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I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Theil.
Band III.
dem Reservelazareth Lüneburg übergeführt. Das Projektilwar durch die linke Wange gedrungen, hatte die Kronenvon drei Zähnen abgebrochen, die Zunge durchbohrt undwar bis in den mittleren Theil der rechten Halsseite ge-drungen, an welcher Stelle sie herausgeschnitten wurde.Die "Wunde heilte nicht, es entstand eine Eitersenkungnach dem Brustbein zu, die einen Einschnitt auf die Mittedes letzteren zur Folge hatte; hier lagen die abgeschossenenZahnkronen. In einem vom 6. Feldlazareth IX. Armee-korps beobachteten Falle schlug das Geschoss gegen einenin der Hosentasche befindlichen Thaler und prallte andiesem ab, ohne in den Körper einzutreten, der Thaleraber verursachte eine seiner Grösse entsprechende rundeWunde im linken Oberschenkel; er zeigte sich fingerhut-förmig ausgestülpt und war auf einer (der Wunde abgekehrten)Seite mit einem ringförmigen, schwarzen Belag bedeckt.
Fälle, in welchen solche und ähnliche indirekteGeschosse mit und ohne das eigentliche Geschoss in dieWunde eindrangen, bezw. sie veranlassten, waren zwarnicht gerade selten, sie stehen indess begreiflicherweise inder Häufigkeit des Vorkommens denjenigen nach, in welchendie Anwesenheit von Tuch- oder leinenen Fetzen dieSchusswunden koinplizirten. Diese Fremdkörper waren nichtnur die Ursache zahlreicher Zellgewebs-Entzündungen undimmer erneuten Aufbruchs der Wunden nach scheinbar er-folgter Heilung, sondern auch die Veranlassung zu Infektionender schwersten Art. A priori könnte man annehmen, dassdie mitgerissenen leichten und weichen Stoffe durch dieWundabsonderung bald gelockert und schneller als festeKörper ausgestossen würden. Das ist indess durchaus nichtimmer der Fall, denn sehr häufig wurden diese Tuchfetzenerst viele Monate, sogar viele Jahre nach der Verwundungausgestossen. Selbst bei Schusskanälen, welche in ihrerganzen Ausdehnung leicht zugänglich waren, und bei denendurch Ausspritzen die Ausstossung noch erleichtert war,hafteten diese Fremdkörper sehr fest. Ein BayerischerSoldat hatte fünf Schüsse zu gleicher Zeit bekommen, allewaren leichter Art; vier heilten sehr schnell, die fünfteWunde wollte sich nicht zur Heilung anschicken. Es warein Fleischschuss durch den Oberschenkel; das Projektilwar an der inneren Seite des unteren Drittels ein- und ander hinteren und äusseren Seite wieder ausgetreten. DerSchusskanal hatte einen ganz gradlinigen Verlauf, so dasssich mit Leichtigkeit eine dicke Sonde von einem Endezum anderen durchführen liess. Man vermuthete mit Recht,dass ein Fremdkörper das Heilungshinderniss für die ein-fache Wunde abgebe, spritzte deshalb täglich mehrere Maledurch den Wundkanal hindurch, doch ohne allen Erfolg.Erst in der fünften Woche nach der Verwundung kamenganz kleine Tuchfetzen zum Vorschein, nach deren Aus-stossung die Wunde rasch zuheilte.
Im Speziellen Theil dieses Bandes finden sich sehrzahlreiche Angaben über mittelbare Geschosse. In der über-
wiegenden Mehrzahl der Fälle handelt es sich um Theileder Kleidung und Bewaffnung. Naturgemäss sind hierunterwieder am meisten Tuchfetzen vertreten, welche sehr oftlangwierige Eiterung der Schusskanäle und Wiederaufbruchder Narben verursachten. Die Beispiele dafür kehren inder Kasuistik so oft wieder, dass einzelne nicht angeführtzu werden brauchen, zumal die merkwürdigeren im Textder einzelnen Kapitel des Spez. Th. hervorgehoben sind.Nicht selten wurden insbesondere Theile des eigenen Ge-wehrs als indirekte Geschosse dem Träger gefährlich. Inden Fällen, in denen Holzstücke erwähnt werden, hat manes wohl der Regel nach mit Gewehrtheilen zu thun.Wenigstens stimmt es damit überein, dass der Kopf unddie Hand, welche beide am häufigsten mit dem Gewehrin Berührung kommen, auch verhältnissmässig am meistenderartigen Verletzungen ausgesetzt gewesen zu sein scheinen.Auf Seite 14 u. ff. des Speziellen Theils werden Beispielevon Verwundungen durch Gewehrtheile aufgeführt, welcheKopfwunden verursachten, und S. 969 No. 309 und S. 971No. 319 sind zwei Beobachtungen von Verletzungen derHand durch Holztheile erwähnt. Die durch abgerisseneHelmtheile bewirkten Verwundungen lassen die auf S. 20 u. ff.des Speziellen Theils erörterte Frage, ob überhaupt derHelm den heutigen Geschossen gegenüber noch als Schutz-waffe betrachtet werden kann, durchaus berechtigt er-scheinen. 1 ) Eine grössere Zahl von Beispielen der Art istam angeführten Orte gegeben.
Von Gegenständen, welche nicht zur Bekleidung undAusrüstung gehören, wird mit Vorliebe, besonders durchplatzende Artilleriegeschosse, Erde mit fortgeschleudert.Dieselbe überschüttet zwar gelegentlich den ganzen Körper,wird aber naturgemäss hauptsächlich den Augen gefährlich.Näheres darüber siehe in dem Kapitel „Verwundungen derAugen" (S. 165 u. ff. des Speziellen Theils).
Dass verdichtete Luft mindestens den zart gebautenSinnesorganen gefährlich werden kann, ist auf Seite 17 ff.u. 197 des Spez. Th. dargethan. (Wegen „Luftstreifschüssen"siehe ausserdem ebds. S. 396.)
Im Allgemeinen sind die mit den Geschossen in denKörper eindringenden Tuch- oder Leinwandfetzen auszweierlei Gründen als besonders üble Wundkomplikationenzu bezeichnen. Einmal sind sie an und für sich mehr alsfeste Körper mit glatter Oberfläche geeignet, Fäulnisskeimein die Wunde zu tragen, zweitens giebt die Sonde fastniemals über ihre Anwesenheit Aufschluss, sondern — oftzu spät — erst der üble, wenn nicht gar tödtliche Ver-lauf selbst an und für sich ganz leichter Verletzungen;dagegen liegt die Gefahr des Mitreissens härterer Körper
') Wegen des Kürasses siehe Spez. Th. S. 39G. — Ebds. sindeinige Beispiele von Schutz mitgetheilt, welche am Körper getragenefeste Gegenstände gegen matte Kugeln gewährt haben.
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