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3. Chirurgischer Theil A (1890) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Allgemeiner Theil
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Band III. Allgem. Theil.

II. Abschnitt: Behandlung der Wunden, insbesondere der Schusswunden, im Allgemeinen.

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jedoch, diese Thatsaehe lediglich auf eine Ueberzeugungder Aerzte von besserer Wirkung dieser Methode zurück-zuführen. Vielmehr liefern die nachfolgenden Kranken-geschichten den Beweis, dass in einem grossen Theil derFälle vorher die Unterbindung in der Wunde versucht,jedoch mit Rücksicht auf die oben erwähnten Schwierig-keiten aufgegeben worden ist.

Sehr häufig wurden auch nach vorgenommener Unter-bindung erneute Blutungen beobachtet, und zwar nachUnterbindungen am Stamme sowohl aus der ursprünglichenWunde als aus der Unterbindungsstelle. 1 )

Wo zur Auffindung eines blutenden Gefässes tiefeEinschnitte nothwendig waren, zeigte sich häufig schondurch diese eine günstige Beeinflussung der Blutung unddes weiteren Wundverlaufes. 2 )

Als Unterbindungsmaterial fand in erster Liniegewöhnliche Seide Verwendung mit oder ohne Aku-pressurnadel oder die blutstillende Schlinge, da-neben zur Unterbindung grosser Gefässe auchDraht. Des von Lister damals bereits empfohlenen 3 )Catgut geschieht in den Berichten nirgends Erwähnung.Billroth (Chirurgische Briefe) schrieb damals in dieserBeziehung:Die Empfehlungen, zu Unterbindungen Sub-stanzen zu verwenden, welche später resorbirt werdenkönnen, gehören auch hierher, doch sind derartige Sub-stanzen, z. B. Darmsaiten, bisher nicht recht in Gebrauchgekommen; sie haben, wie es scheint, den Erwartungennicht entsprochen."

Die perkutane Akupressur, die Umstechung,desgleichen die Torsion kamen bei Blutungen aus kleinerenBefassen vielfach allein, bei solchen aus grösseren in Ver-bindung mit anderen Methoden oder als Vorläufer der-selben vielfach in Gebrauch. Billroth und Mac Cormachielten die Torsion (mit Haken oder Pincette) auch zumlauernden Verschluss grösserer Gefässe für vollkommenausreichend. Die von Mac Cormac bei mehr als 100grösseren Operationen zu diesem Zwecke gebrauchten Pin-cetten zeichneten sich durch ihre ungewöhnliche Länge(6 bis 7 Zoll) aus; später (in Versailles) verwendete dergenannte Chirurg Haken, welche jedoch öfter nur eineWand des Gefässes fassten, das Rohr daher nur unvoll-kommen schlössen.

Zur Stillung von Gewebs- oder venösen Blutungen,zuweilen auch solcher aus mittelgrossen Gefässen, wurde namentlich nach Amputationen und bei Höhlenwundennicht selten die ganze Wunde kauterisirt und zwar baldmit Glüheisen, bald mit Höllenstein oder Chlorzink,zuweilen auch mit reiner Karbolsäure. 4 ) Der Erfolg

J ) Näheres darüber, sowie über die Zahl der nach voraus-gegangener Unterbindung nothwendig gewordenen Amputationen, über'Aneurysmen u. s. w. siehe in dem KapitelGrössere Operationen".a J Vergl. S. 28 dieses Bandes.

3 ) Vergl. S. 34 dieses Bandes, Anmerkung 1.

4 ) Vergl. die oben mitgetheilte Krankengeschichte No. 1.

war bei keiner dieser Methoden ein durchweg oder auchnur in der Mehrzahl der Fälle befriedigender, vielmehrmussten später meist andere Maassnahmen hinzutreten, beiwelchen dann ebenso wie nach Anwendung der frühererwähnten blutstillenden Mittel der veränderte Zustand derWunde die Schwierigkeiten vermehrte und der inzwischenstattgefundene Blutverlust die Aussichten auf einen günstigenAusgang verringerte. Ein Oesterreichischer Arzt, welcherwährend des Krieges in Französischen Ambulanzen und inBelgien Amputationen ausführen sah, erzählte Billroth,dass daselbst nach der Operation nur die Hauptgefässeunterbunden, sodann die Wundflächen gewöhnlich mit ge-pulvertem Alaun beworfen und mit Charpie bedeckt wordenseien. Wenn im Uebrigen auch in Deutschen Lazaretheneine gründliche Blutstillung nach Operationen vor An-legung des Verbandes im Allgemeinen als entschiedeneForderung galt, so legte man doch auch dort daraufkeineswegs dasselbe Gewicht, wie gegenwärtig geschieht.Der Rath Burow's, Gewebs- und venöse Blutungen beiAmputationswunden lediglich durch die Naht zu stillen,wurde vielfach befolgt und in einigen Fällen dabei eineprima intentio erzielt; bei Weitem häufiger aber musstendie Nähte entfernt werden, weil starke Eiterung eintratoder Haut und Knochenränder abstarben.

Einige bereits im V. Bande dieses Berichtes kurz mit-getheilte Krankengeschichten, welche geeignet erscheinen,manches oben Gesagte zu belegen und zu erläutern, seienan dieser Stelle in etwas ausführlicherer, auf das Voran-stehende unmittelbar Bezug nehmender Fassung eingefügt.

3. G. L., vorn 7. Ostpreussischen Infanterie-RegimentNo. 44: Schrägbruch des rechten Schienbeins am 27. No-vember 1870. Unmittelbar nach der Verletzung starke Blutung-aus der vorderen Schienbeinschlagader bis zur Ohnmacht.Am 10., 11. und 12, Dezember neue Blutungen, gestillt durchAderpresse, Tamponade mit Eisenchloridlösung, Kom-pressionsbinde, erhöhte Lage. Am 14. Dezember: Blutung,gestillt durch Aderpresse. Am 17. Dezember: abermaligeBlutung. Versuch einer Unterbindung in der Wundemisslingt. Unterbindung der Schenkelschlagader. DieBlutung dauert fort. Nunmehr wird die äussere Schussöffnungausgiebig erweitert, als Ursache der Blutung eine Verletzungder vorderen Schienbeinschlagader gefunden und letztere inder Wunde doppelt unterbunden. Die Blutung aus derUnterbindungsstelle der Schenkelschlagader durch Kauteri-sation mit Karbolsäure gestillt. Heilung. 1 )

4. Füsilier F. vom 1. Hanseatischen Infanterie-RegimentNo. 75: Schussbruch des linken Schienbeins am 3. Dezember1870. In der Mitte des Schienbeins ein ziemlich rundes Loch,massige Splitterung des Knochens. Auf dem Schlachtfeldestarke Blutung, die aber von selbst stand. Am S.Dezember:beträchtliche blutige Durchtränkung der Weichtheile des linkenUnterschenkels. Am 10. Dezember: erhebliche Blutung, welcheauf Fingerdruck der Kniekehlenschlagader stand. Am12. Dezember: neue beträchtliche Blutung, gestillt durchTamponade und Eisblase. Am 14. Dezember: abermaligeBlutung. Versuch der Unterbindung in der Wunde

') Vergl. V. Kand dieses Berichtes, S. 604, No. 17.