Druckschrift 
3. Chirurgischer Theil A (1890) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Allgemeiner Theil
Entstehung
Seite
127
Einzelbild herunterladen
 

Band III. Allgem. Theil.

II. Abschnitt: Hospitalbrand und Wunddiphtherie.

127

Unwohlsein, Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, wiederholtesFrösteln voraus, bis nach 2 bis 3 Tagen unter Fieber dieVeränderungen an den Wunden zu Tage kamen. NachBeobachtungen von So ein in den Eeservelazarethen zuKarlsruhe setzte in den reinen Fällen, d. h. wenn Nicht-fiebernde von Hospitalbrand befallen wurden, das Fiebermit einem heftigen Schüttelfrost ein, erreichte rasch einenhohen Grad (40.a), nahm darauf den remittirenden Charakteran und endete mit Lysis, wobei vielfach dieser regelmässigeGang der Fieberkurven durch die Behandlung abgeändertwurde.

Einleitender Frost wurde zwar oft beobachtet, waraber keineswegs regelmässig; im Berliner Baracken-lazareth wurde in den Fällen, in welchen nicht später Roseoder Pyämie zu Tage trat, Schüttelfrost nie beobachtet(Heiberg). Hingegen traten in Pithiviers beim Ausbruchdes Hospitalbrandes, welcher die Ausgangsöffnung eines fastvöllig vernarbten Fleischschusses in der 7. Woche nachder Verwundung befiel, wiederholte Schüttelfröste auf, ohnedass eine anderweitige Komplikation stattfand. Im Feld-spital Neuberghausen kehrten die Schüttelfröste bei4 Erkrankten in kurzer Zeit 3, 5 und 6 mal wieder, ohnedass gleichzeitig Pyämie bestand. Auch ein eigenartigerTypus des Fiebers konnte im Allgemeinen nicht gefundenwerden; die Temperaturkurven waren meist unregelmässig,abendliche Steigerungen häufig; die Wärmeerhöhungen imDurchschnitt massige; die höchsten Temperaturen am Abendoder auf der Höhe der Erkrankung erreichten nur selten41 bis 42.2° C. ohne üblen Ausgang. Bei der Epidemieiu Amiens betrugen die Körpertemperaturen 39 bis 40°.InEtampes verliefen die Erkrankungen an Hospitalbrand,welche nicht anderweitig komplizirt waren, ohne hohesFieber, während des Fortschreitens des Brandes bestandentägliche Temperaturschwankungen zwischen 37 bis 39°.Plötzliche Temperatursteigerungen bis 41° wurden beijMteransaminlungen oder Eiterherdbildungen in der Tiefe,sowie bei dem Hinzutreten von Rose beobachtet. In denEeservelazarethen zu Hannover stieg die Temperaturnur bei Einzelnen über 40.o°. Im ReservelazarethSchwetzingen war ihr Maximum 40.6°. Im Reserve-lazareth Düsseldorf blieb selbst in allen schweren Fällendie Temperaturerhöhung eine sehr geringe, meist nichtüber 38.5 bis 39.o°, so lange keine schweren Komplikationeneingetreten. Im Berliner Barackenlazareth hat das Fiebermehr als 41.o° nie erreicht, und selbst 40.o° war selten; auchbei heftigen Abendsteigerungen konnte man häufig amMorgen 37. 5 und 37.o bis 36.o° finden. Der Abfall derTemperatur ging für gewöhnlich Hand in Hand mit derReinigung der Wunde. Nach Aetzungen sank die Eigen-wärme meist rasch; zuweilen kehrte dieselbe noch am selbenAbend zur Norm zurück. (Reservelazareth Hannover).Ein Gradunterschied des Fiebers bei der einen oderanderen Brandform Hess sich nicht erkennen, wohl aberkonnte als Regel angesehen werden, dass die Höhe der

Fiebererscheinungen sich abhängig zeigte von dem Gradder septischen Infektion. Dies entspricht den heutigenAnschauungen, nach welchen das Hospitalbrandfieber imWesentlichen als ein septisches Fieber aufzufassen ist.

Unter den übrigen Allgemeinerscheinungen herrschtengastrische Störungen vor, welche in einzelnen Fällen zuErbrechen und Durchfällen sich steigerten. Letztere Kom-plikation kam häufiger während der Wintermonate (Januar)vor. Im Berliner Barackenlazareth steigerten sich auf derHöhe der Erkrankung in 3 Fällen die gastrischen Störungenin dem Maasse, dass die Kranken durchaus Nichts bei sichbehielten, sich sofort übergaben und von Durstgefühl ge-quält wurden; durch Eiswasser und vollständiges Hungerngelang es, die Beschwerden in einigen Tagen zu beseitigen.Albuminurie wurde vereinzelt auf der Höhe des Fiebersbeobachtet (Reservelazareth Göttingen).

Allgemeine nervöse Aufregung, grosse Empfindlichkeitgegen äussere Reize waren besonders in den Feldlazarethenhäufig, Delirien im Ganzen selten. In vereinzelten Fällen(Reservelazareth Darin staeft) traten bei geringem Fieberstarke Erregungszustände auf. Von geistiger Verstimmungund Niedergedrücktheit wurde verhältnissmässig wenig be-richtet; bezeichnend ist in dieser Beziehung Heiberg'sAusspruch hinsichtlich der Hospitalbrandigen im BerlinerBarackenlazareth:Wie Viele kamen nicht weinend in dieBaracke, wie viele Andere mit ernsthaften, betrübten Ge-sichtern und noch Andere steif, fast reaktionslos, wie zumTode verurtheilte Verbrecher. Aber daran waren die Aerzteund die betreffenden Damen zum Theil Schuld. Kein Arztund keine Dame schied gern von dem lieb gewordenenSoldaten, und wenn Brand diagnostizirt worden war unddie Leute nach der Brandbaracko dirigirt werden mussten,trösteten sie dieselben so eifrig und versprachen ihnensoviel, dass sie im höchsten Grade ängstlich wurden undsich wie zum Tode verurtheilt fühlten. Nachdem sie sichaber an die freundliche Baracke und die neuen Bekannt-schaften gewöhnt hatten, befanden sie sich wie andere Ver-wundete, rauchten ihre Cigarren, lasen täglich ihre Zeitungenund Briefe und warteten geduldig ihre Heilung ab."

Im Kriegslazareth Strassburg entwickelten sich beieinem Hospitalbrandigen mehrfach Anfälle von akuterMelancholie. In einem unbewachten Augenblick stürzte sichder Mann aus einem Fenster, 10 Meter hoch, und starb inFolge der Verletzung. Bei der Leichenöffnung fand sichBruch am Schädelgrunde, Zerreissung der Leber und derAorta.

Akkommodationsstörungen oder Paralysen, wiesolche der Rachendiphtherie eigenthümlich sind, wurdenbei keinem Fall von Wunddiphtherie oder Hospitalbrandbeobachtet, auch ihr nachträgliches Auftreten da, wo diemeisten Kranken noch Monate lang im Lazareth blieben(Düsseldorf), nicht bemerkt.

Von Komplikationen ist zunächst die Wundrose