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I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Theil.
Verletzungen ohne dergleichen Verbände beobachtet. Ausdem Kriegslazareth Strassburg wurde eine nicht un-bedeutende Zahl Verwundeter mit Knochen- und Gelenk-schüssen ohne feste Verbände in andere Lazarethe über-geführt, ohne dass diese Transportmethode geschadet hätte,allerdings, wie es in dem Bericht heisst, zur Verwunderungder aufnehmenden Lazarethe. Häufiger als von DeutschenFeldärzten scheint solches Verfahren auf Französischer Seiteeingeschlagen zu sein, zum Theil wohl in Folge geringererVertrautheit mit dem hauptsächlichsten feststellenden Ver-bände (dem Gypsverbande). In den Französischen Lazarethenzu Strassburg fand man die meisten Brüche ohne festeVerbände vor, daher auch bei einfachen Brüchen ohneWunde Verkürzungen bis 10 cm. Heyfelder berichtet,dass er in Lille den Französischen Aerzten Unterricht imAnlegen von Gypsverbänden habe ertheilen müssen.
Das Streben, möglichst frühzeitig feste Verbände an-zulegen, in denen die Brüche dann womöglich bis zurHeilung in grösster Buhe verbleiben sollten, fand indessenseine Beschränkung einmal in der fast immer der Ver-letzung folgenden entzündlichen Anschwellung der Weich-theile. So lange dieselbe dauerte, wurde von allen festenVerbänden abgesehen und die Ruhigstellung des gebrochenenKnochens allein durch Lagerung oder ganz einfache, nichtdrückende Schienen zu erreichen gesucht. Ein zweitesHinderniss zeigte sich manchmal in der Grösse der Wunden,welche einer dauernden Beobachtung und häufigem Verband-wechsel zugänglich bleiben mussten. Auch in solchenFällen konnte von festen Verbänden keine Rede sein;man begnügte sich mit passender Lagerung oder leichterSchienung.
Diese Bedenken gegen zu früh angelegte Verbände,welche keinen Raum für die bald sich einstellende Schwellungboten, waren nicht unbegründet. Wiederholt sind in denBerichten Klagen niedergelegt über die üble Einwirkungzu fest angelegter Verbände, die nicht einmal erstarrende,sondern vorläufige Schienenverbände waren. Im BayerischenAufnahms-Feldspital No. 4 beobachtete man ödematöse An-schwellungen und Brandblasen, anderwärts langwierigeZellgewebsentzündungen bei mehreren Verwundeten, beiwelchen die Verbände nur 24 Stunden zu fest gelegenhatten. Im Drange der Noth konnte es nicht ausbleiben,dass die Ausführung einfacherer Verbände auch mindergeschulten Lazarethgehilfen, Krankenwärtern und freiwilligenHelfern anvertraut werden musste'). Diese Vorkommnisseführten zu dem wiederholt ausgesprochenen Rath, dieBefestigung der Verbände durch die leichter anzulegendenund leichter zu beaufsichtigenden Tücher zu bewirken. 2 )
!) Vergl. S. 25 dieses Bandes.
2 ) Von der Militär - Medizinal - Abtheilung des PreussischenKriegsministeriums allein wurden 128 768 dreieckige Verbandtücherzur Verwendung bei der mobilen Armee beschafft. (Vergl. Beilage 30[S. 09*] zum I. Bande dieses Berichtes.)
A. Durch Lagerung.
Die einfachste, mit den geringsten Hilfsmitteln zuleistende Feststellung gebrochener Knochen besteht in ge-eigneter Lagerung, welche gewöhnlich auf Spreusäckchen(Häckselkissen), die sehr gelobt werden, zur Ausführungkam. Wenn angängig, wurde das untergelegte Kissen durcheine Lage undurchlässigen Stoffes vor Beschinutzung durchWundabsonderung behütet, die Gliedmaasse hoch gelagert unddurch seitlich oder auch quer darüber gelegte Sandsäcke vorBewegungen und Verschiebungen bewahrt. Reifenbahrenschützten vor dem Druck der Bettdecke. Diese Verbändewurden bevorzugt in der ersten Zeit der reichlichenEiterung und der häufigen Verbände. Im 6. Feldlazarettdes Gardekorps behielt man diese Behandlung bis etwazum 8. Tage bei. Bemerkenswert!» ist, dass (nach demBericht des Kriegslazareths Zweibrücken) v. Brunsauch nach J]llenbogengelenk - Aussägungen keinerlei im-niobilisirende Verbände anlegte, sondern die operirtenGliedmaassen nach einem einfachen Deckverbande nurdurch Spreukissen unterstützen lies. Auch nach Aussägungdes Fussgelenks liess er das Bein ebenso lagern, wobei dieFerse nach aufwärts durch Heftpflasterstreifen angedrücktwurde, um den Abstand der Knochenenden zu verringern.Doch war die durch das Pflaster hervorgerufene Spannungschon nach einigen Tagen unerträglich und die geringsteErschütterung des Körpers sehr schmerzhaft, weshalb einanderer Verband — die Beinlade — gewählt wurde.
Viel angewendet ward die hinsichtlich ihrer Zweck-mässigkeit auch vielbestrittene Fott'sche Seitenlagebei Brüchen des Oberschenkels. Generalarzt v. Wegnevberichtet, dass diese Lage ohne jede Lagerungsvorrichtungbei Oberschenkelbrüchen sehr gut vertragen wurde undnur als Bedingung ein Bett mit fester Matratze voraussetzte.Auch das 12. Feldlazareth V. Armeekorps beobachtetehierbei die Heilung eines Oberschenkelbruchs vollkommenwie die einer einfachen, mit nur 4 cm Verkürzung, aller-dings mit Rotationsverschiebung. Stromeyer, 1 ) welchernach den in seinen „Maximen der Kriegsheilkunst" aus-gesprochenen Grundsätzen überhaupt kein Freund festerVerbände war, liess Verwundete mit Oberschenkel-Schuss-brächen ebenfalls in Pott'scher Seitenlage oder geradeausgestreckt liegen, wie es besser vertragen wurde, undwar mit den Erfolgen zufrieden.
Andere Beobachter fanden die Ergebnisse der Pott-schen Seitenlage durchaus nicht glänzend. In Heidelbergtraf Billroth 2 ) die Oberschenkel-Schussbrüche bei Simonmit fast rechtwinklig zusammenstehenden Bruchenden, dieAnschwellung der Schenkel war eine ausserordentliche,und die meisten dieser Verletzten sahen sehr schlecht aus.Das 12. Feldlazareth III. Armeekorps berichtet denn auch,
x ) Stromeyer in Mac Cormac's Notizen u. s. w., S. 153.-') Billroth, Chirurgische Briefe. S. 261.
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