fBand III. Allgera. Theil.
IV. Abschnitt: Evakuation.
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'besonderen, bei der Verwundetenzerstreuung in Betrachtkommenden Punkt:
.Sehr schwer ist die Frage zu entscheiden, in wie vielenFällen durch überhastete Evakuation der Zeitpunkt zur primärenImputation oder Resektion verloren ging und die Verwundetenlach einem Transport den ungünstigeren Chancen einer sekun-
I |g reo Operation ausgesetzt wurden. Es wurden allein in
IFloin"' muthmaasslicb 24 Leute fortgeschickt, die man primärhätte reseziren sollen. Für die ganze Schlacht bei Sedan kannmau die Zahl dreist verzehnfachen; es wurden also vielleicht240 Menschen den bekannten schlechten Chancen einer sekun-dären Operation hinsichtlich der Lebenserhaltung und wochen-
llan^en Leiden überantwortet. Ich weiss die Vortheile des vor-
I trefflich organisirten Etappen- und Evakuationsdieustes sehrwohl zu würdigen, aber man bringe denselben nicht so wichtige
(Grundsätze zum Opfer, wie den der primären Operation." 1 )Generalarzt von Langenbeck berichtete an die
(Militär-Medizinal-Abtheilung unter dem 7. Februar 1871
[mit Bezug auf die Schlachten um Metz:
„Die Vorwürfe, welche ich später vielfach äussern hörte,
[dass wir den Transport Seh wer verwundeter, welche in dennächstgelegenen Feldlazarethen hätten bleiben müssen, gestattet
■hätten, sind gerecht, treffen aber gewiss nicht die Aerzte. Liesebeklagenswertben Uebelstände, welche die Heilung so vieler
I Schwerverwundeter unmöglich gemacht haben, entspringen aus
[der Unmöglichkeit, zu verhindern, dass auf dem SchlachtfeldeSchwer- und Leichtverwundete auf demselben TransportwagenPlatz finden, und aus der sehr begreiflichen Sehnsticht der Ver-rundeten, der Heimath näher zu kommen, und aus dem Be-streben der Fuhrleute, sich sobald und soweit als möglich vom
'Schlachtfelde zu entfernen."
Am abfälligsten urtheilte der konsultirende General-arzt Busch in mehreren seiner der Militär-Medizinal-Lbtlicilung erstatteten Berichte. Unter dem 16. September1870 schrieb derselbe:
„Hierbei glaube ich die Aufmerksamkeit auf einen Uebel-Btand lenken zu müssen, um Abhilfe herbeizuführen. In ein-zelnen lallen war es mir schon vorgekommen, dass man Ver-wundete mit Höhlensehüssen, Knieschüssen, Oberscheukel-Schuss-iFuchen, welche zum Durchtransport bestimmt waren, hatteabladen müssen, weil ihr Zustand einen ferneren Transportfcicht erlaubte. Am häufigsten zeigte sich jedoch die That-
J ) Mit obigen Zahlen-Angaben dürfte Stromeyer sehr be-achtlich zu hoch gegriffen haben. Nach Ausweis der Tabelle XXXIder Statistik der Operationen (S. 123*) dieses Bandes sind imianzen nur 256 Gliedabsetzungen und Gelenk-Aussägungen andeutschen Verwundeten aus der Schlacht bei Sedan ermittelt,aruuter nur 71 Gelenk-Kesektionen. Desgleichen darf darauf hin-ewiesen werden, dass im Deutsch-Französischen Kriege wenigstensdie in Lazarethen vorgenommenen primären Resektionen (imlegeiisatz zu den Amputationen) ein schlechteres Resultat ergebenaben als die sekundären. (Siehe Tafel III zu dem Kapitel „GrössereOperationen. u ) Wie für die Gesammtzahl, so gilt dies nach Ausweisder Tabelle XXXI der Operations-Statistik auch insbesondere für dielesektionen an Verwundeten aus der Schlacht bei Sedan. Von deruiiime (71) der Resektionen an dieser Kategorie von Verwundeten»urdeu 15 primär, 56 sekundär (und zwar 29 auf dem Kriegsschauplatz,1 im Inlande) verrichtet. Von den primär Operirten starben 8 = 53 J,cm den sekundär Operirten im Ganzen 25 = 455 (™d zwar von denaf dem Kriegsschauplätze sekundär Resezirten 14 = 49||, im Inlande»her nur 11 = 402).
sacke, dass Personen, welche keinen Transport vertragen, aufeinfachen Bauernwagen fortgeschafft wurden, bei der am10. d. M. stattgefundenen Räumung von Amanvillers."
