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3. Chirurgischer Theil A (1890) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Allgemeiner Theil
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I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Theil.

den Infiltrationsvorgängen die Rede, welche die Schusswundenkomplizirten. Dieblutige Infiltration", so führte v. Langen-beck aus,kann unter Umständen heilsam wirken, z. B. beiLungenschüssen, wenn der den Schusskanal ausfüllende Blut-erguss nicht sehr beträchtlich ist; solche Schüsse können perprimain heilen". Die gleiche Rolle können leichte Blutergüsseauch bei Weichtheilschüssen der Gliedmaassen und selbst beinicht gesplitterten, namentlich queren Schussbrüchen spielen.Indess", so heisst es in den Verhandlungen weiter,verlaufenSchusswunden selten in dieser Weise. Wenn stärker blutendeGefässe von der Verwundung betroffen werden, so infiltrirensich die Muskeln und das Zellgewebe in ausgedehntem Maasse.Die Infiltration wird durch einen längeren und schonungslosen

Transport natürlich befördert. Solche blutige Infiltrationenhaben gewöhnlich Neigung zur fauligen Zersetzung und führenauf diese Weise oft äusserst rasch zum Tode." ')

Im Allgemeinen nahm man an, dass die Schusswunden alsin der Mitte zwischen Schnitt- und Quetschwunden liegend zubetrachten seien (H. Fischer, 1868); Neudörfer verglich siemit den Ecraseurwunden.

Den dunklen, die Eingangsöffnung oft umgebenden Saumbetrachtete man als Folge von Verbrennung; man sprach auchdie Ansicht aus, dass Pulverkörner und der vom Geschoss ab-gestreifte russige Beschlag eine ähnliche Färbung hervorrufenkönne.

I. Bedeckung der Wunden und Befestigung der Verbände.

Man bedeckte die Wunden mit trockner oder feuchterCharpie; zum Anfeuchten gebrauchte man kaltes oderwarmes Wasser, einfaches Oel oder Karbolöl (gewöhn-lich 1:10 oder 1:15), Chamillenthee, Kampherwein,wässrige Lösungen von Karbolsäure in den ver-schiedensten Prozentsätzen, übermangansaures Kali,Chlorkalk (1:100), schwefelsaures Zink (1:50),schwefelsaures Karbolzink (seltener) und Höllen-stein, oder man bestrich die Charpie mit Perubalsam.Verband mit Leberthran war im Bereiche des XL Armee-korps beliebt; er sollte namentlich bei Knochenschuss-wunden eine schnelle Reinigung der Wundfiächen be-wirken, die Eiterung bessern, vor Allem aber die schlaffenGranulationenquasi konsolidiren". Die Heilung aller mitLeberthran behandelten Wunden so berichtet der diri-girende Arzt eines Reservelazareths schreitet ohneStörung fort und offenbar rascher, als unter anderen Ver-bandmethoden. Die Wirkung von in Arnika getauchterCharpie wird namentlich von Aachener Lazarethen gelobt;ein kleineres Lazareth daselbst glaubte in dieser Arnika-Wundbehandluug den Grund dafür zu sehen, dass in ihmkeine Infektionskrankheit auftrat und kein Verwundeterstarb. Statt der Charpie wurden auch Kompressen mitden genannten Verbandflüssigkeiten befeuchtet und unmittel-bar auf die Wunden gelegt.

Selbstverständlich verband man nicht nur Gewehrschuss-wunden, sondern auch die grössten durch grobes Geschützverursachten Verletzungen in derselben Weise.

Stromeyer theilt mit, in welcher Weise er eine eigen-thümliche, am 19. Januar 1871 durch ein Artilleriegeschoss,welches den linken Arm am unteren Ansatz des Deltoideswegriss, entstandene Amputationswunde behandelt habe.Der Verwundete kam erst sehr spät Abends; der ganzeStumpf war geschwollen, der Patient leichenblass, der Pulskaum zu fühlen. Chloroform und ein geringer Blutverlustwürden ihn getödtet haben. Ich rieth, ihn der Natur zuüberlassen, obgleich die Wunde tellergross war und ent-

setzlich aussah. Ich gab ihm Wein und entfernte einigeFetzen. Die Armschlagader war zolllang zu sehen,Blutung fand nicht statt. Es wurde weiche Charpie trockenaufgelegt, welche sitzen blieb, bis sie sich von selbstlöste, dann Oelverband mit und ohne Karbolsäure. Alsich den Patienten 54 Tage später verliess, war die Wundenoch thalergross, ich konnte die Hälfte des gespaltenen,vorstehenden Knochens entfernen, ein guter Stumpf standin Aussicht." 2 )

Ausführlich beschreibt v. Beck in einer Mittheilungan die Preussiscbe Militär-Medizinal-Abtheilung, in welcherWeise er im Feldzuge 1870/71 (und mit ihm wohl einegrosse Anzahl namentlich Süddeutscher Militärärzte) bei derWundbehandlung verfahren sei.Nach sorgfältiger Stillungder Blutung durch Unterbinden und Aufträufeln von kaltemWasser wurden, wenn erforderlich, die Wundränder durchdie Naht vereinigt. Nöthigenfalls wurde die Naht durchLeinwand oder Gazestreifen, deren beide Enden man zubeiden Seiten der Wunde mit Gummiarabicum-Lösung be-festigte, unterstützt." Die gründliche Reinigung der Wundewurde mittels Bauschen von geschabter Charpie vor-genommen; zum Abspülen der Wundflüssigkeit bediente derGenannte sich kleiner Giesskannen mit verschiedenen Auf-sätzen, auch der Irrigatoren.Hierbei muss die Wundestets vor Quetschungen und Zerrungen sorgfältig bewahrtwerden. Der Verband selbst ist ein ganz einfacher,

x ) Heilungen von Schussbrüchen ohne Eiterung waren im Feld-zuge 1870/71 nicht ganz selten. So berichtet z. B. das 2. FeldlazarethI. Armeekorps, dass unter 8 Oberschenkel-Schussbrüchen 5 ohneEiterung geheilt seien, obschon in 2 dieser Fälle die Kugel im Körperzurückgeblieben sei. Die betreffenden Verwundeten wurden bis zurHeilung des Bruchs in diesem Lazareth behandelt. Welche Wund-behandlung angewandt wurde, ist nicht ersichtlich, zur Feststellungder Glieder diente in diesen Fällen 4 mal der Gypsverband, 1 mal dieschiefe Ebene Das Mariahilf-Hospital. beobachtete 4 Oberschenkel-Schussbrüehe, die wie subkutane heilten.

2 ) Es gab Zeiten (im vorigen Jahrhundert), in welchen man allederartigen Amputationsstümpfe der Natur überliess.