Band III. Allgem. Theil.
III. Abschnitt: Handhabung der Lazareth-Hygiene.
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Desinfizirung. Genügten die vorhandenen Arbeitskräfte nicht,so überschüttete man die Düngerhaufen mit Desinfektions-mitteln und bedeckte sie mit Stroh. Andere Chefärztehingegen fürchteten mehr noch den verpestenden Geruch,welcher durch das Aufrühren der lange liegenden Dünger-massen bei der Abfuhr entstehen musste, und ausgehendvon der gewiss richtigen Annahme, dass durch das Fort-schaffen derselben die den Erdboden seit langen Jahrentränkende Jauche doch nicht beseitigt wurde, hielten siees für rathsamer, durch reichliche Desinfektion des Mistesund der die Jauche abführenden Gossen den drohendenGefahren möglichst entgegenzutreten. Mit Desinfektions-mitteln brauchte man dabei in Folge reichlicher staatlicherSendungen, sowie solcher der freiwilligen Krankenpflege,au den meisten Orten nicht sparsam zu sein. Das 10. Feld-lazareth IL Armeekorps zu Habonville 1 ) war in einer»Tösseren Anzahl kleiner Häuser eingerichtet. Auf demHofe eines derselben, welches Marketendern zum Quartiergedient hatte, wurden unter Düngerhaufen und in einemim Hausflur befindlichen Wasserbassin die faulenden Ein-geweide von 3 bis 4 Kühen entdeckt. In einem anderenHause desselben Lazareths wurde ein ungefähr 10 Quartlassender Topf, bis zum Rande mit Typhusstühlen gefüllt,vorgefunden. Das in den Häusern vorhandene Lagerstrohwar durch Urin verunreinigt, in Fäulniss übergegangen.Dazu kam noch die Nähe des Schlachtfeldes. Ungünstigerkonnten die Verhältnisse für die Etablirung eines Lazarethskaum liegen. Zur Desinfektion wurden zwei grosse FässerChlorkalk, zwei Fässer Karbolsäure und ein grosses Fassmit Eisenvitriol verwendet. Ausserdem brannten drei Tagelang die Scheiterhaufen. Diesem reichlichen Verbrauchedesinfizirender Mittel wurde es zugeschrieben, dass im ge-nannten Lazareth keinerlei Wundkrankheit auftrat; niemalsmachten sich den Sinnen auffällige Ausdünstungen in denKrankenräumen geltend. Ein entgegengesetztes Bild botdas Etappenlazareth zu Tournan. 2 ) In der Mitte eineszu einem Lazarethgebäude gehörenden Hofes befand sichein Düngerhaufen, auf welchen überdies ohne vorauf-gegangene Desinfektion Ausleerungen von Typhus- undRuhrkranken, sowie gebrauchte Verbandmaterialien ge-schüttet waren. Zu einer energischen Desinfektion wie inHabonville fehlte es in Tournan an Desinfektionsmitteln.Selbst die Leichtverwundeten bekamen dort diphtherischenBelag ihrer Wunden; Fieber, Eiterherde waren die Regel,die wenigen vorhandenen Schwerverwundeten gingen anPyäinie zu Grunde. Das betreffende Haus musste schliess-lich geräumt werden.
Einen besonders schlimmen Einfluss äusserten dieDüngerhaufen nach eingetretenem Regen und im Frühjahr1871 bei Beginn des Thauwetters, als die Jauche sich mitdem abfliessenden Regenwasser vermischte und sich überall
hin verbreitete. Nach einem solchen Regen lief über einensonst sehr sauberen, gepflasterten Hof eines Lazareth-gebäudes eine grössere Menge Jauche, von dem Hofeeines der Nebengrundstücke kommend. Die bis dahinvortrefflich aussehenden Wunden verschlechterten sichnach dem Berichte des Chefarztes in unmittelbarem An-schluss an dieses Ereigniss und belegten sich diphtherisch;die Kranken wurden verlegt, und wie mit einem Schlagebesserten sich die Wunden. Auch das 9. FeldlazarethXill. Armeekorps in Connerre 1 ) klagt die bei dem Thau-wetter zu Tage getretenen menschlichen und thierischenAbfälle und deren Ausdünstungen als unmittelbare Ursacheder plötzlich ausbrechenden Pyäinie und Septicämie an.
Ein anderer Umstand, welcher die Luft der Umgebungder Lazarethe verschlechterte, lag in der zeitweilig unver-meidlichen Anhäufung menschlicher und thierischer Abfälledurch durchmarschirende oder in der Nähe der Lazarethebiwakirende und kantonnirende Truppentbeile. Die strengenMaassregeln, welche bei länger dauernden KantonnirungenPlatz griffen, 2 ) Hessen sich bei Durchzügen und kurzenBiwaks nicht anwenden. Der kleine Flecken Mars la Tour,welcher bei Ausbruch des Krieges 700 Einwohner zählte,war während der EinSchliessung von Metz mit 3000 MannInfanterie und mehreren Eskadrons belegt; in ihm warauch das 10. Feldlazareth III. Armeekorps eingerichtet. 3 )Gleichzeitig diente der auf der grossen Strasse Metz—Parisliegende Ort zahlreichen Truppentransporten zu vorüber-gehendem Aufenthalte. Von 11 Ainputirten starben dort 10.Ein gleich schlechtes Ergebniss war an keinem anderenOrte in der Umgebung von Metz, ein fast gleiches auchauf anderen Kriegsschauplätzen nur ganz vereinzelt —und zwar meist an Orten ähnlicher Ueberfüllung — zu be-klagen. 4 )
Soweit das Personal der Sanitäts-Anstalten selbst aus-reichte, halfen freilich Spaten und Schaufel; aber gerade inder ersten Zeit der Etablirung, in welcher frische Wundendie günstigsten Bedingungen für die Ansiedlung infizirenderKeime darbieten, fehlte es so gut wie überall an Kräften,für die Reinlichkeit auch der Lazareth-Umgebung zusorgen.
In höchst peinlicher Weise machte sich endlich inmanchen Lazaretben der den Schlachtfeldern entströmendeVerwesungsgeruch geltend. 5 ) Und nicht nur von denSchlachtfeldern her drang derselbe in die Hospitäler,sondern auch von den zahlreich fallenden Pferden derFuhrparkskolonnen u. s. w. Mindestens nicht überall jedoch
') Vergl. I. Band dieses Berichtes, S. 118 und 122.2 ) Vergl. ebendaselbst, 8. 179.
!) Vergl. I. Band dieses Berichtes, S. 112.
*) Vergl. ebendaselbst, S. 65 bis 68.
'•>• Vergl. ebendaselbst, S. 214
4 ) Nämlich in Bazeilles, Beaucourt, Morvillars und Le Mans. —Vergl. Tabelle XXIX in der r Statistik der grosseren Operationen",S. 113* dieses Bandes.
s ) Vergl. zu dem Folgenden den Anhang zum II. Kapitel imI. Band dieses Berichtes, S. 82 ff'., desgleichen S. 146 des I. Bandes(3. Aufnahms-Peldspital LI. Bayerischen Armeekorps).