• Theil. II Band III. Allgem. Theil.
II. Abschnitt: Behandlung der Wunden, insbesondere der Schusswunden, im Allgemeinen.
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Uebelkeit und Erbrechen anhaltend; Brustschmerzen, nament-ich linkerseits, Husten mit pneumonischem Auswurf: heftigeanophthalmitis des rechten Auges: Schluckbewegungenusserst mühsam; vollständige Stimmlosigkeit; deutliche Pareseer rechten Gesichts- und Körperhälfte. Aus der Wunde flosseichlich Blut- und Eiter - Serum von scheusslichem Geruch,arbolsäure in Krystallen zwischen die Schwämme ge-rächt, verminderte den üblen Geruch beträchtlich. Demnächsturde eine Höhlung in den Schwammtanipon geschnitten, dieseit Karbolkiwstallen ausgefüllt und die ganze Gegend mit der,uf Staniol gestrichenen Lister'schen Paste bedeckt. Das Ein-treuen solcher Karbolkrystalle geschah zunächst 2 mal amage (Mittags und Abends). Das Aussehen der Wunde unddas Gesammtbefinden besserten sich rasch, auch die Ent-zündungsprodukte der Panophthalmie und Lungenentzündungbildeten sich zurück.
Am 5. November 1870 entstand bei neuem Hustehanfalleine Blutung aus der Wunde. Sie konnte durch Druck baldzum Stehen gebracht werden. Die Tamponade lag im Ganzen6 Wochen, den 10. und 11. Dezember Entfernung der Schwämme,wodurch nur Blutung aus den mit denselben fest verfilztenGranulationen veranlasst wurde. Die Höhle schloss sich nunrasch. Anfang Januar war die Vernarbung vollständig.
So lange die Schwämme in dem Sack lagen, war Morgensund Abends die Temperatur erhöht, doch stieg sie niemals über38.8 bezw. 39.8 ° C. Der Urin hatte während dieser ganzenZeit fast beständig dunkle, nahezu schwarze Färbung.
Seit Ende Dezember stand P. auf, doch wurde ihm anfangswegen des lähmungsartigen Zustandes der rechten KörperhälfteGehen und Stehen sauer. Der Mund verzog sich noch immerbeim Pfeifen nach links; Druck mit der rechten Hand war sehrschwach, kaum fühlbar; die rechte Schulter hing herunter, derArm konnte nicht nach hinten, die Hand nicht auf den Kopfgebracht werden, das rechte Bein wurde nachgeschleppt. DieUntersuchung des Kehlkopfs war damals noch wegen der Kiefer-klemme nicht möglich. Erst Anfang März 1871 konnte mitdem Spiegel eine völlige Lähmung des rechten Stimmbandesfestgestellt werden. Das Gaumengewölbe war verbogen, dasZäpfchen stand nach links. Alle Lähmuugserscheinungen bisauf die des Laryngeus inf. gingen langsam zurück und bessertensich namentlich unter Anwendung des konstanten Stromes.
Die Augenentzündung, anfangs mit Eis, später zuwartendbehandelt, hatte zu Schwund des Augapfels geführt, weshalbderselbe am 23. Januar aus der Tenon'schen Kapsel ausgeschältwurde. Der Bewegungsapparat des Bulbus hatte durch dieEntzündung nur wenig gelitten. Mitte Februar wurde eiukünstliches Auge eingesetzt und dadurch die Entstellung be-trächtlich vermindert.
In ähnlicher Weise sollen in Französischen Lazarethen
lUnterbindungswunden gelegentlich mit reinem Chlorkalk[tamponirt worden sein.
