Band III. Allgem. Theil.
II. Abschnitt: Behandlung der Wunden, insbesondere der Schusswunden, im Allgemeinen.
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1 arteter Anwendung von Karbolsäure „antiseptische Wund-behandlung" treibe, erklären die Urtheile zur Genüge.
Manche Chefärzte konnten keinen Unterschied in derWirkungsweise der Karbolsäure gegenüber anderen des-inlizirenden Mitteln linden. Wenn man sich vergegenwärtigt,dass man meistens Charpie oder die Kompressen in Karbol-säurelösungen eintauchte und damit die Wunde bedeckte,allenfalls auch die Lösung zum Ab- und Ausspülen derWunde benutzte, so kann man das Urtheil als ein ganzrichtiges bezeichnen.
Gleichwohl ist auch die Anzahl derjenigen Lazarethe,nicht klein, welche der Karbolsäure)tehandlung der Wundentrotz aller Mangelhaftigkeit in der Art der Anwendung dasWort reden. Am zufriedensten äussern sich begreiflicher-weise diejenigen wenigen Aerzte, welche sich der Karbol-paste bedienten. H. Fischer schreibt aus dem Lazareth
I Forbach an die Militär-Medizinal-Abtheilung über die vonihm geübte Wundbehandlung Folgendes, welches wörtlichmitgetheilt sei, weil es ein zusammenfassendes Bild derWundbehandlung während des Feldzuges 1870/71 seitenseiner Autorität auf kriegschirurgischem Gebiete giebt:
„Da es an Eis gebrach, haben wir wenig Gebrauchvon der antiphlogistischen Behandlungsweise gemacht, undunsere Verwundeten haben sich bei Watteeinwickelungund hydropathischen Umschlägen sehr wohl gefühlt. DenWunden wurde möglichst Ruhe gelassen. Lebhaftere örtlicheReaktionen bekämpften wir durch frühzeitigen Einschnitt.Zum Abspritzen benutzten wir warmes oder kaltes Wassermit Zusatz von übermangansaurem Kali. Zum Verbändediente vorzugsweise die Karbolsäure, entweder in der Formdes Karbolöls (1 :8) oder streng nach den VorschriftenLister's in der Form der Karbolpaste. Wir müssen ge-stehen, dass dabei der Wundverlauf ein äussert günstigergewesen ist. Kaum bedarf es der besonderen Erwähnung,dass an den Wunden nicht gedrückt und nicht beständigsondirt wurde, dass die Schwämme ganz aus den Lazarethenverbannt waren, dass die verbrauchten Verbandgegenstände,in Blecheimern gesammelt, sofort nach der Visite verbranntwurden. Die Verbandgegenstände wurden ausserhalb derSäle aufbewahrt. Oertliche Bäder hatten wir selten nöthig.Eigentliche Hospitalkrankheiten haben wir bei dieser Be-handlung niemals gehabt. Von 361 Verwundeten, last alleschwer verwundet, da die leichter Verletzten alle rückwärtsgesandt waren, starben nur 13.8$ trotz anfänglicher Ver-nachlässigung."
Das 7. Feld! azareth XIII. Armeekorps verlor unter14 Amputirten (darunter o Oberschenkelarnputationen) nur 1.Dieses ausgezeichnete Ergebniss ward vor Allem, nebenguter Oertlichkcit und ausgiebiger Lüftung dem „regel-mässigen Beträufeln der eiternden Wunden mit Karbolsäure"
| zugeschrieben. In Branden bürg a. H. wurden von Beginn■es Krieges an die Wunden mit Karbolsäure behandelt;unter 174 Verwundeten, welche bis Dezember 1870 dort
| Aufnahme gefunden hatten, kam nicht ein Fall von „Brand
oder übler Eiterung" vor. Man glaubte dieses guteErgebniss allein dem Gebrauche der Karbolsäure zu-schreiben zu müssen. In den Reservelazarethen 11. Armee-korps ward fast ausschliesslich die Karbolsäure bei derWundbehandlung benutzt; man erklärte sich mit ihrer des-intizirenden Ligenschaft ausserordentlich zufrieden und wargeneigt, das gute Aussehen der Wunden lediglich auf dieAnwendung der Karbolsäure zurückzuführen. AehnlichenUrtheilen begegnet man häufig in den amtlichen Berichten.Oft findet sich freilich auch eine gewisse Zurückhaltung.Gurlt sagt in einem Berichte über eine Bereisung derLazarethe in der Rheinprovinz, dass im ReservelazarethTrier, in welchem Dr. Burger aus London thätig war,trotz der ungünstigen Räume die Heilungsergebnisse beiden vorhandenen 59 Verwundeten sehr befriedigendewaren'), „meines Erachtens wegen der sorgfältigen Berück-sichtigung hygienischer Maassnahmen seitens des genanntenArztes und vielleicht wegen der reichlichen und konse-quenten Anwendung des Lister'schen Wundverbandes".Einzelne Berichte rühmen die konzentrirte Karbolsäureals sicheres Mittel gegen den Hospitalbrand. Ein Bericht-erstatter empfiehlt als besonders wirksam eine energischeReinigung der brandigen Wunde durch Reiben mit denFingern und nachfolgende Anwendung der Karbolsäure;er will davon ganz besondere günstige Erfolge gesehenhaben, spricht jedoch nebenher sein Befremden darüberaus, dass trotz scheinbar günstiger hygienischer Verhält-nisse die Mehrzahl der von ihm behandelten Verwundetennach und nach von Hospitalbrand befallen sei! Vonanderen Aerzten wird die reinigende und entschiedenantiseptische Wirkung der Karbolsäure bei Druckbrandhervorgehoben.
Ausser den erwähnten Lösungen der Karbolsäure inWasser, Oel, Glyzerin u. s. w. war auch Karbol salbe inverschiedenen Stärken in Gebrauch. In einem BerlinerVereinslazareth (Leipziger Strasse) wurden die Wundenvergleichsweise mit einfacher Salbe, Karbolsalbe, Chlor-wasser und Kampherwein behandelt. „Erfahrungen zuGunsten der Karbolsäure habe ich beim besten Willennicht machen können", schreibt der dirigirende Arzt,„während ich vom Chlorwasser bei nur irgendwie miss-farbig gewordenen Wunden die besten Erfolge sah". Zudem entgegengesetzten Eindrucke kam das ReservelazarethGöttingen. Hier behandelte man die Wunden „im All-gemeinen ohne Irrigation und ohne zu sondiren", um denVerlauf der Wundheilung möglichst wenig zu stören. AlsVerbandmittel bewährte sich besonders Karbolsalbe (Acid.carbol. 1, Axung. porci 10) auf Charpie gestrichen beitäglich zweimal erfolgendem Verbände. In Schwerin
') Siehe hierzu Burger, Wirkung des Karbolsäureverbandes beibereits in Eiterung befindlichen Wunden. Bericht aus der chirurgischenAbtheilung des Btappenlazareths St. Agneten in Trier. (Archiv fürklinische Chirurgie, Bd. XIII, Jahrgang 1872.)