ad III. Allgem. Theil.
IL Abschnitt: Behandlung der Wunden, insbesondere der Schlisswunden, im Allgemeinen.
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14. A., Turko: Schuss in das Hüftgelenk am 6. August1870. „Signalblutung" (Lücke) am 18. August. Tags daraufehr heftige Blutung. „An eine Auffindung der ver-letzten Gefässstelle war bei der Tiefe des Schuss-canals nicht zu denken" (Lücke), daher Unterbindung[des Stammes der Schenkelschlagader oberhalb des Abgangesder tiefen Schenkelschlagader, dicht am Poupart'schen Bande.[Nachblutungen aus der Wunde am 20. August. Pyämie. Todam 22. August 1870.
Befund: Verletzung der tiefen Schenkelschlagader.')
i) Vergl. V. Band dieses Berichtes, S. G2G, No. 3.
15. J- S., vom 36. Französischen Linien-Regiment: Schussdurch die hintere Muskulatur des rechten Oberschenkels, dichtunter dem Kollhügel, am 6. August 1870. „Signalblutungen''am 21. und 22. August. Am 23. August: heftige Blutung.Nach vorläufigem Fing er druck wird die Unterbindungder Schenkelschlagader am Poupart'schen Bande vor-genommen. Am 13. und 14. September: Blutungen aus derUnterbindungswunde, durch Tampon ade mit Tannin ge-stillt. Brand des Schenkels. Tod am 17. September 1870. l )
i) Vergl. V. Band dieses Berichtes, S. 629, Xo. 3G.
VIII. Feststellung der Gliedmaassen bei Scliussbriichen.
Die erhaltende Behandlung der Schussbrüche, im erstenr iertel dieses Jahrhunderts noch so gut wie unbekanntund von den bedeutendsten Chirurgen als zu gefährlichand keine Erfolge versprechend verworfen, hatte sichfahrend der langen Friedenszeit in den dreissiger bisfünfziger Jahren dieses Jahrhunderts aus kleinen Anfängenallmälig entwickelt und, in den Kriegen 1848, 1864 und 1866durch v. Langenbeck und Stromeyer geübt und gelehrt,ihre erste Feuerprobe mit glänzendem Erfolge bestanden.Die Fortschritte in dieser Richtung gründeten sich zumeistlauf die Erfindung von Verbänden, welche im Stande waren,den ihrer Stütze beraubten Gliedern einen Halt zu ge-währen und dadurch die Schädlichkeiten auszuschalten.»eiche von Verletzungen der Weichtheile durch spitzeBewegliche Knochenenden herrühren. War man auch injener vorantiseptischen Zeit im Allgemeinen nicht imStande, nach Verletzung der Weichtheile die Infektions-träger fernzuhalten, so gab doch schon allein die(immer besser geübte Feststellung der gebrochenen Glied-inaassen mit jedem Kriege günstigere Ergebnisse. Diesei Wendung der Kriegschirurgie ist zumeist der EinführungI der erstarrenden Verbände zuzuschreiben und vor Allemder Verbreitung des Gypsverbandes, welcher von Pirogoff[in die Kriegschirurgie eingeführt, von den Deutschen Aerztenbesonders ausgebildet, erprobt und im Kriege 1866 fastausnahmslos bei allen Schussbrüchen angewendet wurde,las Vertrauen auf die erhaltende Methode stieg hierdurchbiach Fischer 1 ) im Böhmischen Feldzuge fast bis zur Ver-nachlässigung der primären Amputationen.
Im Kriege 1870/71 wurde von den Deutschen Feld-ferzten im weitesten Umfange erhaltend behandelt. ImlAUgemeinen entschloss man sich nur bei ganz bedeutenden[Komplikationen, bei gleichzeitiger Zerreissung der grösserenIGefässe und Nervenstämme, weitgehender Zerstörung derWeichtheile oder völliger Zermalmung der Knochen zurbrimären Gliedabsetzung. Einzelne Lazarethe gingen noch
!) Handbuch der Kriegschirurgie II. S. 725.
Sanitäts-Bericht libev die Deutschen Heere 1870/71. III. Bd. Allgein Theil.
weiter in ihren konservativen Anschauungen. Waren dieErnährungsverhältnisse der unterhalb der Wunde liegendenTheile noch der Art, dass ein Brandigwerden derselbennicht ganz ausser Zweifel stand, so versuchte man auchbei ausgedehntester Verletzung der Hauptknochen desGliedes die Erhaltung desselben zu bewirken. Billroth 1 )erwähnt, dass trotz Zersplitterung des Knochens in zahl-lose Stücke und Stückchen ihm doch kein Fall vor-gekommen sei, der zu einer primären Amputation auf-gefordert, bei welchem die Zerschmetterung des Knochensan sich die Heilung unmöglich, die Herstellung einergebrauchsfähigen Gliedmaasse undenkbar gemacht hätte.
Bei der Behandlung dieser Schussbrüche ging manvon der Ansicht aus, dass die wesentlichste Aufgabedarin bestehe, das zerschmetterte Glied gehörig zu lagernund in Ruhe zu erhalten. Schon in einer geringenBeunruhigung der verletzten Gliedmaasse sah man einenEntzündungsreiz und erkannte in der möglichsten Ver-meidung jener das wirksamste Mittel, die einen günstigenErfolg am meisten in Frage stellenden Höhengrade derEntzündung am sichersten niederzuhalten. Fast einstimmigwar man Deutscherseits der Ansicht, dass sich dies Zielnur durch feste Verbände erreichen lasse, und ebenso, dassder Erfolg um so besser sei, je früher nach der Verletzungdie Verwundeten in solche Verbände gelegt werden. Nachdem Bericht des 5. Feldlazareths VIII. Armeekorps habenvon den mit Knochenbrüchen und grossen Wunden nichtin festen Gypsverbänden befindlichen Kranken nur wenigeerhalten werden können.
Nur vereinzelt kamen andere Grundsätze Deutscherseitszur Anwendung. Im Kriegslazareth Forbach wurden Brücheohne feststellende Verbände behandelt. Im KriegslazarethOrleans sowie im Kriegslazareth Se'minaire in Pont-ä-Mousson heilte je ein Kniegelenkschuss ohne jeden festenVerband, in ersterem wurde auch Heilung von Fussgelenk-
') Chirurgische Briefe.