Mit der Tamponade wurde in der Begel ein Druck-■erband angewendet, indem man entweder über den ver-
schliessenden Tampon eine Binde fest anlegte oder im Ver-Kufe der Hauptschlagader eine einfache oder graduirte
Kompresse anbrachte. Wiederholt auch versuchte man,[einer Blutung dadurch Herr zu werden, dass man die
Wunde mit Eisstückchen ausstopfte oder oberhalb der-selben im Verlaufe des Hauptgefässes einen mit Fisstück-Ichen und Schrot angefüllten Beutel befestigte. Das au-fbewahrte Mittel der Finwickelung des ganzen Gliedes
erhielt häufig Unterstützung durch geeignete Lagerungdes Verwundeten bezw. des betreffenden Gliedes; einfacheHochlagerung, namentlich aber die Aufhängung (v. Volk-mann), letztere mit mannigfaltigen Abänderungen, jenachdem die Art der Verletzung und das vorhandeneMaterial solche nothwendig machten, wurde vielfach aus-geführt.
Die gewaltsame Beugung in den Gelenken hatsich im Deutsch-Französischen Kriege — auch wo sie mitBücksicht auf die Art der Verletzung überhaupt ausführbarerschien — trotz der vorausgegangenen überaus warmenEmpfehlung von Seiten Adelmann's nur wenige Freundeerworben. Vielfach konnten die Verwundeten den durchdie Stellung der Gliedinaassen und den festen Verbandbedingten Schmerz nicht ertragen; häufig auch blieb dieBlutstillung eine unvollkommene.
Wohl bei wenigen bedeutenderen Blutungen ist dasvielgepriesene Mittel des Fingerdrucks unversucht ge-blieben, welcher auch bei Amputationen und sonstigengrösseren chirurgischen Fingriffen weitaus die hauptsäch-lichste Methode bildete, um starken Blutungen vorzu-beugen. 1 ) Bei sekundären Blutungen bediente man sichdes Fingerdrucks sowohl in mehrfachen kurzdauerndenWiederholungen (nach Neudörfer) als auch — und zwarim Allgemeinen wohl häufiger — Stunden, selbst Tagehindurch unausgesetzt, wenn das Personal dazu irgendverfügbar war. Im Allgemeinen bestand entschiedeneNeigung, die Unterbindung grösserer Gefässe, wo solchenicht mit Leichtigkeit in der Wunde selbst stattfindenkonnte, aufzuschieben, 2 ) bis alle anderen Mittel und na-mentlich auch Fingerdruck im Stiche gelassen hatten.Letzteres aber war nur allzu häufig der Fall, wofür dieunten folgenden Krankengeschichten deutlich redende Bei-spiele enthalten.
') Selten nur wurde zu diesem Zweck bei Operationen die pro-phylaktische Unterbindung vorausgeschickt; häufiger musste man sichmit Anlegung einer Aderpresse begnügen, weil der grosse Uebelstandder Digitalkompression, dass sie einen besonderen, verständigenGehilfen erfordert, hindernd entgegentrat.
2 ) Vergl. die nachstehenden Krankengeschichten. — Lücke gabnach dem Kriege in seinen „Kriegschirurgischen Aphorismen" (S. 70)einer weitverbreiteten Anschauung Ausdruck, indem er schrieb:„Wenn man die Sicherheit hat, dass dem Verwundeten durch erneuerteBlutung kein besonderer Schaden geschehen kann, suche man sich,so gut es geht, mit Fingerdruck zu helfen. Und er hilft wirklichoft in überraschender Weise; wenn ich auch der Ansicht bin, dassdie Sicherheit grösser ist, wenn man den Hauptstamm längere Zeitzusammendrückt bezw. die örtliche Kompression des blutenden Ge-f'ässes längere Zeit fortsetzt und nicht nur minutenlang, wie Nen-dörfer will. Mau würde wohl kaum glauben, dass eine Blutung derA. carotis ext. durch örtlichen Pingerdruck endgiltig gestillt werdenkönnte, doch kann ich einen solchen Fall aus meiner eigenen Er-fahrung berichten. Es ist begreiflich, dass man nach solcher ErfahrungMuth gewinnt, mit der örtlichen und allgemeinen Kompression esimmer erst einmal zu versuchen, bevor man zu der radikalen, abergewiss für die Heilung von Schussbrüchen nicht forderlichen Unter-bindung des Hauptstammes schreitet."