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3. Chirurgischer Theil A (1890) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Allgemeiner Theil
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Band III. Allgem. Theil.

II. Abschnitt: Behandlung der Wunden, insbesondere der Sehusswunden, im Allgemeinen.

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weit verbreitete Anwendung desselben von Seiten derDeutschen Aerzte hervor.

Andererseits aber wurden die mit der Anwendung desGypsverbandes im Felde verbundenen Gefahren nichtunterschätzt und namentlich durch v. Beck, Rupprecht u. A.voll gewürdigt. Es wurde namentlich betont, dass er beiden an die erste Hilfe häufig herantretenden Anforderungenzu zeitraubend sei. Im I. Bande dieses Berichtes ist nichtselten ein Zugang von vielen Hundert Verwundeten ineinem Feldlazarett] an einem Schlachttage angegeben. Selbstunter der Annahme, dass nur 10 $ der GesammtzahlKnochenbrüche erlitten hatten 1 ), ist es einleuchtend, dassweder Zeit noch Kräfte ausreichten, dieselben in Gypszu legen, ja auch Mangel an mitgeführtem Gyps trat untersolchen Verhältnissen ein. Des Weiteren fürchtete man beifrühzeitig angelegten Verbänden die folgende entzündlicheAnschwellung der Weichtheile, die im Drange der Arbeit,auf dem Transport, bei besonders unempfindlichen Ver-wundeten nicht immer gehörig ärztlich beaufsichtigt werdenkonnte. Unter solchen Umständen wurden allerdings be-drohliche Erscheinungen bemerkt, besonders bei allseitiggeschlossenen Gypsverbänden. Das Bayerische Aufnahms-Feldspital No. 4 beobachtete bei einem Manne mitSchussbruch des Ellenbogengelenks, der mit einem ge-fensterten Gypsverbande versehen war, bedenkliche An-schwellung und stärkere Eiterung, veranlasst, wie sich beider demnächstigen Abnahme des Verbandes ergab,durch in der Tiefe zurückgebliebene Uniformstücke.Schlimmeres berichtet das 4. Feldlazareth IV. Armee-korps: Ein Franzose hatte einen Schussbruch des rechtenUnterschenkels mit Splitterung erlitten, welcher mit ge-fenstertem Gypsverband behandelt wurde. Nach drei Tagentrat Brand ein und trotz Absetzung des Oberschenkels deri Tod. Einem anderen Feldlazareth gingen zwei Verwundetemit Schussverletzungen des Kniegelenks 11 Tage nach derVerletzung zu. Nach Abnahme des Gypsverbandes fandensich die Gliedmaassen in beiden Fällen in einer förmlichenKloake liegend vor. Bei dem einen war der Gyps mitJauche vollgesogen, erweicht, ebenso zeigten sich dieWeichtheile und die Markhöhle des stark nach aussengedrehten Schenkels mit Jauche durchsetzt. Trotz Ampu-tation des Oberschenkels im oberen Dritttheil erfolgte auchhier der Tod am dritten Tage an Pyämie. Aehnlicheswird noch anderweitig berichtet. Solche Fälle waren es,welche schon früher zu dem herben Urtheil Dumreicher'sVeranlassung gegeben haben, dass der Gypsverband derFaullenzer in der Kriegschirurgie sei, und welche Stro-meyer das vernichtende Urtheil fällen Hessen:DerGypsverband kam nach Langensalza wie ein jungerHeld und zog ab als Halbinvalide." Allein im Grundegenommen beweisen sie doch nur, dass bei der tausend-

l ) Vergl. Text des IL Bandes dieses Berichtes, S. 84, wonach.unter der Gesammtzahl der in Lazarethbehandlung gelangten Ver-wundeten 15.u % mit Knochenbrüchen behaftet waren.

Samtäts-Bericlit über die Deutschen Heere 1810/71. III. Bd. Allgem Tlieil.

| faltigen Anwendung des Gypsverbandes in einzelnenwenigen Fällen durch das Zusammentreffen ungünstigerUmstände, wie komplizirte Wundverhältnisse, zu früherTransport, Uebergang des Kranken von einer Hand in dieandere, Mangel an Zeit und Gelegenheit zu gründlicherUeberwachung, Unglücksfälle sich ereigneten, bei denenüberdies schwer zu sagen ist, ob sie bei Anwendung vonanderen, minder festen Verbänden vermieden bezw. nichtdurch Nachtheile anderer Art aufgewogen worden wären.

Gypsverbande sind überall bei allen Arten von Ver-letzungen der Gliedmaassenknochen und Gelenke zur An-wendung gekommen. Besonders befriedigt sprechen sichdie Feldärzte über ihre Wirkung bei den Schussbrüchender oberen Gliedmaassen, des Unterschenkels und Fussesaus, während vielfach gefunden wurde, dass sie bei be-deutend komplizirten Oberschenkelbrüchen ihren Zwecknicht erfüllten. Als Gegenanzeige für den geschlossenenGypsverband galten Fisteln, grosse Wunden, die der Be-sichtigung dauernd zugänglich bleiben mussten, sowie mehr-fache Verletzungen eines Gliedes.

Ueber den Werth des Gypsverbandes für den Trans-port herrschte kaum eine Meinungsverschiedenheit. Inden Berichten fast aller Lazarethe finden sich die Vor-züge der sicheren Feststellung und Beseitigung desSchmerzes für den Verwundeten hervorgehoben. So kamam 23. August in das Bayerische Garnison- und Vereins-spital Zweibrücken ein Mann mit Oberschenkel-Schuss-bruch in einem Gypsverband, der ohne Beckengürtel, ohnePolsterung angelegt war und nur bis zur Leistengegendreichte. Trotzdem war der Transport völlig schmerzlosgewesen, und die Wunde zeigte sich am 31. August beiEntfernung des Gypsverbandes ohne Röthung und ohneGeschwulst. Das Bayerische Aufnahms-Feldspital No. 9berichtet über den Transport eines im Kniegelenk re-sezirten Mannes im gefensterten Gypsverband von Chälonssur Marne bis München ohne die geringsten Schmerzenoder Reaktion, trotzdem derselbe mehrere Wunden undFistelgänge hatte und sehr empfindlich war. Sechs Tagenach der Schlacht bei Wörth kamen 36 Verwundete inLandshut an; die Gypsverbande waren zum Theil ab-gebröckelt und mussten sofort erneuert werden, stellten diegebrochenen Knochen aber nichtsdestoweniger in völliggenügendem Maasse fest. Nur hier und da fand man dieGypsverbande bei den aus Feldlazarethen kommenden Ver-wundeten mit Eiter durchtränkt, daher als Regel aufgestelltwurde, bei Transportirten jeden Gypsverband zu erneuern. 1 )

Wie wichtig die Befolgung dieses Grundsatzes nachTransporten bei selbst völlig normalem Verlauf der Ver-letzung ist, darüber berichtet Heineke aus dem BayerischenAufnahms-Feldspital No. 4. Ein Offizier erhielt nach Aus-sägung des Ellenbogengelenks am zweiten oder dritten Tage

!) Betreffs nachtheiliger oder doch ungenügender Wirkung desGypsverbandes bei Transportirten siehe IV. Abschnitt dieses Kapitels(Evakuation).

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