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I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Thei!
nach den einfachen Wasser- und üelverbänden frühererFeldzüge." Einmal sah der genannte Chirurg unter An-wendung des Lister' sehen Pflasters schnelle Heilung einesgrossen metastatischen Abszesses, aber ,,solche schnelleHeilungen kannten wir auch ohne Karbolsäure schon längst."An einer andern Stelle desselben Schriftchens spricht erdavon, dass Verbände mit 1 Theil Karbolsäure und 9 TheilenOel .,niemals Schaden verursachten": von einem Nutzensah er also Nichts. „Ich hätte gern Gegenversuche miteinfachem Oel gemacht, mochte aber die Aerzte in ihremVertrauen nicht irre machen." v. Beck wundert sichdarüber (Chirurgie der Schussverletzungen), dass man zwardas früher beliebte Theden'sche Schusswasser verwerfe,aber dafür die Wunden mit Karbolsäure u. s. w. reize;er habe vielfach durch diese Behandlungsmethode wäh-rend des Krieges gesteigerte Reaktion der Wunden undWundkrankheiten entstehen sehen. — Häufig griff manwieder zum übermangansauren Kali, nachdem die Karbol-säure die von ihr irrthümlich gehegten Erwartungen nichterfüllt hatte (Verhandlungen der militärärztlichen Gesell-schaft zu Orleans, Sitzung vom 7. Januar 1871). EineAnzahl Berliner Lazarethe konnte sich auch nicht von dergepriesenen Wirksamkeit des neuen Antiseptikums über-zeugen. Stabsarzt Pflugmacher berichtet aus derCharite: „Die Verwundeten wurden ausschliesslich mitKarbolsäure behandelt; meist benutzten wir eine zwei-prozentige Lösung in Olivenöl, aber auch wässrige Lösungenin verschiedener Stärke. Die vielgerühmten Eigenschaftender Karbolsäure konnten hier nicht so allgemein bemerktwerden, wie es gewöhnlich geschieht. Bei unbefangenerBeobachtung zeigte sich, dass manche Wunden dieselbedurchaus nicht vertrugen, und ich bin nicht sicher, obnicht manche Wundrose ihren Ursprung von dem sehrbald entstehenden Erythem der Haut genommen hat. DasAussehen der Wunden wurde bei fortgesetztem Gebrauchevon karbolsäurehaltigem Oel ein entschieden schlechtes, undder Reiz des Verbandmittels verursachte sehr häufig beischon vernarbenden Wunden einen Wiederaufbruch derNarbe. Es wurde deshalb nach einiger Zeit in sehr vielenFällen zum Chlorkalk gegriffen und hierdurch rascheBesserung erzielt. Bei atonischen Flächen wurde zurChlorkalklösung mehr oder weniger Kampherwein zugesetzt.Es ist für mich zweifellos, dass die Heilung schneller beidieser Behandlung fortschreitet und dass das Aussehen derWunden besser ist. Nichtsdestoweniger habe ich den Karbol-säureverband bis zum Ende vergleichend weitergeführt.Aon grossem Nutzen und besser als die andern gebräuch-lichen Verbandmittel habe ich die Karbolsäure, zumal inOel gelöst, bei Gelenkverletzungeu gefunden und kann siehierin nicht genug rühmen. Aber für den gewöhnlichenVerband ziehe ich den Chlorkalk, allenfalls in Verbindungmit Kampherwein, vor." Das Vereinslazareth Anklamer-strasse (Berlin) wandte Karbolsäure und übermangan-saures Kali an bei schlechter Eiterung, bei „allen Wunden,
die antiseptisch behandelt werden mussten" und bei Wund-krankheiten. „Wir sind von diesen gepriesenen Mittelsimmer in Stich gelassen, während ein Verband der Wund<mit Kampherwein in kurzer Zeit von der wunderbarste!Wirkung war." Das genannte Lazarett) kann dem zu Folgiauch dieses Verbandwasser als ein altes bewährtes Amiseptikum nicht dringend genug empfehlen.
Von üblen Nebenwirkungen, über welche geklautwird, ist vor Allem des Ekzems Erwähnung gethan. Amhäufigsten wurde es hervorgerufen, wenn man feuchteKarbolkompressen (öprozentige) mit Gummipapier umgabund den Verband durch Binden andrückte (Vincenzhospitalin Aachen). Auch das Auftreten von Abszessen beiSchussverletzungen wurde auf den Gebrauch der Karbol-säure zurückgeführt (Reservelazareth Weimar). Auffallendist, dass, wenngleich die Karbolsäure in wässriger Lösungin Hunderten von Lazarethen unmittelbar mit der Wunde inBerührung gebracht wurde, ja seil ist Bäder in Karbolsäurestattgefunden haben, Nichts von dem Auftreten dunklenHarns oder anderer Vergiftungserscheinungen berichtetwird. Vielfach mag Mangel an genügender Beobachtung.!namentlich was den Harn betrifft, obgewaltet haben, zumTheil auch wohl die mangelnde Kenntniss von der Einwirkungder Karbolsäure auf den Gesammtorganismus die Ursache'gewesen sein. Jedenfalls wurde in damaliger Zeit die Auf'-jnähme von Kaibolsäure in den Organismus nicht für so ge-Jfährlieh gehalten, wie später von manchen Autoren, wenn-gleich Bardeleben in dem bereits oben erwähnten, kurz vorAusbruch des Krieges erschienenen I. Bande seines Lehr-buches über die Möglichkeit der Vergiftung Folgernletmittheilt: „Als Uebelstände bei Anwendung der Karbol-]säure sind anzuerkennen: der mindestens unangenehme;Vielen sehr widerliche Geruch, die reizende Einwirkungauf die Granulationen, welche oft unerwünscht ist, endlichdie zuweilen beobachtete Störung des Allgemeinbefinden»Die Karbolsäure wird nämlich von granulirenden (odaWund-) Flächen aufgesogen. Geschieht dies in erheblichem ?Maasse, so stellt sich eine dunkle Färbung des Hariitjein, welche oft erst bei längerer Einwirkung der Luftdeutlicher hervortritt und sich zuweilen bis zu intensivschwarzer Farbe steigert. Gewöhnlich empfindet derKranke alsdann (zuweilen auch schon früher) eine all-gemeine Unbehaglichkeit, klagt über Mangel an Appetit. Iauch wohl Uebelkeit, kehrt aber, wenn keine anderweitig«Veranlassung vorliegt, bei kurzer Unterbrechung der IKarbolsäurebehandlung zu dem früheren Wohlbefindeizurück."
Den angeführten abfälligen Urtheilen über den Wertldes neuen Antiseptikums Hesse sich noch eine ganze Reiheähnlicher anschliessen; doch genügen die angeführten zur!Charakterisirung der Ansichten jener Zeit Dieselben Ikönnen überdies nicht weiter auffallen. Die Unsicherheit!in der Dosirung, die meistens viel zu schwach ausfiel,einerseits und die Annahme, dass man bei irgend wie ge-