude in Nancy Hospitalbrand in einemZimmer auftrat, welches über einer Leichenkammer lag. 3 )

Bemerkenswertherweise waren es öfter ältere Schlösser,Klöster, Kirchen, Schulgebäude, Colleges, Rathhaus- oderTanzsäle, in welchen Wunddiphtherie oder Hospitalbrandzum Ausbruch kam, wie z. B. in Ars s. M., Cour Celles,Pont ä Mousson, Teterchen, Reims, Etampes,Amiens, Orly, Meung s. Loire; oder aus Französischen

1 ) Siehe zu dem Folgenden auch im Vorstehenden S.62 (Teterchen),67 (Neuhaus), 69 (Tournan), 70 (Ars s. Moselle u. Liegnitz\ 71 (Orleans),73 (Hildburghausen).

2 ) Siehe hierzu vorstehend S. 76.

3 ) Vergl. vorstehend S. 70.