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3. Chirurgischer Theil A (1890) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Allgemeiner Theil
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I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Theil.

Neben der blutstillenden Kraft erkennen manche Be-richterstatter dein Fingerdruck eine schon nach fünfMinuten eintretende schmerzstillende und (mit De in ine)eine entzündungswidrige Wirkung zu.

Seltener, meist wohl als Nothbehelf aus Mangel anPersonal, wurde Druck auf den Gefässstamm auch zurStillung sekundärer Blutungen statt durch den Fingermit der Ader presse ausgeübt. Die Ergebnisse warendabei begreiflicherweise noch ungünstiger. Häufiger fandauch in solchen Fällen nach Aufhören der Blutung, ebensowie nach grösseren Operationen oder für den Transport')die prophylaktische lose Anlegung einer Aderpresse statt,um dem wachhabenden Personal die Möglichkeit zu geben,erneuter Blutung sogleich durch Anziehung der Schraube(bezw. des Knebels) zu begegnen.

Der Gebrauch, welcher von Aderpressen in der ebenerwähnten mehrfachen Weise gemacht wurde, war im Ganzenein sehr beträchtlicher. 2 ) Allerdings aber ertönten viel-fache Klagen über unzweckmässige Anlegung und überentschiedenen Schaden, welchen Verwundete dadurch er-litten haben, dass ein Lazarethgehilfe, Krankenwärter oderKrankenträger eine Aderpresse zu fest oder an falscherStelle angelegt hatte. Eine ausführlichere derartige Mit-theilung des 3.Foldlazareths IV. Armeekorps aus Beaumontmöge hier ihren Platz finden.

2. Musketier M. vom 3. Magdeburgischen Infanterie-Regiment No. 66 erhielt am 30. August 1870 in der Schlachtbei Beaumont einen Schuss durch das rechte Bein und wurdeam Abend desselben Tages mit einer schlecht sitzenden Ader-presse am rechten Oberschenkel und Deckverband in der Knie-kehle in das obengenannte Lazareth gebracht. Derselbe er-zählte, dass wegen heftiger Blutung aus der Wunde in derKniekehle von einem Lazarethgehilfen die Aderpresse angelegtworden sei. Der Unterschenkel war stark angeschwollen undvon niedriger Temperatur; am Fuss schwacher Arterienpuls.In der Mitte der Kniekehle ein oberflächlicher querer Schuss-kanal, beide Oeffnungen 5 cm von einander entfernt. Bei Ab-nahme des Verbandes starke venöse Blutung, bei Entfernungder Aderpresse keine arterielle. Unter leichter Einwickelungdes ganzen Unterschenkels hörte die venöse Blutung auf, ohnewiederzukehren. Das Bein schwoll ab. Schon am 3. Septemberaber entwickelte sich Brand, an der äusseren Seite beginnend.Tod am 5. September 1870.

Die Unzulänglichkeit aller nichtoperativen Blutstillungs-methoden stellt sich bei Durchsicht der Berichte unwider-leglich heraus. Auch wurde schon während des Kriegesvon allen Seiten die Unterbindung als das allein einiger-maassen sichere Mittel anerkannt und frühzeitige Unter-bindung mehrfach empfohlen. Die ungünstigen Ergebnisse,welche die Statistik der Arterienunterbindungen aus dem

1 ) Ueber Blutungen auf Kvakuationstransporten siehe im IV. Ab-schnitt dieses Kapitels.

2 ) Betreffs Ausstattung der Truppen und Sanitätsformationenmit Aderpressen und Materialien zur Blutstillung überhaupt siehedie Beilagen 23 bis 26, 33, 35 und 37 bis 41 im I. Bande diesesBerichtes.

Deutsch-Französischen Kriege (wie aus früheren Feldzügen)aufweist, 1 ) sind ohne Zweifel zu gutem Theil darauf zurück-zuführen, dass der operative Eingriff als letztes Hilfsmittelerst dann vorgenommen wurde, wenn der Verwundete nichtnur durch tage-, Wochen-, selbst monatelanges Kranken-lager, sondern auch durch wiederholte starke, mit unge-nügenden Augenblicksmitteln bekämpfte Blutungen er-schöpft war. Der Grund davon lag nicht in Messerschender Aerzte. Mit Becht hebt Billroth in seinen chirurgi-schen Briefen hervor, dass gerade die Gefässunterbindungeine in allen Operationskursen vorzugsweise gepflegte.auch dem chirurgisch minder geübten Arzte geläufigeOperation gewesen sei. Der eigentliche Grund möchtevielmehr darin zu suchen sein, dass die schon an sich!nicht selten schwierige Unterbindung in der Wunde]durch die fast immer vorausgegangene Anwendung vonsogenannten blutstillenden Mitteln aller Art noch weiterjhochgradig erschwert, zuweilen wohl geradezu unmöglichgemacht war, 2 ) während man sich nicht verhehlen konnte,dass die Unterbindung des Stammes noch weniger-gegen neue Blutung sichere, für den Gesammtverlauf abeijund das Endergebniss nicht ohne erhebliche Bedenken sei.'

Hinsichtlich der wichtigen Frage, ob die Unter!bindung in der Wunde oder diejenige am Stamme den'Vorzug verdiene, bestand durchaus nicht Einstimmigkeitjder Meinungen. Hervorragende Chirurgen, wie v. Beck,]Billroth u. a., wollten der centralen Unterbindung das!Vorrecht gewahrt wissen, während Stromeyer, Fischet!u. a. schon damals die entgegengesetzte, erst nach demKriege zu allgemeinerer Anerkennung durchgedrungen!Ansicht vertraten. Thatsache ist jedenfalls, dass weitaii!die meisten, während des Krieges in Deutschen Lazarett»vorgenommenen Unterbindungen grösserer Gefässe annHauptstamme stattgefunden haben. 4 ) Irrig wäre

>) Vergl. den AbschnittUnterbindung grösserer Arterien" udem KapitelGrössere Operationen' dieses Bandes.

*) Vergl. die nachstehenden Krankengeschichten. Von dalSchwierigkeiten, welche dem Operateur bei Unterbindung einelgrösseren Gelasses in der Wunde bei verändertem Zustande d«|Weichtheile und Knochen entgegentreten können, giebt Billroth idenChirurgischen Briefen" eine entmuthigende Beschreibung.

:i ) Vergl. Anmerkung 1 in nebenstehender Spalte. Betrelder primären Unterbindung siehe auch S. 39.

4 ) Vergl.Statistik der grösseren Operationen" in diesem BandflTabelle XIX. Den 44 an Angehörigen der Deutschen Heere vorgenommenen Unterbindungen in der Wunde (mit 57 " Todesfällen!stehen daselbst 235 Unterbindungen am Stamme (mit 66 " a Todes!lallen) und 101 ohne nähere Angabe (mit 57 ;; Todesfällen) gegeii-jüber. Wollte man selbst annehmen, dass sämmtliche letztereinUnterbindungen in der Wunde zuzuzählen seien, was sicherlidnicht zutrifft, so bliebe die Zahl der Hauptstammunterbinduugen doclbei Weitem die grössere. Bei den in Deutschen Sanitätsanstulte;behandelten Franzosen (siehe ebendaselbst) war das Verhältniss eiähnliches: (10 in der Wunde, 86 am Stamme, 33 ohne nähere Ai|gabel, doch fällt bei ihnen die grössere Sterblichkeit (80 l) auf cUnterbindungen in der Wunde (am Stamme: 68 ü, bei den Fällen ohik|nähere Angabe: 69 jj).