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I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Theil.
Aber der Beweis, dass es sich wirklich um gehacktes Bleigehandelt habe, ist durch die vorstehende Schilderungkeineswegs erbracht. Das weiche Chassepotprojektil zer-theilt sich leicht. Nicht nur an scharfkantigen Knochen,auch an Weichtheilen mit strafferer Gewebsfügung, z. B.an Sehnen, zerschellt das Geschoss in zwei oder mehrTheile; trifft dasselbe vor dem Bindringen in den mensch-lichen Körper auf einen festen Gegenstand, so kann es sichebenfalls theilen und die Wirkungen des gehackten Bleisausüben. 1 ) Ueber solche Geschosstheilung machen dieKrankengeschichten S. 728 No. 48, S. 798 No. 190, S. 907No. 303, S. 1021 No. 47, S. 1060 No. 243 u. a. bestimmteAngaben. Keineswegs ausgeschlossen ist die Möglichkeit,dass die übrigen Verwundungen, welche durch gehacktesBlei zu Stande gekommen sein sollen, in derselben Weise zuerklären und sämmtliche Beschuldigungen dieser Art auf denUmstand zurückzuführen sind, dass man die leichte Theil-barkeit des Weichbleis ebensowenig kannte wie die hydrau-lische Pressung.
Nicht wie heut der Geschwindigkeit und der wesentlichdavon abhängigen lebendigen Kraft des Geschosses, sonderndem Eindringen von Luft und Pulvergasen und derAusdehnung dieser Gase in der Wunde oder der Rotationder Geschosse schrieb man da, wo Erklärungen der bishererwähnten Art nicht Platz griffen, vorzugsweise ausgedehnteZerreissuugen und namentlich auch das Hervorstülpen vonWeichtheilen zu. Aus der Rotation — so meinte z. B.Chenu — ergebe sich eine spiralige Bahn der Verletzung;komme das Geschoss in die Tiefe, so wirke es wie einBohrer oder Pfropfenzieher, treibe die Muskeln vor sichher und reisse sie mit aus der Wunde heraus. Diegrössten Zerstörungen rufe das rotirende Geschoss hervor,wenn es, durch Widerstand aufgehalten, sich umdrehe, d. h.seine Basis nach vorn wende; in diesem Falle nähmen dieKnochensplitter die mannigfachsten Richtungen an, indemsie selbst zu Geschossen würden. Auf diese Weise findeeine Art Ausstrahlung statt, welche die grossartigsten Zer-störungen der Glieder bedinge. 2 )
In der kriegschirurgischen Sammlung des Friedrich-Wilhelms-Institutes findet sich ein Präparat des oberenEndes des Oberarmknochens, das aus 29 losen Splitternbesteht (vergl. IV. Band dieses Berichtes, S. 32). Buschberichtete in seiner Eigenschaft als konsultirender Chirurgunter dem 16. September 1870 an die Medizinal-Abtheilungdes Preussischen Kriegsministeriums, dass er mehrere Gelenk-resektionen ausgeführt habe, die den Namen einer Aussägung
x ) Vergl. IV. Band dieses Berichtes, S. 12.
2 ) Der Rotation des Geschosses wurde auch noch nach demKriege eine grosse Rolle bezüglich des Zustandekommens jenerschweren Verletzungen zugeschrieben (vergl. IV. Band dieses Berichtes,S. 16), obgleich sie das Hervorstülpen zermalmter Theile aus derEingangsöffnung wohl kaum zu erklären vermag; dazu kommt, dassauch Rundkugeln, wenn sie eine entsprechende Geschwindigkeit be-sitzen, Sprengwirkungen hervorbringen, obwohl bei ihnen von Rotationim angegebeneu Sinne keine Rede sein kann.
gar nicht verdienten, denn die Operation habe in weiternichts, als in einer Ausräumung von Splittern bestanden;er fand z. B. bei einer Ellenbogenresektion, dass dasuntere Ende des Oberarmknochens in 21 verschiedeneStücke zertrümmert war.
Bei Gelegenheit der Schilderung der eben erwähntenResektionen legte Busch gleichzeitig seine damaligenAnsichten über die Wirkung des Chassepotgeschosses dar,welche hier in abgekürzter Fassung wiedergegeben werden,weil sie den Standpunkt einer Autorität auf dem Gebietegerade dieser Frage während des Feldzuges bezeichnen.Die matten Geschosse, meinte er, bewirkten die erwähntengewaltigen Zerstörungen der Gelenke. „Die in der Näheabgefeuerten und mit voller Kraft treffenden Geschossebringen so reine Wunden hervor, dass einzelne per primamheilten. Bei gewöhnlichen leichten Fleischschüssen wardies von keinem besonderen Interesse, es wurden aber auchLungenwunden beobachtet, in welchen der Bluterguss unddie Luft in der Brustfellhöhle aufgesaugt wurde und durch-aus keine entzündlichen Erscheinungen eintraten." ') Aehn-liches wurde, so führt Busch weiterhin aus, aber freilichnur in sehr vereinzelten Fällen, bei Knieschüssen ohneKnochenverletzung beobachtet, welche von Anfang anzweckmässig behandelt wurden. „Im Gegensatze zu dengewaltigen, aber auf einen verhältnissmässig kleinenRaum beschränkten Verletzungen der Knochen, wie sieoben erwähnt, kommen auch nicht selten Fälle vor, indenen ein einziger Schuss die Röhrenknochen in ihrerganzen Länge zersplitterte; im 7. Feldlazareth VIII. Ar-meekorps sahen wir einen Verwundeten, bei welchemdiese Splitterung die ganze Länge des Oberschenkelknochenseinnahm, die Kugel fand sich dabei in der Markhöhleliegend." 2 ) Busch kannte daher zur Zeit des Krieges nochnicht die Wirkungen der Naheschüsse der modernen Ge-wehre und nahm nach der alten Theorie, die ja bei denGewehren älterer Konstruktion ihre Berechtigung hatte,noch an, dass durch Naheschüsse reine Wunden erzeugtwerden.
Ueber die Frage, ob im Allgemeinen das PreussischeLangblei schwerere oder leichtere Verletzungen hervor-gebracht habe als das Chassepotgeschoss, lauten die An-sichten der Berichterstatter ganz verschieden. Eine aus-reichende statistische Grundlage, um hinterher zu Gunstendieser oder jener Meinung ein Urtheil abzugeben, ist nichtzu gewinnen. H. Fischer behandelte im KriegslazarethForbach 286 Franzosen und 75 Preussen. Die Sterblich-keit bei den Preussen betrug 13.3§, die der Franzosen13.8$. „Es geht hieraus hervor", sagt Fischer, „dass die
!) Siehe „Durchbohrende Brustschüsse" im Speziellen Theiledieses Bandes (S. 422 ff).
2 ) Siehe hierzu im Speziellen Theile dieses Bandes namentlichS. 998. Insbesondere die daselbst erwähnte Verwundung des II.(No. 357) ist ein Beispiel für die von Busch gesehenen Längs-splitterungen ganzer Knochen.