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I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Theil.
einricktung, einer der grössten während des Krieges über-haupt entstandenen 1 ), wurden innerhalb ö'/s Monaten2004 Verwundete mit 9. 8 £ Todesfällen verpflegt; 2 ) 2 l h %starben innerhalb der ersten drei Tage, daher bei ihnenwohl die hofl'nunglose Schwere der Verletzung als Todes-ursache angesprochen werden kann. 3 )
So lange die Witterung es erlaubte, wurden mit Vor-liebe grosse Scheunen, Hallen mit offenen Seitenmit Verwundeten belegt. Der oft überraschende Erfolgtrat mehrfach noch nachträglich besonders ins Licht, wenndie Umstände eine anderweitige Unterbringung erheischten.In Ste. Marie aux Chenes lag eine grosse Anzahl vonVerwundeten anfangs in Scheunen; der Wundverlauf indenselben war ein gutartiger. Als die Abnahme der Tem-peratur dazu zwang, die Scheunen zu leeren und die In-sassen in mehr oder weniger geschlossenen Räumen unter-zubringen, blieb der nachtheilige Einfluss auf das Befindennicht aus, trotzdem Fenster und Thüren geöffnet wurden,sobald die Witterung es irgend zuliess und obwohl dieLüftung noch durch Heizung befördert ward. Die (nachdamaligen Begriffen) gründlichste Desinfektion, die pein-lichste Reinlichkeit ersetzte nicht den Aufenthalt in denfrüheren luftigeren Räumen. Fast unmittelbar oder dochin den nächsten Tagen nach dem Umzüge verfiel ein Theilder Verwundeten, die Wundabsonderung wurde sparsam,der Appetit nahm ab, während bei Vielen gleichzeitigDiarrhöe sich einstellte.
Aehnliche Beobachtungen wurden gemacht, wenn dierauhe Witterung erforderte, Baracken oder andere leichte,nur für die Sommerzeit eingerichtete Gebäude als Lazarethaufzugeben und die Uebersiedlung in massive Bauten er-folgen musste. In dem hohen, luftigen Sommerpalais zuBurgsteinfurt heilten alle Wunden schnell; als wegen deskühlen Wetters die Ueberführung der Verwundeten in dieKrankenhäuser erfolgt war, hörte wie mit einem Schlagedie Heilung der Wunden auf, welche sich vergrössertenund ein schlechtes Aussehen bekamen. Auch auf DeutschemBoden wurden Hallen 4 ) jeder Art zur Unterbringung derVerwundeten vielfach und mit unzweifelhaftem Erfolge be-nutzt. In Breslau 5 ) z. B. belegte man die landwirt-schaftliche Halle mit 292 Mann, fast ausschliesslich Ver-wundete, unter welchen eine erhebliche Anzahl Schwer-verwundeter sich befand; keiner von ihnen starb.
i) Vergl. I. Band dieses Berichtes, S. 159.
2 ) Die Durchschnitts-Sterblichkeit bei den Deutschen Verwundetenim Kriege 1870/71 (nach Ausschluss der Gefalleneu) betrug lO.i J.(Vergl. Tabelle 171 des II. Bandes und wegen der Sterblichkeit unterden vor Paris Verwundeten S. 100 im Text des II. Bandes diesesBerichtes.)
3 ) Ueber die mit der Zeit der Belegung wachsende Sterblichkeitim Schlosslazareth zu Versailles siehe später (unter III dieses Ab-schnittes).
4 ) Vergl. „Aptirung barackenartiger Gebäude'' im III. Abschnittdes VII. Kapitels des I. Bandes dieses Berichtes.
5) Vergl. I. Band dieses Berichtes, S. 383.
Schon im Y1L Kapitel des 1. Bandes dieses Berichtesist hervorgehoben, dass die Neigung zur Krankenbehandlun«in Zelten und Baracken bereits bei Ausbruch des Kriege.eine sehr verbreitete gewesen ist. Dieselbe beruhte vor]wiegend eben auf der Ueberzeugung, welche den Grund-zug der gesammten lazareth-hygienischen Anschauungenausmachte, dass eine Vertheilung auf kleine, dem Luftjzutritt möglichst geringe Hindernisse entgegensetzendeRäume eine Hauptbedingung für chirurgische Erfolge sei:Aus jenem Kapitel ist auch im Einzelnen ersichtlich, klwelchem Umfange und unter welchen Umständen Zelt-Barackenbehandlung stattgefunden hat und welche ver-schiedenen Konstruktionen dabei zur Anwendung gekommensind. Hier sei in dieser Beziehung nur zusammenfassend er-;wähnt, dass im Ganzen auf dem Kriegsschauplatze 87 Zelteund 94 Baracken, im Inlande (mit Ausschluss der sehijzahlreichen Aptirungsbauten, den Baracken bei Kriegs!gefangenen-Lazarethen und den lediglich zu Verwaltung;zwecken erbauten Baracken) 189 Zelte und 459 Baracken!in Gebrauch kamen, dass die Witterungsverhältnisse inlGanzen und auch während der wärmeren Jahreszeit die Zelt-|behandlung vielfach nicht unbedenklich erscheinen Hessen 1 !und auch den Baracken gelegentlich gefährlich wurden. 2 )
Von überall her, wo Zelte verwendet wurden, wieder!holen sich dem Sinne nach Aussprüche wie der, welcher!Graf auf Grund seiner in Düsseldorf gemachten Beolilachtungen that: „Sturm und Regen richteten anfangs untenden Zelten grosse Verwüstungen an, nachhaltige Aus!besserungen halfen jedoch aus; indess blieben die Zelt!nur als Nothbehelf stehen, weil die Witterungsverhältnisäleinen ordentlichen Krankendienst dort sehr erschwerten!Als aber Mitte September Hospitalbrand gleichzeitigverschiedenen Stationen des Lazareths ausbrach, waren!dieselben von unschätzbarem Werthe. Alle Brandige!wurden dorthin verlegt, die Typhusfälle, welche sid-|zeigten, ebenfalls unter Zelte gebracht, so dass die letzteren!bis Ende Oktober in Benutzung blieben. Der Verlauf dengedachten Endemien war in den Zelten ein überraschen!günstiger, wozu das beste Wetter, welches selbst de!Nachts kein gänzliches Schliessen erforderte, sehr wesent-llieh beitrug. Bei fortdauerndem Regen und Sturm klallerdings die Zeltbehandlung in ihrem Nutzen eine seh!zweifelhafte. Die Luft in den Zelten war, wenn Nacht!die Doppelvorhänge gegen unsere Anordnung (die dem!Winde abgekehrte Seite sollte stets halb geöffnet bleiben!geschlossen waren, am Morgen eine sehr schlechte. Di!Kranken gewannen den Aufenthalt dort sehr lieb, nament!
x ) Vergl. im I. Band dieses Berichtes insbesondere die Katastroph!des Zeltlazareths auf dem Rochusberge bei Bingen S. 332, betreff!der Zelte in Gravelotte S. 319; ausserdem S. 316. — Wegen Ueber [Winterung in Zelten siehe unter III. C. dieses Abschnittes.
2 ) Vergl. I. Band dieses Berichtes, S. 320 (Pont ä Moussou)!S. 321 (Laudonvillers), S. 339 (Meiningen), S. 385 (Breslau). Vergl[auch Billroth's chirurgische Briefe.