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I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Theil.
während die Athmung fortdauerte und die Pupillen sich er-weiterten, die Haut erblasste. Lüftung des Zimmers, Bespritzendes Gesichts mit kaltem Wasser, Einblasen von Luft mit zu-gehaltener Nase von Mund zu Mund konnten die geschwundeneAthmung mehrere Male zu einigen Zügen wieder wecken;dann wurde mit Aufheben des Kehldeckels abwechselnd Unter-leib und Brustkorb zusammengedrückt, jedoch vergebens. Auchder endlich noch ausgeführte Luftröhrenschnitt und durch dieHalswunde gemachte Lufteinblasungen blieben ohnmächtig. Beider Leichenöffnung fand sich das Herz bedeutend vergrössert,„die linke Kammer hatte einen Durchmesser von 12, die rechtevon 10 cm, die Länge des Herzens von der Spitze bis zumAnfang der Aorta betrug 15 cm. Die Oberfläche des Herzenszeigte bedeutende Fettablagerung; seine Substanz war auf-fallend schlaff, die Muskulatur verfettet. In beiden Herzkammernfanden sich einige Blutgerinnsel".
2. Der Füsilier B. vom Garde - Füsilier - Regiment, am18. August 1870 bei Metz verwundet, wurde am 28. Augustin das Barackenlazareth auf dem Tempelhofer Felde auf-genommen. Derselbe zeigte bei der ersten Untersuchung eineziemlich gut aussehende Schusswunde in der Gegend desgrossen Rollhügels des rechten Oberschenkels; die ganze Um-gebung der Wunde war sehr schmerzhaft und entzündlich ge-röthet, der Knochen anscheinend nicht verletzt, eine Ausgangs-öffnung nicht vorhanden. B. litt ausserdem seit 6 Tagen anStuhlverstopfung und erhielt Ricinusöl. Im weiteren Verlaufebildete sich ein vollkommenen typhöser Zustand heraus,während die Wunde täglich ein schlechteres Aussehen annahm.Schon als B. zum ersten Mal, am 30. August, chloroformirt wurde,stellten sich, nachdem er nur einige Athemzüge Chloroform ein-geathmet, Erstickungsanfälle ein, die aber durch Fassen undHerausziehen der Zunge beseitigt wurden. Als sich am 10. Sep-tember die Notwendigkeit herausstellte, eine genaue Unter-suchung der inzwischen ganz brandig gewordenen Wunde inder Chloroformnarkose vorzunehmen, wurde daher mit grössterVorsicht zu Werke gegangen. Kaum jedoch hatte B. etwa 2 gChloroform eingeathmet, kaum war überhaupt eine Betäubungvorhanden (da er gegen den in diesem Augenblick gemachtenErweiterungsschnitt vollkommen reagirte), als der Arzt, welcherden Puls überwachte, das auffallende Kleinwerden desselbenmeldete. Sofort wurde der Chloroformapparat entfernt, gleich-zeitig aber meldete auch der die Athmung beobachtende Arzt,dass dieselbe aufhörte. Es wurde sogleich die Zunge mittelsZange herausgezogen, sämmtliche Fenster geöffnet, B. mitfeuchten kalten Tüchern gepeitscht und einige Minuten daraufder von Dr. Trucheart angegebene Apparat für künstlicheAthmung in Bewegung gesetzt. Trotzdem derselbe vorzüglichwirkte, indem man in der Lunge vollkommen vesikuläreAthmungsgeräusche hören konnte, trotzdem diese und dievorhin genannten Bemühungen etwa eine Stunde lang fort-gesetzt wurden, trotzdem endlich die rechte Drosselblutadereröffnet wurde, traten keine willkürlichen Athembewegungen,keine Herzzusammenziehungen mehr ein, es musste Herz-lähmung angenommen werden. Am 11. September vollzogCohnheim die Leichenöffnung. Das Protokoll lautet wie folgt:
Granatschuss in den Rollhügel,der 1. Woche. Chloroformtod.
