Band III. Allgem. Theil. II. Abschnitt: Behandlung der Wunden, insbesondere der Schusswunden, im Allgemeinen.
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war keineswegs — auch nicht in hypothetischer Form —Gemeingut der Aerzte, wenngleich man sich der Gefahr, welcheden Verwundeten aus Ueberfüllung oder Unsauberkeit derRäume, aus ungereinigten Instrumenten und Händen erwächst,ohne nähere Kenntniss des Grundes wohl bewusst war. Viel-mehr machte sich hier und da noch die Vorstellung geltend,dass die Infektion der Wunde von innen heraus erfolge. ImReservelazareth Kottbus befand sich ein Mann, dessenWunde,nachdem sie sich bereits geschlossen hatte, sich plötzlich ent-zündete, wieder aufbrach und alsbald die Erscheinungen desHospitalbrandes zeigte. „Der Schluss", sagt der Berichterstatter,„dass die brandige Zerstörung konstitutionell sei und nichtdurch äussere Schädlichkeiten bedingt, dürfte wohl gerecht-fertigt erscheinen." Solche Anschauungen finden sich aller-dings nur selten ausgesprochen; desto häufiger suchte man dieEntstehung der Wundkrankheiten durch das Mechanischeder Verletzung zu erklären. So giebt z. B. das 8. Feld-lazareth IL Armeekorps einer in vielen Berichten wieder-kehrenden Auffassung, welche somit wohl als eine damals weitverbreitete bezeichnet werden darf, bestimmten Ausdruck, indemes schreibt: „Die vorgekommenen sechs Todesfälle an Pyämie,von denen vier der septicämischen Form angehören, habenihren Grund keineswegs in gesundheitswidriger Eigenschaft desGebäudes oder wohl gar in der Ausbreitung eines pyämischenMiasmas, sondern einzig und allein in der Grossartigkeit bezw.Eigenthümlichkeit der Verletzung, eine Ansicht, die ihre Stützedarin findet, dass die übrigen in den nämlichen Räumenliegenden Verwundeten gut granulirende und heilende Wundenzeigen.
Näheres über die sonstigen Umstände, von welchen mandie Ausbreitung der verschiedenen Wundkrankheiten mit mehroder weniger Grund abhängig glaubte, muss anderen Stellendes Berichtes vorbehalten bleiben: 1 ) hier handelt es sichlediglich um Hervorhebung der Grundanschauung, insofern dieim Allgemeinen geübte Behandlung der Wunden von diesemStandpunkte aus beurtheilt werden muss.
Allerdings findet sich hier und da die Meinung vertreten,dass im Kriege 1870/71 zwar nicht allgemein, aber doch bereitsso vielfach eine antiseptische Wundbehandlung im Sinne Listersstattgefunden habe, dass sie von ganz wesentlichem Einflüsseauf die Ergebnisse der Verwundetenpflege gewesen sein müsse.Diese Meinung ist jedoch — wie schon die vorstehende Dar-legung dessen, worin man die Gefährlichkeit der Wundensuchte, erkennen lässt — eine irrige. Aus dem Nachstehendenwird im Gegentheil erhellen, dass von einem antiseptischenVerfahren im Sinne Listers nicht die Rede war, dass man nureine dunkle Vorstellung von dem Wesen und der Handhabungdesselben hatte, indem man Anwendung der Karbolsäure inirgend einer Form und in einem beliebigen Konzentrations-grade für gleichbedeutend mit antiseptischer Methode hielt, unddass im Ganzen das therapeutische Handeln des Chirurgen imKriege 1870/71 sich nicht wesentlich von dem im Jahre 1866üblich gewesenen unterschied.
Bei der Darstellung kriegschirurgischer Behandlung kommenwesentlich nur die S chuss Verletzungen in Betracht, nicht nur,weil diese den unverhältnissmässig grössten Theil aller Kriegs-verwundungen ausmachen, sondern namentlich deshalb, weilsie allein von allen Friedensverletzungen sich wesentlich unter-scheiden, daher das Charakteristische der kriegschirurgischenAufgabe darstellen. Vielfach zwar hat man neuerdings be-hauptet, dass bei einer regelrecht durchgeführten, methodischantiseptischen Behandlung es gleichgiltig sei, ob ein kom-plizirter Knochenbruch durch ein Geschoss oder auf eine andere
Siehe II. Kapitel (Wundkrankheiten) dieses Bandes.
