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3. Chirurgischer Theil A (1890) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Allgemeiner Theil
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I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Theil.

Band III.

dabei offenbar den Begrifferhöht" unter Umständen insich ein. Welchen Werth solche freie und erhöhte Lagefür das Schicksal der Verwundeten hatte, erhellt u. A. auseinem Berichte des 6. Feldlazareths V. Armeekorps ausSt. Menges 1 ) bei Sedan.

Der Ort selbst, so unsauber derselbe war und so sehrdie örtliche Atmosphäre durch die überstarke Belegung derWohnräume und noch mehr durch das in unmittelbarer Nähebefindliche Lager von 80 000 gefangenen Franzosen, endlichdurch die Nähe des Schlachtfeldes beeinflusst wurde, hattevor allen übrigen Orten der Umgebung den grossen Vorzugeiner hohen und abschüssigen Lage, welche einestarke Durchlüftung aller Räume ermöglichte. Obwohltäglich verhungernde Pferde in grosser Anzahl aus demFranzösischen Lager entliefen und nächtlicher Weile vorden Häusern fielen, trotz der von Franzosen in die Maasgeworfenen Pferdeleichen, die nur zum Theil vom Wasserbedeckt waren, konnte doch niemals ein merklich in dieSinne fallender schlechter Geruch wahrgenommen werden.Wohl im Zusammenhange damit stellt es, dass in St. Mengesüble Einwirkungen auf die Beschaffenheit der Wunden nichtwahrzunehmen gewesen sind, während in den ringsum ge-legenen Lazarethen der Tod an Pyämie und Septicämie einereiche Ernte hielt. Mit dieser Schilderung steht es in Ueber-einstimmung, dass nach Aussage des (1870) 76jährigenMaire von St. Menges seit Menschengedenken keine Epidemiedaselbst geherrscht haben soll.

Diesem Lazareth, in freier erhöhter Lage, sei dasniedrig gelegene, fast auf Modergrund stehende Kriegs-lazareth Teterchen 2 ) gegenübergestellt. In letzterem be-deckten sich die Wunden fast aller hinzukommenden Ver-wundeten diphtherisch, nur in Ausnahmefällen äusserte sichder schädliche Einfluss der Lazarethräumlichkeiten lediglichin einer einfachen, aber doch immerhin auffallenden Ver-zögerung in der Heilung der Wunden.

Erst im Nothfall wurden Kirchen, Kasernen, Schulen,Theater, Gefängnisse und ähnliche Gebäude belegt, daman sich der damit verbundenen Gefahren sehr wohl be-wusst war. Freilich aber trat solcher Nothfall wie ausdem III. Kapitel des I. Bandes dieses Berichtes desNäheren hervorgeht namentlich nach grossen Schlachtensehr häufig ein, zumal diese Gebäude gewöhnlich dieeinzigen sind, welche allenfalls genügenden Raum zurUnterbringung einer grösseren Zahl von Verwundeten ge-währen. Ueberhaupt aber galt überall der (während einesgrossen Theiles der Kriegszeit durch die Witterungs-verhältnisse geradezu aufgenöthigte) Grundsatz, dass dasschlechteste Obdach trotz aller damit verbundenen Gefahrendem schutzlosen Belassen der Verwundeten unter freiem

Himmel vorzuziehen sei'); selbst Ställe in unsauberstemZustande dienten aus diesem Grunde unter Umständetvorübergehend zur Lagerung. 2 )

Die Kasernen Frankreichs waren in noch höheremGrade als die gleichartigen Gebäude in Deutschland fürLazarethzwecke unpassend, und doch musste man nicht!selten seine Zuflucht zu ihnen nehmen. 3 ) Wo sie in Ge-brauch blieben, gaben sie wegen ihrer Grösse vielfachVeranlassung zu Massenanhäufung. Sie lagen meist, nactVauban'schem System erbaut, inmitten der Städte, beJsassen dabei im Allgemeinen keine besonderen Lüftung:einrichtungen; namentlich aber lief die Anlage der Latrinei(siehe unter II dieses Abschnittes) den einfachsten Forderungeider Hygiene zuwider.

Als noch unzweckmässiger erwiesen sich solche Räumt,welche längere Zeit hindurch Menschen, die an Infektions-krankheiten litten, beherbergt hatten. In Orleans, nberichtet v. Langenbeck an die Preussische MilitärMedizinal-Abtheilung, ward das Lyce"e 4 ) mit Verwundetabelegt. Nach Ablauf von 8 Tagen brach in dem einen,besonders schönen und reinlich gehaltenen, nur 8 Bettetzählenden Saal bei 4 Verwundeten Pyämie aus, weichttödtlich verlief. Nachdem die anderen Verwundeten sofort)in Privathäuser übergeführt waren, fand die Krankheilkeine weitere Verbreitung. Durch einen Zufall wurde iilErfahrung gebracht, dass jener Saal bis zur Einnahme vot|Orleans als Infirmerie des Lycee benutzt und mit MasernScharlach- und Typhuskranken belegt gewesen war. Injdem allerdings geräumigen, jedoch mit Verwundeten dichbelegten Schulraume des Lyce'e kamen Wundkrankheiteinicht vor.

Auch für die leicht verständliche Thatsache, daslAsyle für Obdachlose nur einen üblen Nothbehelf atJgeben, mangelt es nicht an unmittelbarer Beobachtung!Das Etappenlazareth Villers Cotterets 5 ) z. B. benutzte ausseianderen Räumen einen Saal mit 50 Betten, welcher zuvoials Zufluchtsort für Bettler und Obdachlose gedient hattelTrotz peinlichster Reinlichkeit, Lüftung und Desinfektioiwollte ein übler, nicht näher zu bezeichnender GerucInicht weichen. Die im Lazareth vorgekommenen Todesfall!ereigneten sich alle in diesem Räume; der andere, eilebenso grosser luftiger Raum, ward mit schwerer Ter!wundeten belegt: in ihm starb Niemand.

1 ) Vergl. I. Band dieses Berichtes, 8. 144.

2 ) Vergl. ebendaselbst, S. 108.

') Dass es trotzdem nicht immer möglich war, sämmtlicllOpfer grosser Schlachten sogleich unter Dach zu bringen, istIII. Kapitel des I. Bandes vielfach hervorgehoben. Vergl. hie«|auch S. oll des I. Bandes.

2 ) Siehe im I. Bande dieses Berichtes z. B. S. 119 (St. Ail), S. 12|(Ste. Marie) u. A.

3 ) Vergl. im I. Bande dieses Berichtes z. B. S. 149, 217 u. y.i Eine gewisse Berühmtheit hat die von Mac Oormac in «|Lazareth umgewandelte Kaserne d'Asfeld zu Sedan erlangt.

4 ) Vergl. I. Band dieses Berichtes, S. 209.

5 ) Vergl. ebendaselbst, S. 176.

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