Ileotyphus aus
Mittelgrosser, ziemlich kräftig gebauter Mann, Fäulnisssehr wenig vorgeschritten. Muskulatur ziemlich hellroth. Inder Gegend des rechten Rollhügels bemerkt man eine grosseund tiefe Kreuzschnittwunde, in deren Grunde der Rollhügelselbst sich befindet, von dem einige kleine Stücke abgemeisseltsind. In der Nachbarschaft dieser Stelle findet sich eine miss-
farbige Jauchung, die aber nach allen Richtungen hin höchstens5 cm weit geht. Das Hüftgelenk ist ganz unversehrt, ebenso derübrige Theil des Oberschenkelknochens und das ganze Becken.Herz gross, etwas schlaff, enthält nur wenig Gerinnsel, dagegenviel dünnflüssiges, kirschrothes Blut. Das Herzfieisch vonblassgrau - violetter Färbung, ohne erkennbare Spuren vonVerfettung. Klappen durchweg zart. Beide Lungen voll-kommen lufthaltig; das auf ihrer Schnittfläche herabfliessendeBlut von gelb-kirschrother Färbung. Die Follikel des Zungen-rückens etwas gross, die Schleimhaut des Kehlkopfs starkrosenroth. Die Milz auf mehr als das Doppelte des Normalenvergrössert, weich, matsch. Beide Nieren gross, sehr derb,beide Substanzen ziemlich blutreich. Im Magen eine grosseMenge säuerlich riechender rother Flüssigkeit. Die Schleim-haut rosig getränkt. Die Speiseröhre vom Schlünde an bis zurMagenmündung von dicken Soormassen ausgefüllt. Die Lebervon normaler Grösse, mittelgrosse Bläschen, Schnittfläche etwasblass. Die Mesenterialdrüsen sind sämmtlich, ganz besondersaber die des Iliocoecalstrangs, stark geschwellt und weich. Im iDünndarm ein dünnbreiiger, bräunlich gefärbter Inhalt. DieSchleimhaut des Ileum ist bis etwa 7 cm über der Klappeganz glatt und dünn, von hier an beginnt eine ziemlich starkeSchwellung der Peyer'schen Plaques und einiger einzelnstehen-der Follikel bis zur Klappe hin. Die geschwollenen Follikelhaben überall eine ganz unveränderte Oberfläche, die Plaquesüberall unverändert. Nur an einer einzigen kleinen Plaquefindet sich ein linsengrosser Gewebsverlust mit reiner (ie- 'schwürsfläche. In der Harnblase nur wenig trüber Harn.
Bei der von Liebreich vorgenommenen Untersuchungdes zur Verwendung gekommenen Chloroforms „Hessen sich ,jkeine fremden Substanzen in demselben nachweisen; dasselbeentspricht allen Ansprüchen an chemische Reinheit, die an einzum medizinischen Gebrauch zu verwendendes Chloroform ge- imacht werden müssen".
3. Der Grenadier D. vom Ostpreussischen Grenadier-Regiment No. 3 kam am 17. November 1870 mit einemSanitätszuge in dem Barackenlazareth des Tempelhofer Feldesan. Derselbe war am 16. August durch einen Gewehrschussin den rechten Oberarm verwundet, hatte einen Komminutiv-bruch erlitten, welcher bereits theilweise verwachsen war, aberbei starker Schwellung der Glieder starke Eiterung zeigte undlose Knochensplitter vermuthen Hess. D. wurde bei der Visitedem konsultirenden Generalarzt v. Esmarch vorgestellt; der-selbe bestimmte ihn zur Untersuchung der Wunde nach der Visite.Zu diesem Zweck wurde D., von kräftigem Körperbau und ver-1hältnissmässig wenig durch die lange Eiterung angegriffen, imOperationssaale durch einen Arzt chloroformirt; den Puls beob-achtete ein Kandidat der Medizin; mehrere ältere Aerzte waren jzugegen. Die Untersuchung und Operation wurde durchv. Esmarch geleitet, die Schnitte und den Verband führte!der ordinirende Arzt der Station aus. D. erhielt etwa4 bis 5 Minuten lang Chloroform, war jedoch während dieser3Zeit so unruhig und widerspenstig, dass er nur sehr wenig!einathmen konnte und zu keiner ordentlichen Betäubung ge-langte; es wurde daher schon während dieser Zeit der einzigeerforderliche, etwa 5 cm lange Schnitt zur Erweiterung der ,Wunde gemacht, mit dem Finger untersucht und ein 2 /s cmlanger Knochensplitter herausgenommen, daher auch nach so jkurzer Zeit das Chloroform schon entfernt werden konnte. Eswurden nun zwei starke Bourdonnets in die grosse Wunde ein- jgebracht, wobei D. ruhig zu athmen und still zu liegen begann: |darauf ward auf einem entfernt stehenden Tische ein drittes .kleines Bourdonnet ausgesucht und in eine andere kleineWunde eingeschoben; der Verwundete äusserte dabei keine!