34
I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. AUgem. TheiL
vor; dieselbe Behandlungsweise, von dein einzelnenLazarethe
gepriesen, wurde von einem anderen als nutzlos hingestellt.Vergleiche der einzelnen Behandlungsweisen in Bezug aufihre grössere oder geringere Wirksamkeit sind zwecklos,da keine der bis jetzt geschilderten Arten in künftigenKriegen Verwendung finden wird; sie sind überdies auchkaum möglich, theils wegen der leicht erklärlichen Wider-
sprüche in den Berichten, theils weil sehr vielfach derselbeKranke in verschiedenen Lazarethen nach ganz verschiedenenGrundsätzen behandelt wurde. Auch in einem und demselbenLazareth begegnet man den verschiedenartigsten Behand-lungsweisen, selbst bei einem und demselben Verwundeten.Kurz, eine bestimmte, auf einheitlichen Anschauungen be-ruhende Wundbehandlung fand nicht statt.
IV. Gebrauch der Karbolsäure.
(Antiseptische Wundbehandlung.)
Die Betrachtungen über Wundbehandlung haben bis-her der antiseptischen Behandlung im Feldzuge 1870/71 —richtiger ist es zu sagen: der Behandlung der Wundenmit Karbolsäure — noch nicht ausführlicher gedacht,weil letztere eine besondere Besprechung verdient.
Man wandte die Karbolsäure vornehmlich in der Formdes Karbolwassers, des Karbolöls und einer Ver-bindung der Karbolsäure mit Glyzerin an, welcheletztere nach Ansicht der Feldärzte besonders gute Eigen-schaften besitzen sollte. Die Feld-Sanitätsinstruktion von1869 ordnete bezüglich der Desinfektion der Wunden an,dass vorzugsweise eine Lösung von übermangansauremKali oder Natron oder auch eine Lösung von Karbol-säure anzuwenden sei, „die hierzu jedoch von besondererReinheit sein muss". Ueber die anzuwendende Stärke diesesin der Wundbehandlung damals noch neuen Mittels äussertedie Instruktion sich nicht, weil seine Wirkungen nochnicht mit solcher Sicherheit festgestellt waren, dass sie ineiner amtlichen Vorschrift Ausdruck hätten finden können.Von einem in allen seinen Theilen so sorgsam durch-dachten antiseptischen Verbände, wie derselbe jetzt inDeutschland ganz allgemein, wenn auch in mannigfachenArten zur Anwendung kommt, war — wie schon hervor-gehoben — im Feldzuge 1870/71 nicht die Rede. Für dieüberwiegende Zahl der Aerzte war antiseptische Methodeund Benutzung der Karbolsäure in irgend einer Anwen-dungsart und in irgend welcher Lösung gleichbedeutend.Man brauchte die Karbolsäure in '/s—33'/sprozentigenLösungen, selbst reine Karbolsäure, ohne dass sich erkennenHesse, dass es sich hierbei um verschiedene Arten vonWunden und verschiedene Indikationen gehandelt habe. Beidieser Sachlage kann es nicht Wunder nehmen, wenn überdie Wirksamkeit der Karbolsäure die widersprechendstenUrtheile namentlich in der ersten Kriegszeit laut wurden.Mit einer Lösung von '/sprozentiger Karbolsäure konnteman begreiflicherweise keine antiseptischen Wirkungenerzielen, während SOprozentige in hohem Grade ätzendwirkte.')
!) Diese Unsicherheit in der Dosirung mag heute bereits sehrauffällig erscheinen, wenn man nur den Umstand im Auge hat, dass
Unter den Wenigen, «reiche während des Feldzugenach der damals bekannten Lister'schen Vorschrift vei
bei Ausbruch des Krieges bereits drei Jahre verflossen waren. s,-jtdem Lister seine erste Abhandlung „Ueber ein neues Verfahren,offene Knochenbrüche und Abszesse zu behandeln, mit Beobachtung«über Eiterung- 1 (Lancet 18C7, März 16, 23, 30; April 27; Juli 8|)veröffentlicht hatte. Für die im Feldzuge tliätig gewesenen Aerztebedarf es keiner Erläuterung der Thatsache, dass der Segen einerwirklich antiseptischen Verbandmethode den damaligen Verwundet«nicht zu Theil werden konnte; für spätere Forschungen und Beurtei-lungen ist es vielleicht nicht überflüssig, folgenden geschichtlichenUeberblick hier einzuschalten.
Vor Ausbruch des Französischen Krieges waren sieben Ab-handlungen (im Brit. med. Journ. und Lancet) von Lister erschienen;jede derselben brachte Fortschritte in der Verbandtechnik oder et\va>vordem noch Unbekanntes, z. B. die Unterbindung mit Katgut, dieSchutzhülle (Protektive) der Wunde u. s. w. In der letzten vor de«;Kriege erschienenen Abhandlung (Bemerkungen zu einer offenen Ver-renkung des Knöchels nebst anderen Verletzungen, ein Beitrag zu -Erläuterung des antiseptischen Verfahrens [Lancet 1870, März 19 uiui -26 und April 9]) kennt Lister die antiseptische Gaze noch nicht; erempfiehlt noch sein Lackpflaster, welches einen recht unvollkommen«antiseptischen Verband darstellt; auch auf die (inzwischen nl-unnöthig erkannte, daher wieder beseitigte) Zerstäubung der Karbol-säure (Spray) hatten ihn seine Versuche, den Verband immer voll-kommener, die Ergebnisse immer sicherer zu machen, noch niclrgeführt. In England selbst wollte man um diese Zeit — vor An-bruch des Krieges — von der neuen Verbandmethode Nichts wissetsie fand durchaus keinen Beifall; im Gegentheil, hervorragendMänner sprachen sich abfällig über dieselbe aus, ja es fehlte, trotder Einfachheit und Offenheit der Lister'sehen Schilderungen, nicl;an Spott und Hohn. In Deutschland ging man zwar vorurtheilsfrewan die Prüfung der Angaben, aber einerseits war die Methodiwie Lister selbst zugiebt, zu damaliger Zeit in ihrer Ausfülirun.noch sehr unvollkommen, andererseits war es fast unmöglich, für äkMehrzahl der Aerzte wenigstens, welche die Ansichten Lister'a in 1nach den Deutschen mehr oder weniger lückenhaften Auszöget!kannten, die Methode in der notwendigen Genauigkeit auszuführ«Nur in der letzteren aber liegt die Sicherheit des Gelingens. Da/kam ferner, dass die bis zur beregten Zeit veröffentlichten Fälle ihreilZahl nach viel zu unbedeutend waren, um den unanfechtbaren SchlnSzu gestatten, dass die antiseptische Methode in der That alle andersVerbandmethoden in ihrer Wirksamkeit übertreffe. Bedeutsam iiidieser Beziehung, indem hierdurch die vor dem Ausbruch des Kriegsgiltigen Anschauungen hervorragender Chirurgen über den Lister'schsVerband wiedergegeben werden, sind die Bemerkungen Bar delebe iü