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3. Chirurgischer Theil A (1890) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Allgemeiner Theil
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I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Theil.

einigen im V. Bande dieses Berichtes mitgetheilten Fällen 1 )hervor, dass auch bei wahrgenommener Arterien-verletzung und sogleich starker Blutung durchaus nichtimmer unmittelbar zu operativer Hilfe geschritten wurde 2 ).

Behufs Stillung von Blutungen und zwar sowohlder primären als der sekundären 3 ) griff man im Allge-meinen zunächst zur Tamponade. theils nur mit Charpie,theils mit Charpiebäuschen, welche mit Tanninpulverbestreut bezw. mit Tanninlösung oder mit der nochsehr vielfach verwendeten Eisenchloridlösung getränktwaren. Die Wunden erhielten dadurch das bekannteschmutzige Aussehen; überdies gelang die endgiltige Blut-stillung mittelst dieser .Methode, welche spätere Eingriffeausserordentlich erschwerte, nur in seltenen Fällen, wennsie auch zuweilen gelegentlich zur Ueberraschung derbehandelnden Aerzte selbst*) von bestem Erfolge ge-krönt war. Gegen die Tamponade mit Eisenchloridlösungsprechen sich übrigens wegen der dadurch gesetzten Ver-änderungen an der Wunde und hauptsächlich an den Ge-fässen auch mehrere der damaligen Berichterstatter mitEntschiedenheit aus.

Auch mit desinfizirenden Mitteln, namentlichKarbollösung in verschiedenster Konzentration, wurden dieTampons getränkt, wie überhaupt hierbei Alles das gilt,was vorstehend (unter 11 und IV dieses Abschnitts) überdie Anwendung der Antiseptika im Deutsch-Französischen

*) Vergl. hierzu im V. Bande dieses Berichtes Seite 574 (Fall 1),579 (Fall 3), 580 (Fall 9). 583 (Fall 4), 584 (Fall 11), 588 (Fall 21),590 (Fall 37), 591 (Fall 40), 598 (Fall 1), 600 (Fall 8), 604 (Fall 12und 16), 606 (Fall 29 und 31), 609 (Fall 23 und 27), 616 (Fall 84 und89), 628 (Fall 24).

2 ) Vergl. zu dem Folgenden im Spez. Th. dieses Bandes ins-besondere S. 918 bis 920.

3 ) Betreffs der Häufigkeit der Sekundärblutungen siehe den Textder einzelnen Kapitel im Speziellen Theile dieses Bandes. Im All-gemeinen betrachtete man gewiss mit Recht die Sekundär-blutungen als eine der schwersten Komplikationen und die Mehrzahlderselben als Ausdruck einer Infektion durch pyämisches oder an-deres Gift.

4 ) Vergl. z. B. Sedillot, Gaz. med. de Strassbourg 1870, No. 23:Barbeau du 56 e de ligne apres quelques jours ä Reichshoffen estapporte le 8 aoüt ä l'höpital de Hagenau. Kn enlevant les pieces depansement M. le D r Schellbach voit du sang arteriel sortir en abon-dance de la blessure. Tamponnement. Deux nouvelles hemorrhagiesassez abondantes pour compromettre la vie. Le 19 je partage l'avisde ce confrere sur la necessite de l'amputation. La plaie est mortifiee,l'os ä nu, le malade päle et exsangue et corarae il ne semble paspossible de Her l'artere au milieu de parties ramollies, infiltrees etconverties en une sorte de detritus gangreneux, noirätre, nous con-venons d'amputer le lendemain le malade. Comme le membre estcondamne, je n'hesite pas ä comprimer tres energiquement la plaie avecde la charpie trempee dans de perehlorure de fer et une bänderoulee sans crainte d'augmenter l'etendue de la mortification, voulantsurtout eviter la moindre perte de sang. Le lendemain le bandagetient parfaitement. le Messe ne se plaint pas et le pied ayant con-serve sa chaleur et n'etant pas tres tumefie je remet l'operation au21. Ce jour le meme etat. Nouvelle remise. Nous commencons äcroire, que nous pourrons conserver la jambe. Ou enleve le bandagecompressif le 23. La plaie est assez belle. Guerison.

Kriege gesagt ist. Als Beispiel eines Erfolges, welcher inspätem Verlauf eines verzweifelten, hierher gehörigen Fallesbei nachdrücklicher Anwendung von Karbolsäure erzieltward, diene folgende Mittheilung.