mechanische Weise zu Stande gekommen sei; sie müssten beideheilen wie ein einfacher Bruch. Für eine Reihe von Fällenmag diese Meinung auch zutreffen, für eine nicht kleine Anzahlvon Schussbrüchen aber nicht, denn das Geschoss kann undwird häufig — namentlich wenn es Tuchfetzen u. s. w. mit sichreisst — nicht nur Zersetzungskeime in die Tiefe der Wundeeinfach hineintragen, sondern sie mit einer so bedeutendenGewalt, wie sie bei anderen Verletzungen gar nicht vor-kommt, in die umliegenden Gewebe hineinpressen. Beieiner häufigen Form des komplizirten Bruchs, dem Durch-stechungsbruch, bei welchem die gebrochenen Knochenstückedie Haut von innen sprengen, findet überhaupt keine Aehnlich-keit mit einem Schussbruche statt: bei jenem liegt die Gefahrlediglich in dem Eindringen von Luft, welche nur ein lockeresAufliegen der in ihr enthaltenen organischen Keime auf dieGewebetheile zur Folge haben kann. Bei den sogenanntendirekten Knochenbrüchen des Friedens werden zwar auchInfektionskeime in die äussere Wunde mit Gewalt hinein-getrieben, aber doch nur in die äusseren, mit dem zermalmen-den Mittel in unmittelbare Berührung kommenden Theile,während bei einem Schussbruch das eindringende ProjektilKeime in die tiefsten Gewebsschichten mit unvergleichlicherGewalt hineinpresst.
Auch die Schussverletzungen des Friedens, welchewegen der gleichliegenden mechanischen Verhältnisse am zweck-mässigsten zum Vergleich herangezogen werden, geben keinenunmittelbar zu verwerthenden Maassstab für die Gefahr derSchussverletzungen im Kriege und für die von der antiseptischenWundbehandlung zu erhoffenden Erfolge. Fast ausnahmsloshandelt es sich im Frieden um Selbstmörder, welche die Klei-dungsstücke öffnen, das Hemd entfernen u. s. w., ehe sie durchden Schuss den Tod suchen; hier liegen eben alle Verhältnisseanders als bei einem Soldaten im Felde, dessen Kleidung undKörper nach vorausgegangenen Biwaks und Märschen voneinem leicht sich theilenden Geschoss durchbohrt wird.
Im Uebrigen unterschieden sich die allgemeinen An-schauungen über Dasjenige, worin die Besonderheit der Schuss-wunden bestehe, nach mancher Richtung hin nicht wesentlichvon den heutigen. Insbesondere erklärte man wie gegenwärtig,dass das Charakteristische dieser Wunden lediglich durch dieEigenart des Geschosses und die Art seiner Bewegung bedingtsei. Man sah in den Schusswunden gequetschte oder gerisseneWunden mit Gewebsverlust. Je grösser die Kraft ist, mitwelcher eine Kugel die Weichtheile durchbohrt, desto ähnlicherwerden die Schusswunden den Schnittwunden mit röhren-förmigem Gewebsverlust, — so lehrte Simon und behauptetein Folge dessen, dass die Mehrzahl dieser — unkomplizirten —Wunden per primam heilen könne und heilen müsse. Der ge-nannte Autor versteht dabei unter Heilung per primam einer-seits die wirkliche primäre Verklebung, andererseits die Heilungunter dem Schorf. Diese Behauptung erfreute sich indesskeiner allgemeinen Anerkennung. Hatten doch v. Langenbeckund Stromeyer nach dem ersten Schleswig - HolsteinschenKriege, v. Beck noch im Jahre 1866 keine Schusswunde ohneEiterung heilen gesehen. Im Grossen und Ganzen neigte mansich bei Ausbruch des Krieges der Annahme zu, dass Weich-theil- und selbst Höhlenwunden, durch Geschoss erzeugt, inseltenen Fällen ohne Eiterung heilen können, eine Ansicht,welche durch die Erfahrungen des Feldzugs 1870/71 auch be-stätigt wurde, v. Langenbeck sprach sich während desFeldzuges über die Möglichkeit und das wirkliche Vorkommendieser primären Heilung aus. In der Sitzung der militärärzt-lichen Gesellschaft zu Orleans 1 ) vom 4. Januar 1871 war von
') Siehe Deutsche militärärztliche Zeitschrift. Jahrgang 1872.