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3. Chirurgischer Theil A (1890) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Allgemeiner Theil
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I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Theil.

fast zur Unmöglichkeit. Jn einigen grösseren InstitutenFrankreichs, z. B. Alumnaten, fanden sieh in den Deckender Zimmer Ventilationsluken angebracht; sie schienenjedoch noch wenig gebraucht zu sein, als man Deutscher-seits diese Räume zu Lazarethzwecken verwendete. Wenigerbewährten sich die in manchen öffentlichen Gebäuden Frank-reichs in den Wänden dicht über dem Fussboden befind-lichen kleinen Ventilationsöffnungen.

Vielleicht übertrieb man hier und da in Deut-schen Lazarethen die Ventilation, jedenfalls scheuteman durchaus nicht den Zugwind. Gegen diesen eiferteam meisten Stromeyer. In einem Berichte an die Preussi-sche Militär-Medizinal-Abtheilung schreibt der genannteChirurg:Der Mensch bedarf nicht nur der frischen Luft,sondern auch der Wärme und guter Nahrung. Kälte undZugwind hatten ihr gewöhnliches Gefolge: Wundstarrkrampf,Rheumatismen, Mandelentzündung, Katarrhe, rheumatischeWundentzündungen, welchen die Knochenwunden besondersausgesetzt sind; auf diesen Wegen wurde auch die Pyämiehäutiger, eine Thatsache, mit welcher sich die Wissenschaftnoch wenig beschäftigt hat. Eine mir schon seit dem Jahre1849 bekannte Erscheinung an den Wunden unter dem Ein-fluss von Kälte und Zugluft, besonders bei östlichen undnördlichen Winden, ist der diphtherische Belag. Der letzterewurde von den behandelnden Aerzten sogleich für einSymptom der schon vorhandenen Pyämie gehalten (?). DieZugluft wurde vermehrt oder man bezog ganz neue, nochnicht benutzte Zimmer und verband mit Karbolsäure inätzender Stärke, sogar mit Chlorkalk in Substanz, wobeies natürlich nie besser wurde. Es hat mir viel Mühe ge-kostet, diesen weit verbreiteten Grundirrthum theilweisezu beseitigen, obgleich ich in den ersten Tagen meinerAnkunft in Versailles so glücklich war, einen plötzlichentstandenen, dicken diphtherischen Belag einer grossenWunde nach Chopart's Gelenkauslösuug durch einfachenOel- und Watte verband an einem mehr gegen Zugluft ge-schützten Platz zum Verschwinden zu bringen. Wenn eineWunde sich, ohne weitere erkennbare Ursache, plötzlichverschlimmerte, war mein gewöhnlicher Rath: Lassen Sieden Kranken nicht so sehr am Fenster liegen, oder ver-legen Sie ihn in ein besser heizbares Zimmer. Das, wasvon der Lüftung gilt, muss auch auf das unvorsichtigeHinaustragen der Verwundeten in die freie Luft währendder schlechten Jahreszeit seine Anwendung finden."

Mag man auch obigen Anschauungen Stromeyer's inihrem ganzen Umfange keineswegs beipflichten, so ist dochdie Möglichkeit nicht ganz von der Hand zu weisen, d;issnamentlich der Ausbruch von Wundstarrkrampf durch dieWirkung von Zugluft hier und da beeinflusst worden sei. 1 )

] ) Vergl. hierzu das KapitelWundstarrkrampf'' im VII. Bandedieses Berichtes (S. 128).

Auch die Entstehung von Wundrose wurde nacl IVirchow's und v. Beck's Meinung durch Zugluft Le-Igünstigt. *)

An manchen Orten suchte man die Luft in deilKraukenzimmern, abgesehen von der Lufterneuerung, nocllauf andere Weibe zu verbessern. Im Reservelazaretl )Neuhaus bewährte sich nach den Berichten dieses Laza-rethes neben einer zweimaligen Lüftung aller Kranken.zimmer das Aufhängen von Lappen, welche m'n\Karbolsäurelösung getränkt waren, ausgezeichnet!Weniger Erfolge werden dem Aufstellen von mit Karlsäurelösung gefüllten Schüsseln in den Krank enräumeajwie es in manchen Lazarethen üblich war, nachgerühmt! ein Verfahren, bei welchem schon die Grösse der t«dunstenden Fläche zu gering w r ar. Im KriegslazaretlNancy setzte man unter jedes Bett, in welchem eilKranker mit stark eiternder Wunde lag, eine Schüsselmit Chlorkalk, eine wohl kaum empfehlenswert^Methode. Eigentümlich war das Verfahren, welchesReservelazareth Fulda in Anwendung brachte: Als eiwlgrosse Anzahl Kranker mit stark eiternden Schusswutidelsich im Lazareth befand, suchte man während des Verlbindens die Zimmer noch ganz besonders dadurch zu deJinfiziren, dass man eine Mischung von

Cupri bichlor. concentr. sol. 8.o,

Chloroformii 4.o,

Spirit. vini rectific. 180.0in einer gewöhnlichen Weingeistlampe verbrannte. DilLampe wurde beim Beginn der Verbandvisite angezündet!wobei sich durch die Verbrennung Chlor in einer dit|Athmungswerkzeuge nicht belästigenden Weise und dochhinlänglicher Menge entwickelte, um den Geruch .des Wundeiters zum Verschwinden zu bringen. Die Lampe wanderte!beim Verbände von Zimmer zu Zimmer und von Bett zu BettJ

C. Heizung.

Aus allen in Frankreich etablirten Lazarethen ertönten!Klagen, dass die daselbst allgemein üblichen Kamine hinsichtlich der Heizkraft in dem kalten Winter 1870/7viel zu wünschen übrig Hessen, dass die Krankenräumtlnicht in den wünschenswerthen Erwärmungsgrad iilierlgeführt weiden konnten und dass in Folge dieses Umstände«das Oeffnen der Thüren und Fenster zum Nachtheil deilVerwundeten eingeschränkt werden inusste. Dies tralvorzugsweise zu für die zahlreichen Lazarctheinriehtuiigalin Schlössern oder schlossartigen Villen, welche im Uebrigeilsehr passende Unterkunftsräume für Verwundete bildeten.!Diese villenartigen Gebäude, mehr oder weniger nur zuuilSommeraufenthalt bestimmt, waren fast alle derartig leicliijgebaut, dass die kalte Luft nicht nur durch die üben

J ) Vergl. den AbschnittWundrose" im II. Kapitel (WuuilJkrankheiten) dieses Bandes.

2 ) Vergl. hierzu I. Band dieses Berichtes, S. 158.

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