1. C.P., 1 ) vom 1. Nassauischen Infanterie-Regiment No. 87,verwundet durch Schuss am 4. August 1870. Eintrittsöffnungam unteren Rande des rechten Jochbeins, Austrittsöffnung 3 cmunterhalb des linken Gehörganges, Zerschmetterung des rechtenKronenf'ortsatzes des Unterkiefers und Zerreissung des weichenGaumens. Starke Blutung auf dem Schlachtfelde (4. August).P. war sechs Stunden lang nach der Verletzung ohne Bewusst-sein. 12. August im Lazareth Stuttgart heftige Blutung, diesich im Laufe der folgenden Woche 9 mal wiederholte. Den19. August Unterbindung der A. carot. commun. dext.(nach Cooper), nachdem alle Bemühungen, derBlutungauf andere Art Herr zu werden, sich als erfolglos er-wiesen hatten. Die Operation wurde ohne Chloroform in10 Minuten glücklich beendet. Aus dem Schusskanal kamkeine neue Blutung. In der Nacht vom 21. zum 22. AugustBlutung aus der Unterbindungswunde, nachdem am Abendvorher unbefugter Weise der Eliter stark ausgedrückt wordenwar. Die Blutung stand auf Druckverband und wiederholtesich nicht mehr. Als unmittelbare Folge der Operation hatteP. zwei Tage lang Uebelkeit und Erbrechen, Ohrensausen rechter-seits, Stimmlosigkeit, Vermehrung der Schlingbeschwerden,theilweise Lähmung der ganzen rechten Körperseite. Dies Allesbesserte sich allmälig. Der Schusskanal war nach Ausstossungvieler Knochenstücke am 20. September vollständig vernarbt.Der Unterbindungsfaden löste sich nach etwa 3 Wochen,Die Unterbindungswunde war Ende September bis auf einelinsengrosse Stelle verschlossen. P. wurde um diese Zeit aufseinen Wunsch nach der Heimath entlassen.

Auf der Reise hatte er einen mehrstündigen Frost undverlor den Appetit. Die Operationswunde hatte sich bereitsbis auf Stecknadelkopfgrösse verkleinert, als am 10. Oktober, nach vorausgegangenem dreitägigem Unwohlsein (Schwindel,heftiger Kopfschmerz, Ohrensausen, Uebelkeit) ohne bekanntenähere Veranlassung die Unterbindungsstelle ziemlich plötzlich Ianschwoll und rasch an Dicke zunahm. Nach 24 Stunden '1(11. Oktober) platzte die kleine Wunde auf; es ergoss sich in .stossweisen Absätzen eine grosse Menge Blut. WatteverbandBund Einträufelung von Eisenchloridlösung vermochten^nur vorübergehend der Blutung Einhalt zu thun. Sie wieder-holte sich innerhalb der nächsten 14 Tage 7 mal, meist heftig,Erheblich anämisch und erschöpft wurde P. am 24. Oktober indas städtische Vereinslazareth zu Eiberfeld gebracht. Nachmehrfachen vergeblichen Versuchen, die Blutung, die sich nochetwa 6 mal wiederholte, zu stillen, wurde am 29. Oktober deraneurysniatische Sack von der Oeffnung aus in der Unter-bindungsschnittlinie uach oben und unten 10 cm weitgespalten; nach Wegräumung der Gerinnsel stürzte das Blutin einem Strahle aus der Tiefe. Das spritzende Gefallmit Pincetten zu schliessen, erwies sich als unmög-lich, da das Gewebe zu morsch war. Es wurden daherdie zusammendrückenden Finger durch einen Schwamm ersetztund noch mehrere mit Tannin bepuderte Schwämmtdaraufgepresst, bis der ganze Sack ausgestopft war. Derselbehatte den Umfang einer Kinderfaust. Ueber den Druckverbandwurde Charpie mit Myrrhentinktur gelegt. Den 31. Ok-tober 1870 war P. hochgradig blutleer, vollkommen apathisch,fiebernd; Puls äusserst klein, unregelmässig, kaum zählbar

l ) Vergl. V. Band dieses Berichtes, S. 573, Fall No. 4, unoebendaselbst, S. 654, Fall No. 16.