Band III. Allgem. Theil.
I. Abschnitt: Wundrose.
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den ganzen Rücken und führte hinten in der Lendengegendz u nicht unbeträchtlicher Eiterung; dieser Kranke ge-brauchte die längste Zeit zu seiner Genesung. Das Erysipeldes Zweiten setzte sich aufwärts über den Hals und denganzen Kopf fort. Die Mandelentzündung ging nach einigenTagen in Genesung über. Weder vorher noch nachher kamin diesem Lazareth wieder Erysipelas oder Diphtherie vor.')
Die zeitweise Ueberfüllung der Lazarethe mit Ver-wundeten kann gleichfalls als ein die Entwickelung derWundrose begünstigender Umstand angesehen werden. 2 ) Inden Lazarethen vor Metz, vornehmlich inPontäMousson,in Reims, Amiens, besonders auch in Rouen zeigtensich massenhafte Erkrankungen bei plötzlichen Anhäufungenvon Verwundeten; mit der Verminderung der Krankenzahlwurde eine wesentliche Abnahme der Erysipele mit Sicher-heit festgestellt. In gleicher Weise fiel in mehreren kleinerenLazarethen ihr Auftreten mit einer stärkeren Belegung nachdem Eintreffen von Verwundeten-Transporten zusammen.Wie viel dabei der Verminderung des Luftraumes oder derbei der Ueberfüllung oft unvermeidlichen geringeren Rein-lichkeit in den Lazarethräumen zur Last zu legen ist, bleibtdahingestellt.
Inwieweit das gleichzeitige Vorkommen andererepidemischer Krankheiten, besonders Ruhr undTyphus, die Entwickelung der Wundrose begünstigte,darüber lässt sich nur sagen, dass Erysipelas in der Thathäufiger vorkam an Orten, wo jene Krankheiten herrschten.Beraerkenswerth erscheint das mit Wundrose ziemlich gleich-zeitige Auftreten eines scharlachähnlichen Erythems, wiees im Reservelazareth zu Schwetzingen von Schinzingereinige Male beobachtet wurde. Der Ausschlag begann ähnlichdem Scharlach mit Frösteln, Kopfweh, Brechneigung,massiger Temperaturerhöhung, hoher Pulszahl, kaum nach-weisbare;- Mandelerkrankung und endete in der zweitenWoche mit unzweifelhafter Abschuppung. Betreifs der Ver-gesellschaftung mit anderen Wundkrankheiten siehe untenunter „Komplikationen".
Hinsichtlich der eine Erkrankung an Rose begünstigen-den örtlichen Bedingungen an der Wunde selbst wirddurch die Kriegserfahrungen von 1870/71 die Thatsachebestätigt, dass sie sich zu jeder Wunde zu jeder Zeitgesellen kann; sie trat zu frischen Wunden vor Ablaufvon 48 Stunden hinzu, wie z. B. im Feldlazareth zu LesEtangs vor Metz; in den Reservelazarethen waren amhäufigsten alte, längst granulirende Wunden der Aus-gangspunkt; sie befiel vernarbte Wunden, nachdem dieBetreffenden bereits Tage und Wochen aus der Lazareth-behandhmg entlassen waren; so wurde beispielsweise indas Reserve]azareth Eichstedt ein Mann wegen Wund-rose zurückgeführt, die 8 Tage nach seiner Entlassung vonder vernarbten Schusswunde ausging; Aehnliches ereignete
J ) Siehe Deutsche medizinische Wochenschrift 1876, S. 324.s ) Vergl. vorstehend S. 71, 97 u. 98.
sich im Reservelazareth zu Aachen. Im ReservelazarethFrankfurt a. 0. kam ein Mann mit schwerer Wund-rose, von einer vernarbten Schultergelenksresektionswundeausgehend, zur Aufnahme, nachdem derselbe bereits vorlängerer Zeit von Mannheim aus als geheilt entlassenworden war. Bei der Epidemie in Beauvais wurden alleArten der Verwundungen von Erysipelas befallen, darunterauch eine einfache Einschnittwunde einer Blutgeschwulstam Unterschenkel; an anderen Orten, wie z.B. in Stettinim Februar und in Strassburg im Mai, waren ausschliess-lich unbedeutende Verwundungen der Ausgangspunkt. Ineinzelnen Fällen (Feldlazareth Etampes, ReservelazarethGöttingen) gesellte es sich zu hospitalbrandigen Wunden,lmal innerhalb 48 Stunden nach Anwendung des Glüh-eisens.
Demzufolge erscheint es von untergeordneter Bedeu-tung, hinsichtlich der Art der Verwundungen statistischfestzustellen, wie sich die Häufigkeit der Wundrose beiSchussverletzungen durch die verschiedenen Geschosse ver-hält, ob sie vielleicht öfter von Verwundungen durchGranatsplitter oder von solchen durch Gewehrkugeln aus-geht; auch lassen sich Zahlenangaben in grösserem Maass-stabe hierüber aus dem vorliegenden Material nicht ge-winnen. Von grösserem Interesse ist die Frage, ob dieKrankheit häufiger zu Weichtheilwunden oder zu Knochen-schüssen hinzutrat. Die Tabellen in den einzelnen Kapitelndes Speziellen Theiles dieses Bandes lassen keinen Zweifeldarüber, dass die schwereren Verletzungen am häufigstenvon Erysipelas begleitet wurden: die Knochenwundenhäufiger als die Weichtheilverletzungen und die mehr-fachen Brüche häufiger als die einfachen. Auch invielen Berichten aus mobilen sowohl als immobilenLazarethen (Etangs, Bazeilles, Grand-Seraucourt,Rouen, Amiens, Potsdam, Oldenburg, Ludwigs-burg, Schwetzingen, Benrath, Samter, Neuhaus,Mannheim) findet sich ausdrücklich ausgesprochen, dassdie Wundkomplikation sich vornehmlich bei Schussbrüchenzeigte. In dem Berliner Barackenlazareth entstand nachRitzmann's Zusammenstellung Wundrose 119 mal LeiKnochenverletzungen, bei Weichtheilwunden nur 23 mal;sämmtliche Rückfälle (19) kamen bei ersteren vor. Wennauch freilich bedeutend mehr Verwundete mit Knochen-verletzungen in den Baracken zu Berlin behandeltwurden, so überwogen sie doch entschieden nicht in demMaasse, wie das Erysipel bei ihnen vorherrschte. InFrankfurt a. M. ging von einem Oberschenkelschuss-bruch 5 mal in 2 Monaten Erysipelas aus.
Soweit eine Zusammenstellung über die Häufigkeitder Wundrose je nach dem Sitze der Wunden anden einzelnen Körpertheilen zu ermöglichen ist, standendie Gliedmaassen nicht zurück hinter Kopf und Gesicht.')Auffallend verschieden aber war dies Verhältniss in ein-
i) Vergl. die üebersicht auf Seite 94/95.