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3. Chirurgischer Theil A (1890) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Allgemeiner Theil
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Band ITI. Allgem. Tlieil. IL Abschnitt: Behandlung der Wunden, insbesondere der Schusswunden, im Allgemeinen.

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Y. Sondiren.

Das Sondiren mit Instrumenten und namentlich mit

dem Finger scheint auch in Fällen, hei welchen keine be-sondere Veranlassung dazu vorlag, noch ganz allgemeino-eiibt zu sein. Eine klare Vorstellung von der grossenGefahr einer jeden derartigen Wunduntersuchung, wie siejetzt jedem Arzte geläufig ist, war noch nicht allen AerztenI zum Bewusstsein gekommen. Man stellte die Gefahr nichtI gerade in Abrede, aber man unterschätzte sie. An warnen-I den Stimmen hervorragender Aerzte hatte es freilich schonseit Jahrhunderten nicht gefehlt. Bekannt ist der vonH. Fischer erwähnte drastische Ausspruch des altenFelix Würtz:Mit dem Sucherlein haben ihrer viel einsolches Suchen, Grübeln und Stopfen in den Wunden, alsob sie etwas in denselben verloren hätten: und wennihrer drei und mehr Aerzte beisammen sind, so muss nachdem ersten auch der andere und nach diesem der dritteseinen verlorenen Pfennig in der Wunde suchen." Soschlimm stand es nun freilich im Deutsch-FranzösischenKriege nicht; indess ist die Thatsache nicht wegzuleugnen,dass insgemein noch viel zu viel, häufig nicht zu therapeuti-schen, sondern zu diagnostischen Zwecken sondirt wurde.Man verwendete dazu die gewöhnliche Sonde, densilbernen, seltener den elastischen Katheter, dieEsmarch'sche, die Nelaton'sche und die elektrischeSonde, vor Allem aber den Finger.

Die vor dem Feldzuge von hervorragenden Seitenempfohlene Untersuchung mit dem Finger an Stelle der alsgefahrvoller angesprochenen mit Instrumenten hat imallgemeinen keine guten Früchte getragen, insofern sie beiVielen den Glauben erregte, dass sie wenig oder gar keineGefahren in sich berge. 1 )

1 ) Letzteres ist gerade bei Seh uss wunden ans mehrfachen Gründennicht richtig. Zunächst ist die mechanische Reizung der Wunde durchden Finger grösser als durch die Sonde: die Einschussöflhung, umderen Untersuchung es sich meist handelt, hat bei den jetzt gebräuch-lichen Geschossen einen weit kleineren Durchschnitt, als die gewöhn-liche Dicke des Pingers zum Eindringen in den Schusskanal erheischt:auch der Schusskanal selbst ist zu eng für den Finger, Letzterermuss daher, um zum Ziele zu kommen, beide erweitern, d. h. von; Neuem Gewebe zerreissen und quetschen, eine neue Wunde schaffen,velche wieder Gelegenheit zur Ansiedlung von Mikroorganismen ab-jgiebt, bereits stattgefundene Verklebungen trennen u. s. w. DieI bohrenden Bewegungen des Fingers fügen mithin einen unliebsamenjReiz hinzu; oft muss sogar zur Ermöglichung dieser Art Sondirunglein Debridement vorgenommen werden. Besonderes Unglück kann derFinger aber anrichten, wenn er bei seinem Vordringen auf den zer-splitterten Knochen gelangt, die vielleicht günstig liegenden Knochen-|splitter aus ihrer Lage bringt, ihre noch vorhandenen leichten Ver-bindungen trennt oder neue Verletzungen der Weichtheile, Muskeln,lerven und Gefässe durch die scharfen Zacken derselben verursacht.Vielleicht giebt die Finger-Untersuchung auch in manchen FällenVeranlassung zum Ausbruch des Wundstarrkrampfes. Stromeyerlhatte in Floing bei Behandlung der Schussbrüche der Diaphysenbesonders günstige Erfolge und glaubte diesen Umstand besonders

Namentlich wurde zu diagnostischem Zwecke, also be-sonders bei ganz frischen Schusswnnden, im Fehlzuge 1870/71mehr sondirt als nothwendig war. Dabei schien der an undfür' sich ganz richtige Gedanke, dass derartige Wundeilvor Eintritt der Reaktion und der durch sie verursachtenSchwellung sich leichter und auch schmerzloser für denVerwundeten untersuchen lassen, noch vielfach maass-gebend zu sein. Redewendungen, wie:der Schusskanalwar mit dem Finger nicht abzureichen", und ähnliche findensich fast in jedem Berichte; auch aus den in der Deutschenmilitärärztlichen Zeitschrift veröffentlichten Verhandlungender militärärztlichen Gesellschaft in Orleans, welche unterdem Vorsitze v. Langenbeck's stattfanden, erhellt dieHäufigkeit des Sondirena zu diagnostischem Zwecke. DieErwähnung derartiger Vornahmen rief in der Erörterungkeinen Widerspruch hervor.

Es geschah nicht selten, dass man Sonden in dieMarkhöhle der Knochen, in Schädel-, Brust- und Bauch-wunden einführte, ohne dabei einen wirklichen Heilzweck imAuge zu haben. Wenn man bedenkt, dass man zwar, wiean früherer Stelle hervorgehoben ist, die Instrumente nachdem Gebrauche zu reinigen bezw. zu desinfiziren pflegte,aber eine ausreichende Reinigung derselben unmittelbarvor dem Gebrauche im Allgemeinen nicht stattfand, soist die Gefahr leicht zu ermessen, welche in dem Sondirenmit derartigen Instrumenten lag. Bei einem Amputations-stumpfe des Oberarmsdrang die Sonde 5 Zoll tief in dieMarkhöhle hinauf", der Verwundete starb an Pyämie imGefolge einer sich an die Sondirung anschliessendenKnochenmarkentzündung; bei einem Schussbruch desScheitelbeins drang die Sondebis in eine ziemlicheTiefe"; bis zu dieser Untersuchung war das Befinden desVerwundeten ein verhältnissmässig gutes, in unmittelbaremAnschluss an die Sondirung trat tödtliche Hirnhaut-entzündung ein. Aehnliche Vorkommnisse finden sich in

darauf zurückführen zu müssen, dass keiner dieser glücklich geheiltenBrüche mit dem Finger untersucht war.

Abgesehen von der mechanischen Beizung der Wunde, ist aberauch die Gefahr des Einfahrens septischer Stoffe von vornhereingrösser beim Sondiren mit dem Finger, als beim Untersuchen miteiner glattflächigen Metallsonde.

Obiges soll keineswegs eine Empfehlung sein für die Anwendunginstrumenteilen Sondirena gegenüber der Fingeruntersuchung über-haupt. Letztere hat ihre unbestreitbaren Vortheile darin, dass dertastende Finger wegen der unmittelbaren Wahrnehmung über dasGefühlte besseren Aufschluss giebt als die Sonde. Die Untersuchungmit dem Finger mag deshalb bei geregelten Lazarethverhältnissenden Vorzug verdienen; aber für das Schlachtfeld und für die Noth-verbandplätze, auf welchen keine völlige Reinheit der Sonden undnoch weniger der Finger gewährleistet werden kann, ergiebt sich alslogische Folge der jetzigen Anschauungen über die Entstehung vonWundkrankheiten die gänzliche Unzulässigkeit jedes Son-direns, sei es mit Instrumenten, sei es mit dem Finger.