In einer späteren Mittheilung an die Gentral-Behörde(vom 19. Dezember 1871) kommt der Genannte auf dieselbeAngelegenheit zurück:
„Die Grundsätze für die Evakuation werden minder strenggehandhabt, als nach den vortrefflich gegebenen Vorschriftender Instruktion ') geschehen soll. Der Begriff der Transport-fähigkeit eines Kranken wird in gewissen Grenzen zwar immernach den Umständen wechseln, aber er darf doch nicht so weitausgedehnt werden, dass Evakuationen stattfinden wie die vonAmanvillers. Ich verhehle nicht, dass ich dabei den Neben-gedanken habe, es möge durch Errichtung von Baracken-lazarethen der maasslosen Evakuation ein Riegel vorgeschobenwerden, indem jetzt mancher Arzt in die Rückwärtsbeförderungeines Verwundeten, dessen Transport an und für sich gefährlichist, deshalb willigt, weil derselbe in einer durchaus ungeeignetenRäumlichkeit behandelt werden musste, während Hoffnung vor-handen ist, ihn nach überstandenem Transport in geeignetePflege zu bringen."
Betreffs des Verwundeten-Transportes aus Amanvillers,welcher auf Busch einen so tiefen Eindruck gemacht hat.dass sein gesammtes Urtheil über die Evakuation dadurchdauernd beeinflusst worden ist, hatte der Genannte selbstseiner Zeit wie folgt berichtet:
„Auf dem Bahnhofe in Ars sur Moselle kamen am 10. Sep-tember Morgens die Verwundeten durchnässt auf einem Bauern-wagen an. Auf dem Transporte war schon 1 (an unbekannterVerletzung) gestorben; am 10. starben noch 3 mit Schuss-brüchen des Oberschenkels, 1 am Oberschenkel Amputirter und1 mit Brand des Unterschenkels (in Folge eines Fleischschusses)Behafteter. Am Morgen des 11. September starb noch 1 durchdie Brust Geschossener und 2 mit Brüchen des Oberschenkels.Es versteht sich von selbst, dass Leute, welche24 Stunden nach Beendigung des Transportes sterben,durch keine ärztliche Hilfe auch unter den günstigstenUmständen hätten am Leben erhalten werden können,aber ihr nahe vorauszusehendes Eude hätte doch Veranlassungsein können, ihre letzten Lebensstunden nicht durch die Qualeneiner Evakuirung zu verbittern."
Der Berichterstatter mildert schon selbst sein Urtheildurch Hinzufiigung der Worte, dass der Tod der Betreffendenkeineswegs durch den Transport verschuldet sei, dasselbeverliert aber noch erheblicher an Kraft, wenn man dieZustände bedenkt, welche die Räumung der Lazarethe zuAmanvillers 2 ) veranlassten. Die Häuser waren zum grösstenTheil in Flammen aufgegangen; fast nur Scheuneu und Ställewaren übrig geblieben. Unter diesen Verhältnissen solltendort mehr als- 400 Schwerverwundete (neben 200 Leicht-verletzten und mehr als 80 Krauken, darunter viele Ruhr-kranke) verpflegt werden!
In den Worten, mit welchen Busch seine oben wieder-gegebenen Aeusserungen vom 19. Dezember 1871 schliesst,lieg;t bereits der Schlüssel zum Verständniss und zu rich-
*) "Wegen dieser Vorschriften siehe I. Baud dieses Berichtes,S. 225.
2 ) Vergl. I. Band dieses Berichtes, S. 118 und 125*.