llgem. Theil.
Band III. Allgem. Theil.
I. Abschnitt: Ansichten und Beobachtungen über die Art der Geschosswirkung.
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Öffnung eigenthümlich; bei kleiner Eingangsöffnung könnedie Ausgangsöffnung bis zu 15 cm lang und nicht vielweniger breit sein; finde das letztere statt, so sehe mannicht selten ausser der Kontinuitätstrennung die Muskelnwie eine Muskelhernie hervorgestülpt (une hernie de tousles tissus musculaires). Dasselbe, was Chenu in dieserSchilderung als charakteristisch für die Wirkung desChassepot hervorhebt, ward unter Umständen auch beiWunden beobachtet, welche das Preussische Langblei ver-ursacht hatte: es ist eben die Wirkung der hydrau-lischen Pressung, die man irrtümlicherweise fürWirkung explodirender Körper ansah. 1 )
Uebrigens gab man diesen eigenartigen Schusswundenmit ihren grossen Ausgangsöffnungen noch eine andereDeutung. Das Reservelazareth Hannover macht über fünfVerwundungen Mittheilung, bei denen die auffallend weitenAusgangsöffnungen brandig erschienen, die Eingangsöffnungendagegen nicht. „Uns stiess daher der Verdacht auf, dassdiese Wunden vergiftet seien", schliesst der Bericht.Man sieht darin die in früheren Jahrhunderten herrschendeAnsicht von einem giftigen Charakter der Schusswunden,wenn auch nur in der Form des Verdachtes wieder auf-leben, trotzdem sie längst als irrig erkannt und, nachdemsie zum letzten Male bei den Strassenkämpfen in Paris imJahre 1848 aufgetaucht war, endgiltig begraben schien.
Endlich trat auch vereinzelt die Behauptung auf, dassder Feind mit gehacktem Blei schiesse. Im Reserve-lazareth Benrath lag ein Verwundeter, bei welchem dieEintrittsstelle des Geschosses sich in der Mitte der Streck-fläche des linken Vorderarms befand. Von hier aus konnteman den Schusskanal nach zwei Bichtungen hin verfolgen.Zunächst gelangte die untersuchende Sonde ungefähr biszum Speichenköpfchen, sodann konnte man mit derselbenzwischen Speiche und Elle durch das Zwischenknochenbandzur Muskulatur der Beugeseite gelangen. „Es ist gewiss",so heisst es in dem Bericht, „dass die Schussverletzunghier nicht durch eine Kugel, sondern durch gehacktesBlei veranlasst worden ist, weil der Verwundete nochauf dem Schlachtfelde gleich nach Entfernung seinerKleider ein Stück gehacktes Blei in einer eingedrücktenHautstelle in der Nähe der Schussöffnung, ein anderesin der Nähe der Ellenbogenbeuge gefunden hat; beideEindrücke sind jetzt noch auf der Haut deutlich zu er-kennen. Die starke Eiterung und die Schwellung des ArmsHess mit der Zeit nach. Obwohl man der festen Ueber-zeugung sein kann, dass noch Bleistückchen sich im Arm
J ) Das Hervorstülpen der Muskeln aus der Eingangsöffnung istfür die Diagnose und Prognose der Verletzung .von der grösstenBedeutung und zwar deshalb, weil bei seinem Vorhandensein auchohne nähere Untersuchung der Wunden angenommen werden muss,dass ein Naheschuss eines modernen Gewehrs hydraulische Pressungbedingt habe, d. h. dass die Erhaltung des getroffenen Theiles nahezuunmöglich ist. Die Kenntniss dieser Verhältnisse ist daher für spätereKriege von praktischer Wichtigkeit. Näheres hierzu siehe beiBeger a. a. 0.
befinden, trat doch vollständige Heilung ohne irgendeine Funktionsstörung ein. Später fühlte man unter einerzum Zwecke besseren Eiterabflusses gemachten Ein-schnittsöffnung einen rundlichen Körper von der Grösseeines Rehpostens, dessen Entfernung jedoch verweigertwurde." Das Reservelazareth Einbeck berichtet: „Ch. Seh.vom 15. Bayerischen Infanterie - Regiment erhielt bei derErstürmung von Bazeilles von einem Weibe einen Schussmit gehacktem Blei in den Oberschenkel; er starb am25. September 1870 an Pyämie. Ein Theil der Stückekonnte bei Lebzeiten aus der Wunde entfernt werden,andere wurden erst nach dem Tode gefunden. DieWunden, eine grössere und eine kleinere, hatten beständigeine grauschwarze Farbe." In gleicher Weise glaubte sichdas Reservelazareth Reichenbach zu dem Schlüsse be-rechtigt, dass die durch Franktireurgeschosse hervor-gerufenen Wunden von gehacktem Blei herrührten, weil„das Blei derselben nicht abgerundet, sondern eckig"gewesen sei. Das 5. Feldlazareth IL Armeekorps,welches die bei dem Ueberfall von Prauthoy verwundetenMannschaften des Infanterie-Regiments No. 61 aufnahm,berichtet: „Was die Art der Geschosse betrifft, welche dieVerwundungen hervorgebracht hatten, so waren dieselbenzum weitaus grössten Theile Gewehrkugeln, aber vonso verschiedenem Kaliber, dass fast jede Kugel, welcheim Lazareth herausgezogen wurde, einer anderen Gewehr-konstruktion angehörte. Chassepotkugeln, drei Kalibervon Minie'kugeln, Revolvergeschosse, Remington-Gewehr-kugeln, ja selbst Schrot und gehacktes Blei konnten alsUrheber der Verwundungen festgestellt werden, dagegen istkeine Verletzung durch Explosionsgeschosse beobachtetworden, obwohl behauptet worden ist, die Feinde hätten sichbei Prauthoy derselben bedient. Eine von dort mitgebrachteangebliche Patrone eines Explosionsgeschosses, welche denMantel eines Soldaten zerfetzt und ihm selbst eine starkeQuetschung am Bauche beigebracht hatte, entpuppte sichals die Blechauskleidung einer hölzernen Tabakspfeife, diewahrscheinlich durch eine auftreffende Kugel zertrümmertund fortgeschleudert war." Auch bei N. (Spez. Th., S. 1056No. 222) gaben mehrfache Brüche des Knochens und dasAuffinden von 20 bis 30 Bleispänen anstatt der gesuchtenKugel, bei K. N. (ebds., S. 953 No. 193) ausgedehnte Zer-reissung der Weichtheile bei einem Schuss aus 6 SchrittEntfernung Veranlassung, an einen Schuss mit gehacktemBlei oder mit explodirendem Geschoss zu denken.
Dass Franktireurs oder einzelne fanatisirte Bewohnerdes Kriegsschauplatzes sich gelegentlich derartiger Ge-schosse bedient haben, darf noch heut — ebenso wie esoben hinsichtlich der explodirenden Gewehrprojektile ge-schah — als möglich bezeichnet werden; derartige Vor-kommnisse sind, da sie ausserhalb der kämpfenden Armeesich abspielen, nicht zu verhindern. Der Bericht aus demReservelazareth Benrath betrifft allerdings eine Verwun-dung, welche in offener Feldschlacht stattgefunden hat.