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I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. vv. Band III. Allgem. Theil
Band III.
tigerer Würdigung des Verfahrens der Deutseben Feldärztebei denjenigen Verwundeten-Transporten, welche an undfür sich bei den dieselben in Empfang nehmenden, weiterim Rücken der kämpfenden Armee thätigen LazarethenBefremden zu erregen geeignet waren. Offenbar mussunterschieden werden zwischen solchen Rücksendungen,welche aus voller Ueberzeugung ihrer Zuträglichkeit odermindestens Unschädlichkeit für den Transportarten selbstentspringen und solchen, in welche mit schwerem Herzenaus zwingenden oder doch sehr triftigen Gründen gewilligtwird.
Am häufigsten gab solchen Grund die schon wiederholthervorgehobene 1 ) gänzliche Unmöglichkeit ab, alle inden grossen Schlachten schwer Verwundeten in nahe-gelegenen Ortschaften unter Dach und Fach zu bringen.Diese Unmöglichkeit ergab sich schon nach den ersten Zu-sammenstösson bei Weissenburg, Wörth und Spicheren. Indem kleinen Städtchen Forbach sollten 600 Verwundetebeherbergt werden; in Saarbrücken befanden sich, nach-dem schon alle Leichtverwundeten in der Richtung aufMainz entsandt waren, immer noch 3000 Verwundete! Wieviel übler noch die Umstände vor Metz und Sedan sichgestalteten, ist aus den bezüglichen Andeutungen im1. Bande dieses Berichtes unzweideutig ersichtlich. Eineinziges Lazareth in St. Privat musste 320 Verwundetesogleich nach rückwärts schicken, weil für sie kein Unter-kommen mehr ausfindig gemacht werden konnte.
Das 5. Feldlazareth X. Armeekorps hat nach dem18. August einige Tage hindurch täglich mehrere TausendPortionen Essen verabfolgt. Viele Verwundete lagen vor Metzin Ställen auf feuchtem Stroh oder vor denselben unterfreiem Himmel. Andere Nachrichten ähnlicher Art vonallen Theilen des Kriegsschauplatzes finden sich zerstreutüberall im dritten und vierten Kapitel des ersten Bandes. 2 )
Einen anderen Grund zu schleuniger Leerung derLazarethe bildete nicht selten die Notwendigkeit, dasLeben oder doch die Freiheit der Insassen gegenäussere Gewalt zu schützen, sei es, weil veränderteKriegslagen ursprünglich geschützte Orte von Neuem zumGegenstande des Kampfes zwischen den streitenden Heerenwerden Hessen oder doch in die feindliche Schussrichtungbrachten, sei es, weil die Stimmung der Bevölkerung inden Etablirungsorten einerseits, der Mangel militärischerBedeckung andererseits es nach den üblen Erfahrungen,welche verschiedene Lazarethe in dieser Hinsicht gemachthatten, nicht angängig erscheinen Hess, Kranke und Ver-wundete schutzlos den Ausschreitungen aufgeregter Volks-massen oder undisziplinirter Freischaaren auszusetzen.
Das 12. Feldlazareth VIII. Armeekorps berichtet ausSt. Hubert, dass ihm plötzlich der Befehl zuging, das
J ) Vergl. hierzu insbesondere I. Band dieses Berichtes, 8. 98,113, 121, 125, 146, 234/35, 311 u. a., desgl. vorstehend S. 62 und 70.
2) Siehe z. B. im I. Bande S. 207 (Brandeion), 208 (Orgeres),209 (Lumeau) und viele andere Stellen.
Lazareth unter allen Umständen und mit Aufbietung alle-Kräfte und Mittel sofort zu räumen. „Uns Allen war dieserBefehl ein unerwarteter Schlag", heisst es in dem Berichte,„indess musste das Wohl unserer Pflegebefohlenen höhereimilitärischen Zwecken nachstehen." Die zu Lazarettzwecken eingerichteten Gebäude und die Mauern edaranstossenden Gartens sollten mit Rücksicht auf die Jdes Feindes, um erwarteten Ausfällen zu begegnen, iuj|Verschanzungen und militärischer Besatzung versehe!werden. 43 Verwundete wurden noch am Tage des Esfehlsempfanges durch ein Sanitätsdetachemeut nach Grave.lotte, 122 auf Bauernwagen nach Corny sur Marne überlgeführt; am nächsten Tage folgten 150 Andere auf den!Beiben Wege.
Der Feld-Korpsgeneralarzt des I. Armeekorps scürid|bezüglich der Entleerung der Lazarethe um Metz:
„Die gefährdete Lage der Lazarethe unter den KanoneJvon Metz machte die Evakuation zur strengsten Pflicht, zuim|für den Fall einer neuen Schlacht kein Lazareth verfügbar wailMehrere Lazarethe niussten zurückgenommen werden, weilFeind sie belästigte; Noisseville wurde sogar von Franzis:besetzt. Der Eindruck solcher Vorgänge hatte für dielVerwundeten schlimmere Folgen als der schwierigfTransport auf Ambulance-Wagen und Tragen, obwolifderselbe allerdings nicht ohne Nachtheil ablief."
Am stärksten mitgenommen wurden durch diese TranJporte nach übereinstimmenden Berichten Verwundetedurchbohrenden Höhlenschüssen, welche sich sämnitlich valschummerten, jedoch ohne dass die Ueberführung eine!Todesfall veranlasste, und solche mit Verletzungen grös^ereJGefässe oder in deren Nähe. Bei mehreren der zuletzfBezeichneten stellten sich bald nach dem Transporttungeii ein, welche wohl sicher mehr oder weniger durcldenselben hervorgerufen waren. Dem gegenüber aber stehidie Thatsache, dass während der in der Nähe von Lazaretlielstattfindenden Gefechte mehrere Verwundete mit durabohrenden Höhlenschüssen ganz plötzlich starben, obwol|sie bis dahin sich leidlichen Wohlbefindens erfreut hatteu,nach Ansicht der Berichterstatter lediglich in Folge heftig«Gemüthsaufregung. Aus demselben Grunde stellten sitlunter gleichen Verhältnissen unvorhergesehene gefährlieliBlutungen ein; ja bei Amputirten soll der bis dahin günstigfZustand plötzlich in das Gegentheil umgeschlagen sein.
Während der Schlacht bei Noisseville gingenKriegslazareth in Montoy mehr als 400 Verwundete ziBereits Verbundene mussten aus brennenden Häusern wiedein Sicherheit gebracht werden; in mehrere mit Verwundet«belegte Gebäude schlugen Granaten ein.') Kann es gemissbilligt werden, dass dieses Lazareth, welches nach dlSchlacht in Folge der Stellungsveränderungen, welche dtKampf herbeigeführt hatte, sich zwischen den Deutscliei
!) Vergl. I. Band dieses Berichtes, S. 109. — Wegen der V«|hältnisse in der Ferme Mogador, woselbst es nicht gelang, Ver«dete aus einem in Brand geschosseneu Gehöfte zu retten, siehe ebetldaselbst, S. 117.
1 ) Siehe
2 ) Vergl.
Sanitäts-Berichij