Band III. Allgera. Theil.
II. Abschnitt: Behandlung der Wunden, insbesondere der Schusswunden, im Allgemeinen.
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fuhren, ist H. Fischer zu nennen; auch hatte dieses undjenes Lazareth, z. B. das 6. Bayerische Aufnahms-Ipital bereits vor seinem Ausrücken aus Augsburgkusser Karholsäure auch Kreide, Staniol und Leinöl zum
Lister'schen Verbände mitgenommen und konnte seinenVorrath daran während des Feldzuges vorzugsweise durchdie freiwilligen Hilfsvereine hinreichend ergänzen. Voneinigem Interesse ist es, dass auch schon bei einem koin-plizii teu Bruch des Unterschenkels, durch Sturz mit einemPferde entstanden, mit Lister's Karbolpaste ein vor-treffliches Ergebniss erzielt wurde (1. FeldlazarethV. Armeekorps). 1 )
welcher sie in Deutschland als Erster einführte, in seinem 1S70 er-schienenen Lehrbuche (G.Auflage, I. Band, Seite 262): »Wenn auch",so heisst es dort, „die antiseptischen Wirkungen der Karbolsäure-Präparate von Lister etwas zu günstig geschildert sind, undnamentlich seine Behauptung, dass es möglich sei, durch diese Be-handlungsweise jede Eiterung zu verhüten oder zu unterdrücken, nichtallgemeine Bestätigung gefunden hat, wenn ferner auch zugestandenwerden soll, dass ein Theil der günstigen Wirkungen des Lister'schenVerfahrens der mechanischen Absperrung des Zutritts der Luft oderder in ihr schwebenden organischen Keime zugeschrieben werdenkann, so haben doch zahllose Versuche unter den Händen der ver-schiedensten Chirurgen das Resultat ergeben, dass die Karbolsäure,ebenso wie im Reagenzglas, auch am lebenden Körper die Fäulnisszu verhüten und die bereits putrider Flüssigkeiten zu unterbrechenin einem Grade und mit einer Dauerhaftigkeit der Wirkung vermag,wie keine andere der bisher als antiseptisch oder desinfizirendgerühmten Substanzen. In manchen Fällen sieht man sogar, genauden Angaben Lister's entsprechend, wie schon nach wenigen Tagenunter dem Einflüsse der Karbolsäure die Eiterung sich erlieblich ver-mindert und statt des Eiters nur eine seröse Flüssigkeit abgesondertwird, während die Heilung stetig fortschreitet.''
Was der genannte Autor über die Wirkung der Karbolsäuresagt, hat auch heut noch volle Giltigkeit; was man aber 1870 nochnicht ausreichend würdigte, war die ganz eigentümliche Art ihrerAnwendung — die antiseptische Verbandtechnik. Nur verschwindendselten ward ein wirklicher Li ster'scher Verband in der damalsBekannten unvollkommenen Art angelegt. Erst im Jahre 1872, nach-dem Stabsarzt A. W. Schultze den Verband Lister's aus eigenerAnschauung in England kennen gelernt und die peinlich genauenVorschriften in B. Volkmann's „Sammlung klinischer Vorträge"veröffentlicht hatte, nachdem sodann von Bardeleben, als Erstemin Deutschland, im Frühjahr 1872 der Verband in seiner Klinik er-probt und bewährt gefunden war, konnte füglich eine allgemeine Ver-breitung der Kenntniss von einem wirklich antiseptischen Verbändeerwartet werden. Wie lange es trotzdem gedauert hat, bis dieMethode zu ganz allgemeiner Anerkennung durchdrang, ist heute nochin frischer Erinnerung.
