Druckschrift 
3. Chirurgischer Theil A (1890) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Allgemeiner Theil
Entstehung
Seite
123
Einzelbild herunterladen
 

Schüller berichtete aus dem Schützenhause in

Hannover einen Fall (Weichtheilschuss durch die Wade),

in welchem durch hospitalbrandige Zerstörung die tiefen

adenniuskeln und der hintere Schienbeinnerv wie präparirt

oss lagen und nach der Kniekehle zu ein weiter Kanal

stand.

Vielfach kamen Fleischwunden an der inneren Seitedes Oberschenkels zur Beobachtung, bei welchen bei äusser-lich unscheinbaren Zeichen der Brand die Adductoren, denGracilis, Sartorius, Pectineus auf weite Strecken hin aus-einander präparirt hatte.

Aus Hannover und Neuberghausen bei Münchenwurden Fälle gemeldet, bei denen fast sämmtliche Muskelnund die Nerven an der Innenseite des Oberschenkels vonder Leistenbeuge bis zum Knie hinab auf nahezu zweiHandbreiten theils zerstört, theils bloss gelegt waren; imGrunde einer dieser Wunden sah man die fast ihrer ganzenLänge nach nackte Schenkelschlagader pulsiren.

Reservelazareth III (Welfenschloss), Hannover:

5. Die Gewebszerstörung schritt in der Kniekehle oberhalbder Sehnen des Sernitendinosus und Semimembranosus be-ginnend bis unter den inneren Knorren des Oberschenkels mitder grössten Schnelligkeit fort, es entstand eine Vertiefung wiemit einem Locheisen ausgehöhlt, 7 cm tief, in welcher man dieKniekehlenscblagader auf graulichem Grunde pulsiren sah aufdem blossgelegten inneren Knorren.

Reservelazareth Schwetzingen, (Schinzinger):

0. G., Soldat eines Französischen Linien-Regiments, ver-wundet vor Metz am 18. August, aufgenommen am 26. August:Weichtheilschusswunde in der rechten Kniekehle. Unter heftigenSchmerzen füllte sich die Wunde mit einem schmierigen,grünlich schwarzen, stinkenden Brei, nach dessen Losstossungsie sich so rasch in die Tiefe ausbreitete, dass eine Höhle vonGänseeigrösse entstand, auf deren Boden man deutlich die Blut-gefässe durchfühlen konnte.

Etampes: 9. Feldlazareth VI. Armeekorps:

7. Schussbruch des linken Schienbeins, am 11. Oktober 1870.Nachdem die Wunde bis auf Thalergrösse geheilt war, wurdedieselbe in der zweiten Hälfte des Januar von Hospitalbrandbefallen. Anfang Februar bestand eine Geschwürsfläche,"Fingerbreit unter der Kniescheibe beginnend, bis 4 Fingerbreitoberhalb des Fussgelenks reichend, die ganze vordere Unter-schenkelfläche einnehmend, der ganze Rand unterhöhlt über2 /j cm weit, in der Mitte das der Beinhaut beraubte Schienbeinblossliegend, zu beiden Seiten tiefe Höhlen. Unter zweckent-sprechender Behandlung legte sich der Rand allmälig an,sämmtliche blossliegende Muskeln nahmen normales Aussehenan, das Schienbein wurde zum Theil nekrotisch.

Sehnenzerstörungen wurden häufiger am Vorderarmund Unterschenkel beobachtet.

Anfressen eines grösseren Lymphgefässes am Ober-schenkel kam im ReservelazarethKriegsschule" in Hannoverv °r; nach Vernarbung der hospitalbrandigen Geschwürs-Pfche blieb eine Lymphfistel zurück, welche wochenlangfortbestand und die Genesung in hohem Maasse verzögerte.

So häufig kleinere Blutungen aus den Granulationenauftraten, so selten waren Blutungen aus grösserenGefässen. Oefters wurden zwar grosse Gefässstämme durchbrandige Zerstörung blossgelegt, ohne dass es jedoch zurEröffnung kam; mehrfach beobachtete man, dass stärkereAeste, Art. pediea, peronea, Muskeläste des Oberschenkelsohne Blutung zu Grunde gingen.

Im Feldspital Neuberghausen hatten von 39 Hospital-brandigen 7 starke und wiederholte Blutungen zu erleiden,bei einem Kranken nöthigten wiederkehrende Haemorrhagienam Unterarm zur Absetzung des Arms.

8. G. Seh., Vizekorporal im Bayerischen 13. Infanterie-Regiment, erhielt in der Schlacht bei Beaumont einen Schuss-bruch des rechten Unterarmes. Am 4. Tage seines Aufent-haltes im obengenannten Spital (29. Dezember) trat starkesFieber und grauer Wundbelag auf. Wiederholte Blutungenmachten die Anlegung der Aderpresse nothwendig und führtenendlich zur Amputation des Oberarmes. Bald legte sich dasFieber, die Heilung der Operationswunde ging ziemlich raschvor sich.

Im Reservelazareth Weilburg wurde wegen unstill-barer Blutung eine Absetzung des Arms erforderlich; nähereAngaben fehlen.

Im Lazareth Ziehwald trat eine Blutung aus derangefressenen Schlagader und Vena poplitea auf, welchezur Absetzung am Oberschenkel Veranlassung gab.

9. Weichtheilschuss am Unterschenkel. Hospital-brand. Blutungen. Amputation. Pyämie. SekundäreBlutungen. Tod.

J. 0., vom Grenadier-Regiment Prinz Carl von Preussen(2. Brandenburgisches) No. 12, verwundet am 16. August, imLazareth Ziehwald aufgenommen am 18. August 1870.

Die Untersuchung ergiebt: Fleischschuss durch den linkenUnterschenkel.

Am 19. August wird ein Kugelstück aus der Wunde ent-fernt. Es treten ab und zu kleine Eitersenkungen ein, dahermehrmals Einschnitte. Dabei ist der Allgemeinzustand desMannes, der nur über lebhafte Schmerzen in der Wundeklagt, gut. 0. ist ein robuster, frisch aussehender Mann.Am 6. September: Allgemeinzustand gut. Wunden haben sichgereinigt und sehen frisch granulirend aus. 0. klagt nur überlebhafte Schmerzempfindung in denselben. Vom 7. Septemberab klagte er über noch grössere Schmerzen, fiebert und ist sehrunruhig. Dabei zeigt sich, dass die Wunden einen schmutzigenBelag und sich beträchtlich vergrössert haben. Im Grundeerblickt man Geschwüre, die wie hineingefressen erscheinen.Die Ränder unterhöhlt, zerfressen, unregelmässig gezackt, sehrschmerzhaft. Das Bein selbst angeschwolleu und geröthet.Appetitmangel und Durchfälle, Als der Kranke am 10. Septembermit rauchender Salpetersäure geätzt werden sollte, gelangte manin der Chloroformnarkose durch eine schmale Fistel in einekolossale, ganz mit pulpösen Massen gefüllte Eiterhöhle, diesich von der Kniekehle bis unter die Wade erstreckte,alle Gewebe unterhöhlte. Es entleerte sich aus derselbenmassenhafte Jauche, und eine beträchtliche arterielleBlutung trat ein. Deshalb Amp. femor. transcondy-loidea. Darauf Lister' scher Verband. Nach der Operationwird 0. aus dem Lazareth Ziehwald nach dem neuen

16*