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I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Theil.
chirurgische Sammlung des Friedrich-Wilhelms-Institutesnur ein Knochenpräparat, eine einfache Quetschung desOberschenkelknochens darstellend (X. 8. 12), welches nach-weislich von einer Mitrailleusenverletzung herrührt. DasPräparat stammt aus einem Württembergischen Lazareth;9 Tage nach der Verletzung ward das Geschoss heraus-gezogen, die Wunde heilte; der Verwundete starb aber4 Wochen später an Typhus.
In einem Falle fanden sich allerdings sogar zweiMitrailleusengeschosse in einer Wunde. 1 ) Füsilier J. bekameinen Fleischschuss in die innere Seite des linken Ober-schenkels; eine Ausgangsöffnung bestand nicht. Am Tagenach der Verwundung entfernte man eine Mitrailleusen-kugel. Die Wunde verheilte, und J. wurde demnächst nachStargard i. P. übergeführt. Das Gehen war jedoch sehrbeschwerlich für ihn und beim Strecken des Beines trat ander Aussenseite des Oberschenkels eine kleine Geschwulsthervor. Ein Einschnitt in letztere führte auf ein zweitesMitrailleusengeschoss, an dessen mögliche Anwesenheitnatürlich Niemand gedacht hatte. Die vollständige Heilungerfolgte danach ohne Zwischenfall.
Hier und da verursachte auch grobes Geschütz blindeSchusskanäle. Im 12. Feldlazareth V. Armeekorpswurde am 21. Oktober 1870 ein Soldat mit einer Schuss-verletzung in der Milzgegend aufgenommen; die Weichtheilein der Gegend der 9. und 10. Rippe waren in grosser Aus-dehnung zerstört. Unerwarteterweise fand man fünf Wochennach der Verwundung die Schlussschraube einer Granatein der Wunde. Im 1. Feldlazareth XIII. Armeekorpshatte man wegen Zerschmetterung des Oberarms eine Ab-setzung im Schultergelenk mittels Bildung eines äusserenund inneren Lappens ausgeführt und wunderte sich im Ver-laufe der Heilung nicht wenig über eine eigenthümlicheVerhärtung des inneren Lappens. Es kam an dieser Stellezur Eiterung und zu einem Einschnitt, durch welchen zuallgemeinem Erstaunen ein '/a Pfund schweres Stück einerGranate entfernt wurde. Im 8. Feldlazareth X. Armee-korps behandelte man eine Weichtheilwunde am Rücken,welche ausgebreitete Vereiterung des Unterhaut-Binde-gewebes in ihrem Gefolge hatte. Am 8. Tage nach derVerwundung fand man 15 cm von der Hautwunde entferntund dicht unter der Haut liegend einen 'A Pfund schwerenGranatsplitter. 2 )
Lieber Einheilungen von Geschossen liegen inden Feldzugsberichten so viele Mittheilungen vor, dassman versucht sein könnte, derartige Vorgänge als etwasAlltägliches anzusehen. Wenn man aber unter einem ein-geheilten Geschoss nicht ein jedes versteht, über welchem
!) Vergl. S. 15.
2 ) lieber einen ähnlichen Fall siehe IV. Band dieses Berichtes,S. 45 (Schlusssatz).
sich einmal für eine Zeit lang eine Wunde geschlossen hat,den Begriff der Einheilung vielmehr nur für diejenigenFälle festhält, in denen Geschosse ohne neue Veranlassungnicht mehr als reizende Fremdkörper wirken und nichtmehr zur Entzündung und zum Wiederaufbruch der Narbenführen, so werden zutreffende Beobachtungen sehr vielweniger häufig. Eine gewisse, wenn auch nie voll-kommene Anpassung der umgebenden Gewebe, welche sichzumeist als Kapselbildung darstellt, macht das Geschoss zueinem eingeheilten, wenigstens soweit die Histologie dieFrage der Einheilung entscheidet. Dabei wird freilichhäufig immer noch eine Reihe von Störungen, namentlichsolche nervöser Natur und rein mechanischen Ursprungs,zurückbleiben.
Dass Gewebe von geringerer Reizbarkeit, zu welchenvornehmlich Muskel- und Fettsubstanz zählen, die Ein-heilung begünstigen, liegt auf der Hand. Darum beziehtsich auch die Mehrzahl der hierhergehörigen Feldzugs-beobachtungen auf Einheilung von Geschossen inWeich theile. Musketier B. (S. 356 No. 29) war am8. Dezember 1870 durch eine Chassepotkugel verwundet,welche an der linken Seite des Nackens eingedrungen, abernicht ausgetreten war. Am 24. April 1875 wurde unterdem linken Unterkieferwinkel, wo eine kleine kaum sicht-bare Narbe gefunden war, aus einer festen Bindegewebs-kapsel, welche sich ihrerseits mit Luft- und Speiseröhreverwachsen zeigte, das Geschoss herausgeschnitten. B. wusstenicht das Geringste von dem Besitz dieser Kugel, welcheer 4'/a Jahre mit sich herumgetragen.') Beim Musketier Z.(S. 576 No. 5) entfernte man 10 Wochen nach der Ver-wundung das unveränderte Geschoss aus dem Oberschenkel,in welchem es unter der Fascie in einer fibrösen Hüllefest eingebettet sass. Aus den Lazarethberichten sindfolgende Fälle bemerkenswerth: Im Reservelazareth Tilsitwurde einem Verwundeten am unteren Winkel des Schulter-blatts eine breitgedrückte Kugel nebst Fetzen von Tuch her-ausgeschnitten. Sie lag im Unterhautbindegewebe „in einerKapsel eingebettet", ohne eine Spur von Reizung odergar Eiterung in der Umgebung zu erregen; irgend welcheBeschwerden verursachte sie nicht. Man hätte sie wohlauch liegen lassen können; nur das leichte Durchfühlen desGeschosses bei Betastung der Haut gab zu dem Eingriff Ver-anlassung. Das Reservelazareth Benrath behandelte einen)Mann, der einen Schuss in den rechten Oberarm dicht überdem Ellenbogengelenk erhalten hatte, der Knochen warnicht gebrochen. „Kugel eingeheilt, der Verwundetew r urde mit vollkommener Gebrauchsfähigkeit seines Armesentlassen." Ein ganz ähnlicher Fall wurde im Reservelazareth Sagan beobachtet: Schuss in den linken Oberarmin der Nähe der Ellenbogenbeuge. Das Geschoss war ander inneren Seite der Bicepssebne deutlich zu fühlen. Da
J ) Vergl. Spez. Th. dieses Bandes, S. 16 No. 17.