Band III. Allgem. Theil.
IL Abschnitt: Behandlung der Wunden, insbesondere der Schusswunden, im Allgemeinen.
43
eben ausgesprochene Behauptung. Die Herausnahme waroft wegen der Menge der Splitter eine sehr zeitraubende.So wurden im Johanniterlazareth zu Potsdam bis zu60 Knochensplitter sekundär und mit schliesslich glück-lichem Erfolge aus einer Wunde herausbefördert. BeiBesprechung der physikalischen Wirkungen der Geschosseist erwähnt, dass bei Schüssen aus nächster Nähe dieKnochen zu Grus zermalmt werden. Die einzelnenkleinsten Knochentheilchen werden dabei in die Muskel-substanz hineingesprengt, mit welcher sie alsbald innigverwachsen können. Sie heilen auf diese Weise voll-ständig ein. Man glaubte indess, auch diese kleineneingewachsenen Fremdkörper unter allen Umständen ent-fernen zu müssen. Im 12. Feldlazareth Till. Armee-korps fand man nach einer Oberschenkel-Amputation beigenauerer Untersuchung der Schnittfläche des Stumpfesund eines nach oben gehenden Eiterganges eine Mengekleiner Knochensplitterchen so fest mit der Muskulaturverwachsen, dass sie mit Gewalt herausgezerrt werdenmussten. „Auf dieses sorgfältige Heraussuchen von solchenKnochensplitterchen in der ganzen Umgebung der Wundemöchte ich ganz besonders aufmerksam machen", meint der
betreffende Chefarzt, „da mir einige Fälle gezeigt haben,dass dieses oft versäumt wird". „Es ist aber klar", fährter fort, „dass diese Knochentheilchen, wenn sie auch einigeZeit lang sich abzukapseln scheinen, auf die Dauer sichnicht halten, auch nicht aufgesogen werden können unddann erst, vielleicht wenn der Stumpf durch das künstlicheBein gedrückt wird, zum Wiederaufbrechen der Wundeoder zu Fistelgeschwüren Veranlassung geben. 1 )
Eine Glättung der Bruchenden durch die Knochen-zange hat in ausgedehnterem Maasse nicht stattgefunden;methodische Schaft-Aussägungen, deren unglücklicheErfolge man aus früheren Feldzügen kannte, wurden gleich-falls nur in beschränkter Anzahl ausgeführt: sie konntendas ungünstige Urtheil über die Kontinuitäts-Resektionennur bestätigen. 2 )
') Die Mehrzahl der heutigen Chirurgen würde dies Heraus-zerren oder gar das Herausschneiden (denn man griff unter Umständenauch zum Messer) nicht für geboten erachten.
2 ) Vergl. das dritte Kapitel dieses Bandes: „Grössere Ope-rationen." — Betreffs der Heilung von Wundstarrkrampf durch Heraus-nahme von Fremdkörpern einerseits, sowie betreffs des Auftretensdieser Wundkrankheit nach Entfernung von Kugeln u. s. w. anderer-seits siehe VII. Band dieses Berichtes, V. Kapitel (Wundstarrkrampf).
VII. Blutstillung.
Bei Besprechung der zur Blutstillung getroffenen Maass-nahmen ist in den Berichten und Veröffentlichungen fastausschliesslich von Blutungen aus Arterienstämmen dieRede; der Venenwunden wird nur selten und nebenbeigedacht, obwohl venöse Gefässe wahrscheinlich viel häufigerverletzt worden sind, da die Arterien als prall gefüllteBohren mit elastischen Wandungen dem eindringendenGeschoss leichter nachgeben und ausweichen können. Aberdie Eröffnung eines Arterienrohres schliesst eine plötzlicheintretende, schleunige Hilfe erfordernde Gefahr in sich,während Verletzungen der Venen, selbst wenn sie grössereStämme betreffen, vorwiegend die mehr schleichenden Ge-fahren des Brandes und der Pyäinie bedingen. Sehr häufigauch ist die Diagnose eine schwierige, ja manchmal un-mögliche gewesen; nur aus der Richtung des Schusskanalskonnte zuweilen auf eine Gefässverwundung geschlossenwerden.
Ueber besonders starke Blutungen auf dem Schlacht-felde, als unmittelbare Folge von Verletzungen grosserBlutgefässe, hat kein Berichterstatter etwas zu verzeichnen;derartige Vorkommnisse entzogen sich eben grossen Theilsder Beobachtung, weil rasch der Tod durch Verblutung')
') Dass im Uebrigen der Verblutungstod auf dem Schlachtfeldein Folge von Wunden an den Gliedmaassen keineswegs besondershäufig ist, findet sich in der Einleitung zum Spez. Th. dieses Bandes(S. 2) näher erörtert. Vergl. auch Billroth, Chirurgische Briefe.
eintrat, oder auch solche Wunden gaben erst nachträglich— durch Sekundärblutungen 1 ) — Anlass zu therapeutischen,insbesondere operativen Eingriffen. Primäre Unterbin-dungen grösserer Gefässe (d. h. unmittelbar nach der Ver-letzung) sind wohl hauptsächlich aus diesem Grunde nurin sehr geringer Zahl bekannt geworden, 2 ) jedoch geht aus
! ) Billroth schrieb in seinen Chirurgischen Briefen: „Eshäufen sich die Beobachtungen, dass selbst Arterien wie die Aorta,von einem der modernen Gewehrprojektile durchschossen, nicht immerbluten; in Karlsruhe wurde, wie ich hörte, der a priori unglaublicheFall durch genaue Sektion bestätigt, dass ein Schuss durch die Aortaerst mehrere Tage nach der Verletzung (die Einzelheiten sind mir nichtbekannt) Blutung veranlasst hatte; der Mann hatte also mit demLoch in seiner Aorta den Transport von Wörth nach Karlsruhe ohneBlutung ausgehalten. Drei Fälle habe ich selbst gesehen, in welchenbei Schüssen durch die A. iliaca externa und A. femoralis keineBlutungen vorkamen." (Folgen die drei Fälle.) — Stromeyer sahzweimal ohne operativen Eingriff Heilung von Verletzungen der A.brachialis; einmal war dieselbe in der Mitte des Armes durchschossen,ohne zu bluten, das zweite Mal war der Arm fortgerissen (vergl.Seite 19 dieses Bandes). — Siehe hierzu auch insbesondere v. Beck,Chirurgie der Schussverletzungen, I. Band, S. 271 ff.
2 ) Von den 380 an Deutschen Heeresangehörigen ausgeführtenArterienunterbindungen mit 63 2 Todesfällen, welche in Tabelle XIXder „Statistik der grösseren Operationen" in diesem Bande aufgeführtsind, entfallen 16 mit 56 ° Gestorbenen auf den Tag der Verwundung.(Bei 76 Mann mit 55 2 Todesfällen ist die Zeit der Operation unbe-kannt.) — Vergl. hierzu und zu dieser ganzen Darstellung den Ab-schnitt „Unterbindung grösserer Arterien" in dem Kapitel „GrössereOperationen" dieses Bandes.
6*