Druckschrift 
3. Chirurgischer Theil A (1890) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Allgemeiner Theil
Entstehung
Seite
51
Einzelbild herunterladen
 

Band III. Allgem. Theil.

II. Abschnitt: Behandlung der Wunden, insbesondere der Schusswunden, im Allgemeinen.

51

dass nur Mangel an Zeit und Material die Veranlassungzu dieser Behandlung gewesen sei.

Besonderer Empfehlung hielt Stromeyer 1 ) die Pott-sche Seitenlage dann werth, wenn nur das Schienbeinzerschossen war. weil man daLei sicher die Entstehung vonFersen-Druckbrand verhüte.

Einfache Lagerung bevorzugte er auch bei den Ver-letzungen der oberen Gliedmaassen.

Das 4. Feldlazareth III. Armeekorps behandelte einenMann mit Schuss durch das Ellenbogengelenk mit gutemErfolg mittelst Lagerung auf einem Kranzkissen. DieseVerletzungen - bieten aber überhaupt der erhaltenden Be-handlung nicht gleiche Schwierigkeiten, wie diejenigen derunteren Gliedmaassen, weil die Masse der mitzerschossenenWeichtheile, die Grösse der die Knochenverschiebung be-wirkenden Muskeln eine sehr viel geringere und leichterzu überwindende ist, schliesslich die Verwundeten frühzeitigaufstehen und das Gewicht der Gliedmaasse zur Streckungbenutzen können. So berichtet das 9. Feldlazareth desGardekorps, dass die Schussverletzungen des Oberarmesunter allen Verbänden gut heilten.

Vielfach fanden zur Unterstützung der Lagerung Ver-bände mit leichten Kissen Verwendung. Im Baracken-luzareth Hamburg sah man hiervon besondere Vortheileund Vorzüge vor festen Verbänden, besonders dem Gyps-verband. Im 9. Feldlazareth 111. Armeekorps befestigteman bei Schenkelbrüchen, wo diese Lage gut vertragenwurde, den ganzen Schenkel mittelst eines langen, zwischendie Gliedmaassen gelegten Spreukissens an das gesunde Bein.

Von besonderer Bedeutung waren diese offenen Lage-rungen auf Kissen und zwischen Sandsäcken bei der hierund da geübten Anwendung von Eisblasen. Das BayerischeAufnahms-Feldspital No. 3 wandte diese Behandlung be-sonders bei Schussbrüchen in der Nähe der Gelenke an.

B. Durch Schienen.

Sehr umfassender Gebrauch wurde von Schienen ge-macht. Die unverkennbaren Vorzüge, welche denselbeninnewohnen, nämlich bei meistentheils genügender Fest-stellung die Wunde dem Auge und Verbandwechsel zu-gänglich zu erhalten, die Möglichkeit, jeden Augenblickabgenommen und gewechselt werden zu können und endlichbei eintretender Schwellung der Weichtheile keinen gefahr-drohenden Druck auszuüben, machten sie besonders werth-voll für die ersten Wochen nach der Verletzung. Auchkonnten während des Transportes bei Verbänden solcherArt, wenn ärztliche Hilfe nicht zu Gebote stand, etwanothwendig werdende Lockerungen durch verlässlicheWärter ausgeführt werden. In vielen Lazarethen kamensie ausschliesslich zur Anwendung bei vorhandenen oderzu fürchtenden Entzündungen so lange, bis die Zeit der

! ) Stromeyer in Mac Cormac's Notizen u. s. w., S. 154.

Schwellung vorüber war, die Eiterabsonderung sich ver-ringerte und die Wunde deutliche Verkleinerung zeigte.Nur im Kriegslazareth Teterchen machte man die Beob-achtung, dass selbst einfache Schienenverbände bei be-ginnender Reaktion nicht vertragen wurden.

Diesem vielfach bewährten und anerkannten Nutzender Schienen steht das Urtheil eines Autors gegenüber,welcher dieselben verwirft, weil sie die beim Fahren aufWagen eintretenden Erschütterungen nicht im Mindestenunschädlich machen sollen, und die auf die Anlegungsolcher Verbände verwendete Zeit für verloren erklärt.

Das von den amtlichen Feld - Sanitätsanstalten mit-geführte Material der Schienen war Holz, Blech, Sieb-draht, Pappe. Schusterspan.') Die hieraus vorher zu-bereiteten oder für den besonderen Fall zurechtgeschnittenenSchienen wurden schon auf dem Schlachtfelde von denKrankenträgern angelegt, soweit der mitgeführte Vorrathausreichte. Bei eintretendem Mangel benutzte man Baum-zweige, Lanzen, Gewehre, Säbel, Baumrinde und andereDinge, in deren Herrichtung bezw. Verwendung die Kranken-träger vorher eingeübt waren. Die Holzschienen warentheils wie die in den Bandagetornistern befindlichen ein-fache glatte Holzbrettchen von 3'/2 bis 5 cm Breite mitoder ohne Blechhülsen an den Enden zum beliebigen In-einanderstecken und zur ersten Hilfe bestimmt (EnglischeSchienen), theils hohlrunde, aus leichtem Holz gearbeitetund später in den Lazarethen angelegt. Zur Polsterungdiente Watte oder Charpie, durch eine Schicht Wachsleine-wand oder Kautschukpapier vor Beschmutzung geschützt.Die einfachen hölzernen und die Nothschienen wurden zueiner oder zweien an das gebrochene Glied gelegt und mitTüchern ober- und unterhalb der Wunde oder mit einerBinde befestigt.

Ihre hauptsächliche Verwendung fanden die Holz-schienen für die Brüche der oberen Gliedmaassen, wo siein Verbindung mit Mitellen, selbst im Falle eines Bruchesbeider Vorderarmknochen, meistentheils als genügend ge-funden wurden.

Auch Bupprecht 2 ) erklärt die Holz- oder Pappdeckel-schienen bei Verletzungen der oberen Gliedmaassen für diebesten, dagegen bei Verletzungen des Ellenbogengelenks 3 )nur zureichend, wenn sie gleichzeitig durch Gypsbindeubefestigt werden, 4 ) während v. Beck, der am Oberarm hinund wieder Holzschienen anlegte, erklärt, dass sie denStrohschienen nachständen.

Im Bayerischen Aufnahms-Feldspital No. 10 war mander Ansicht, dass die Holzschienen für den eigentlichenZweck der E'eststellung des verletzten Gliedes ein ganzungenügendes Verbandmittel seien, und sah von ihrer An-wendung gänzlich ab.

a ) Vergl. die Beilagen zum I. Bande dieses Berichtes.

2 ) Rupprecht, Militärärztliche Erfahrungen, S. 27.

3) Rupprecht, a.a.O. S. 69.*) Mayer, a. a. 0., S. 96.

7*