40
I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Theil.
Fülle. Auch die Englischen Aerzte, welche auf demKriegsschauplätze thätig waren, schienen die Gefahr desSondirens nicht allzu hoch anzuschlagen. So schreibtMac Cormac: „Die Sonde drang in die Brust in eineungeinessene Tiefe": das diagnostische Interesse alleinscheint in diesem Falle die Untersuchung veranlasst zuhaben. Stromeyer (bei Mac Cormac) beschränkt dieZulässigkeit des Sondirens in folgender Weise: „DieUntersuchung mit dem Finger sollte angezeigt sein, ent-weder weil fremde Körper ausgezogen werden müssen,oder weil die Wahrscheinlichkeit vorliegt, dass eine ge-nauere Untersuchung die Notwendigkeit einer Amputationoder Resektion herausstellen werde. Die Untersuchungenmüssen unmittelbar vor der Operation gemacht werden,nicht 24 Stunden vorher, denn am folgenden Tage istdie Wunde schlimmer. Schussbrüche der Diaphysensollten unberührt bleiben, sobald sie sich für erhaltendeBehandlung eignen. Selbst das Zurückbleiben des Projektilskann bei diesen nicht immer zur Untersuchung der frischenWunde auffordern." Er hält mithin gleichfalls das Sondirennur zu Heilzwecken für gerechtfertigt.
Die Nelaton'sche Sonde fand in den Berichtenverschiedene Beurtheilung. Während einzelne Aerzte sienur ungern vermissen wollen, erklären sie andere, undunter ihnen eine Anzahl erfahrener Kriegschirurgen, füreinen „überflüssigen Luxusartikel". Unbedingtes Loberntete sie in den Lazarethen Hannovers und einenwarmen Fürsprecher fand sie in B. v. Langenbeck, derin einem Berichte an die Militär-Medizinal-Abtheilung ihreEinführung in den offiziellen Instrumentenapparat befür-wortet.
Die Mitführung elektrischer Kugelsonden hieltv. Langenbeck „vorläufig für entbehrlich", weil ihre An-wendung nur selten von Wichtigkeit sei und sie ausserdemdurch den Transport leicht unbrauchbar würden. Die Be-nutzung derselben im Feldzuge war eine beschränkte. 1 )
Folgendes sind die darüber vorliegenden Aeusserungen:
1. Der Sitz der Kugel unter dem linken M. sterno-cleidomastoideus konnte nur mittels der elektrischen Sondeerkannt werden.
2. Schuss in das linke Fussgelenk mit Zertrümmerungder Schienbeinepiphyse, Schusseingang an der InnenseiteEine Untersuchung mit der elektrischen Sonde Hess dieKugel als im Gelenk steckend erkennen. Durch Kesektions-schnitt wurde ein grosses von einem Englischen Gewehreherrührendes Geschoss entfernt. 2 )
! ) Das Preussische Kriegsministerium hatte im Laufe desKrieges eine geringe Anzahl elektrischer Sonden (nach Liebreich)angekauft und dieselben einzelnen Lazarethen übermittelt.
2 ) Vergl. Spez. Tb. dieses Bandes, S. 818 No. 38.
3. In der rechten Mittelhand wurde auf elektrischemWege ein Stück von einer Chassepotkugel nachgewiesen.
4. Bei einem Schussbruch der Speiche steckte in devTiefe eines 5 cm langen Schusskanals noch die unversehrte :Kugel, welche nur mit Hilfe der elektrischen Sonde auf-zufinden war.
5. Bei einem anderen Schussbruch der Speiche wiesdie elektrische Sonde die Kugel in einer Tiefe von 8 cmnach. 1 )
G. Auf dieselbe Weise wurde die Anwesenheit einesbohnengrossen zackigen Bleistückchens l 1 /* cm hinter demJochbein festgestellt.
7. 8. 9. Bei drei Schussbrüchen des Oberarms wurden Idurch sie Stückchen Blei in den Muskeln versteckt u'e-funden. 8 )
10. Bei einem Schuss durch den rechten Unterschenkel,dicht unterhalb des Knies, in welchem nach dem Geschossllange Zeit (16. August bis 9. November 1870) gefahndetwar, wurde dasselbe durch die elektrische Kugelsonde injKöpfchen des Wadenbeins entdeckt.
11. 12. Blinder Schusskanal im Schienbein. Erst dreibezw. sechs Monate nach der Verletzung ward das Weichbleiin einem Fistelgange im Innern des Schienbeins auf die-lselbe Art nachgewiesen und herausgemeisselt. 3 )
13. Der elektrische Kugelsucher wies das im Schult»blatt sitzende Geschoss nach.
14. In einem Falle, in welchem die Anwesenheit de?
Geschosses zwischen den Knochen des Vorderarms schonlängst vermuthet worden, aber mit Sicherheit nicht fest-zustellen war, „bewährte sich die von Dr. Liebreich inBerlin angegebene elektrische Sonde glänzend".
15. Nach einem Gewehrschussbruch des linken Zeige-fingers diente die elektrische Sonde zur Erkennung zurück-jgebliebener Theile eines Stückes Siegelring. 4 )
Indessen liess ihre Anwendung auch zuweilen in Stiehlz. B. bei einer Einkeilung des Geschosses zwischen denil3. und 4. Mittelknochen; erst später ward dasselbe, naclifdem wiederholentlich Eiterbildungen auf den Sitz desselben!hingewiesen hatten, vermittelst einer gewöhnlichen Sondelgefunden.
i) Vergl. Spez. Th. dieses Bandes, S. 954 No. 201.-) Zwei dieser Beobachtungen sind im Spez. Th. dieses Bandes!(S. 857 No. 13 und S. 8G2 No. 91) ausführlicher mitgetheilt.
3 ) Einen dieser beiden Fälle siehe im Spez. Th. dieses Bandes!S. 1142 No. 47.
4 ) Siehe Spez. Th. dieses Bandes, S. 976 No. 358.
gaben,