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3. Chirurgischer Theil A (1890) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Allgemeiner Theil
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I. Kapitel: Kriegschirurgisehe Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Theil.

Geschossverunstaltungen und ihres Verhältnisses zurWirkung der Geschosse auf die Gewebe ist erst er-schlossen durch das von Reger aufgestellteGesetz derreziproken Rückwirkung".

Eine auffallende Erscheinung wurde an dem Weichbleides Chassepotprojektils während des Feldzuges häufig be-obachtet und von Einigen als beweisend für das Be-stehen einer Schmelzung angesehen (v. Beck u. A.); eswar dies das eigenthümliche Farbenspiel des Bleies, dasIrisiren. Dasselbe beweist indessen für das Bestehen derSchmelzung nichts. 1 )

Auch eine andere Beobachtung aus dem Feldzugeschien für das Schmelzen des Bleies zu sprechen. Man fandkleine Knochenstückchen in diegeschmolzene" Spitze desChassepotprojektils eingekeilt. Es ist schon erwähnt, dassBleiabschmelzungen an der Spitze unter gewissen Be-dingungen eintreten können, aber viel häufiger, wahr-scheinlich in allen geschilderten Fällen dieser Art, wirddieser Befund als Einpressung abgesprungener Knochen-partikelchen in das Blei erklärt werden können. Ob imEinzelfalle das Eine oder das Andere stattgefunden hat,ist nicht mehr zu ermitteln, denn häufig wird nur dasMikroskop entscheiden können, ob Lamellenbildung desBleies stattgefunden hat, oder ob die abgerundeten Formen

Theil vom Blei umklammerten Frieshaare keine Versengungs-erscheinungen zeigten. Mikroskopisch erwiesen sich alle die scheinbarrunden Kügelchen als vielfach zusammengedrehte Lamellen; sie musstendaher mechanischen Ursprungs sein.

J ) Vergl. IV. Band dieses Berichtes, S. 9. und Reger a. a. 0.

für Schmelzprodukte sprechen. Wie leicht dieses Hinein-pressen kleiner Knochentheile in das Weichbleiprojektildes Chassepots stattfindet, davon kann man sich leichtüberzeugen, wenn man mittels eines kleinen Hammers der-artige Knochenstückchen in die Geschossspitze einzutreibensucht; von einer wahrnehmbaren Erwärmung des Bleies istbei diesem Vorgange gar keine Rede.

Unter den Verunstaltungen des Chassepotgeschossesfand sich am häufigsten die Pilzform. Ihre Entstehung jerklärt sich leicht: die Spitze des Weichbleies trifft aufWiderstand, welcher sie zunächst aufhält, sie plattet sichunter dem Drucke der sich wellenartig über einanderschiebenden basalen Theile des Geschosses ab. Ebenfallshäufig beobachtete man die Hutform, oft auch diewunderbarsten Gestaltungen, 1 ) so dass wie schon früher 1erwähnt es unmöglich gewesen wäre, aus diesen auf |die frühere Form des Projektils zu schliessen. Die auf-fallende Häufigkeit der Verunstaltungen des Chassepot- .geschosses überhaupt beruht nicht allein auf der Weichheitdes Materials, sondern zum Theil noch auf anderen Um- Iständen. Es war kein glattes massives Geschoss, sondernbesass Reifelungen, und in seinem Innern befanden sich die 1durch das Giessen bedingten Hohlräume von verschiedenerGrösse und von verschiedener Lage gegenüber dem ISchwerpunkt des Geschosses; hier und da werden eigen-1artige Verunstaltungen durch vorhergehendes Aufschlagenauf feste Körper zu erklären sein.

i) Vergl. IV. Band dieses Berichtes, S. 45 und Tafel LVI.

II. Andere Gewehr- und Mitrailleusengeschosse.')

Neben dem Chassepotgewehr, welches in der erstenPeriode des Krieges (bis zur Vernichtung der Kaiserlichen

J ) Ueber die Verletzungen durch Artilleriegeschosse findensich in den Krankengeschichten des Speziellen Theiles dieses (III.)Bandes, desgleichen im V. Bande dieses Berichtes zahlreiche Einzel-mittheilungen. Wegen der Zahl dieser Verwundungen siehe Spez. Th.S. 12. Beispiele für Knochenbrüche durch matte Artilleriegeschosseohne Hautwunde siehe im Spez. Th. S. 832 und 986.

Nachrichten über Verwundungen durch seltener verwandteGeschosse finden sich namentlich an den nachstehend angegebenenStellen:

a) durch Wallbüchsenkugeln: III. Bd., Spez. Th. S. 54 No. 3 undS. 151 No. 41, desgl. V. Bd. S. 316 No. 27;

b) durch Büchsenkugeln: III. Bd., Spez. Th. S. 89/90 No. 31;

c) durch Pistolenkugeln: ebendas. S. 1194 No. 260 und V. Bd.S. 518 No. 6;

d) durch Revolverkugeln: ebendas. S. 44 No. 40, S. 64 No. 7,S. 67 No. 9, S. 134 No. 20, S. 439 No. 49, S. 616 No. 13, S. 1146 No. 62;

e) durch Rehposten: ebendas. S. 702 No. 7;

f) durch Schrot: ebendas. S. 16 No. 19 und 20, S. 39 No. 63, 64und 65, S. 177 (Anmerk. zu C), S. 178 No. 9, S. 514 No. 7 (Verletzungdes Herzens), S. 702 No. 7, desgl. V. Bd. S. 589 No. 25;

g) durch Platzpatrone: III. Bd., Spez. Th. S. 74 No. 14.

Armee) von der Französischen Infanterie fast ausschliesslichgebraucht wurde, spielten die übrigen Gewehrkonstruktionen,was die Anzahl der durch sie veranlassten Wunden anbelangt,keine bedeutende Rolle. Nur von dem Tabatieregewehrmachten namentlich die Mobilgardisten noch häufigerenGebrauch. Während das Chassepotgewehr durch kleinesKaliber und grosse lebendige Kraft charakterisirt ist,gehörte das Geschoss des Tabatieregewehrs, d. h. des ineinen Hinterlader umgewandelten Miniögewehrs, zu dengrosskalibrigen und mit sehr viel geringerer Geschwindig-keit ausgestatteten. 1 ) In Bezug auf die Wirkungen desTabatieregewehrs liegen amtliche Berichte aus dem 5. Feld-lazareth III. Armeekorps vor, nach welchen sich dieGeschosse dieses Gewehrs gegenüber dem Chassepot, welchesam häufigsten glatte Schüsse" verursache, dadurch charak-terisiren, dass sie gewaltige Zerstörungen des Bindegewebesund der Muskelsubstanz hervorriefen. Unter sonst gleichenVerhältnissen muss ja auch die erschütternde Kraft eine:

!) Vergl. IV. Band dieses Berichtes, Tabelle 1 auf S. 46.