') Die Norddeutschen Lazarethe führten etatsmässig gar keineKarbolsäure mit sich und rückten in der That ohne diese ins Feld;im Etat der Bayerischen Feldspitäler war sie vorgesehen (vergl.Beilage 38 zum I. Bande dieses Berichts). Erst im weiteren Verlaufeles Feldzuges langten bedeutende Mengen auf dem Kriegsschauplätzean. (Vergl. No. 134 in Beilage 35 zum I. Bande.) Daraus erklärtsich, dass ihre Anwendung erst nach und nach allgemeiner wurde.Die anderen Bestandteile zu dem damals bekannten Lister'schenVerbände befanden sich selbstverständlich gleichfalls nicht im Etat;M war mithin von vornherein eine antiseptische Behandlung im SinneLister's als allgemeine Methode ausgeschlossen. Ueberhaupt ist dasStudium der Etats bereits genügend, um der Hauptsache nach ein
lieber die Unsicherheit in der Dosirung in Folgevon Unkenntniss der Wirkungen der Karbolsäure klagen inihren Berichten an die Militär-Medizinal-Abtheilung besondersdie konsultirenden Generalärzte Bardeleben und Busch.Letzterer schreibt: „Für den ersten Verband auf demSchlachtleide hat an vielen Punkten ein grosser Missbrauchin der Anwendung der Karbolsäure stattgefunden. Aerzte,deren Studium in eine Zeit fällt, in welcher die Karbol-säure noch nicht im Gebrauch war, haben dieselbe in einerStärke auf frische Wunden gebracht, wie sie allenfalls beialten Abszessen erlaubt ist, und haben dadurch zahlreicheVerbrennungen hervorgebracht." Ebenso theilt Barde-leben mit, dass er namentlich nach der Schlacht beiSpicheren durch Verwendung zu starker Karbolsäure-lösungen seitens der Feldlazareth-Aerzte brandige Zer-störungen beobachtet habe. Auch im weiteren Verlaufedes Krieges waren die Erfahrungen, welche man bezüglichder ätzenden Wirkung der Karbolsäure auf den Schlacht-feldern und in den Feldlazarethen gemacht hatte, keineswegszum Gemeingut aller Aerzte geworden. Noch im Januar 1871entstanden auf diese Weise brandige Zerstörungen der Haut.Eine Fleischschusswunde (Chassepot) vom 20. Dezember 1870hatte Mitte Januar 1871 ein Länge von 10 cm und eineBreite von 7 cm; die Muskeln waren entblösst, die Hautin voller Verschwärung. Schon glaubte man an ein Weiter-greifen des zerstörenden Prozesses auf Grund von Hospital-brandinfektion, als man auf die Vermuthung kam, obnicht vielleicht die Zerstörung durch Anwendung kon-zentrirter Karbolsäure hervorgerufen sei. Man setzte sieaus, machte Tag und Nacht Umschläge von Chamillentheemit Kampherspiritus, und die Wunde heilte schnell (Reserve-lazareth Harburg).
Es kann nicht befremden, wenn unter solchen Verhält-nissen die Urtheile über die „neue Wundbehandlung" rechtverschiedenartig ausfielen.
Stromeyer schreibt in einer Anmerkung zu MacOormac's bekanntem Werke: „Ich kann übrigens dochnicht leugnen, dass ich bei den ewigen Karbolverbänden,selbst wenn sie keinen Schaden thaten, oft Heimweh bekam
Bild von der damaligen Wundbehandlung zu gewinnen. — Zur Er-möglichung eines ersten Verbandes auf dem Schlachtfelde, auch beidem Mangel sonstigen Materials, trug der einzelne Soldat Verband-mittel bei sich. Sie bestanden aus einem Stück alter Leinwand,einer leinenen Binde und etwas Charpie, in Oelleinwand verpacktund von der Infanterie in der linken Hosentasche, von den berittenenMannschaften in der Rocktasche oder auch eingenäht (bei den Husarenund Ulanen) getragen. Die genannten Verbandmittel wurden entwederschon im Frieden vorräthig gehalten oder in aller Eile bei der Mobil-machung beschafft. (Vergl. S. 28 des I. Bandes.) Die Art des Materials,welches der allgemeinen damaligen chirurgischen Fraxis entsprach,musste das Festsetzen infektiöser Keime während der Lagerung inden Depots, mehr noch während der Kriegsmärsche begünstigen.Schon aus diesem Grunde hat das Verbandpäckchen, welches in-zwischen Gegenstand so vieler Erörterungen geworden ist. im Deutsch-Französischen Kriege sich keine grosse Beliebtheit bei den Aerztenzu erringen vermocht.
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