I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Theil.
Fläche gelegene Sprung war breiter und länger als die vor-deren. Die Erhebung zwischen den Knorren wurdedurch längs und quer verlaufende Spalten in un-regelmässig gestaltete Knochenstücke getheilt, vondenen einzelne stark über die Gelenkfläche ragten. Etlichedieser Spalten liefen nach vorn und hinten in die oberenRänder der beschriebenen Oeffnungen aus. Auch das Ab-platzen der Haut auf weitere Strecken erklärt Reger fürein Zeichen hydraulischer Pressung. In einem derartigenBeispiel (S. 871 No. 134) kann noch der Brand der Haut,welcher ebenso weit reichte wie die Unterhöhlung, zumBeweise eines centrifugal wirksam gewesenen Drucks heran-gezogen werden.
Hält man die Lehre von der hydraulischen Pressungbei Naheschüssen auf thierische Gewebe für gesichert, solassen sich — wie schon diese wenigen Andeutungenzeigen — jene umfangreichen Zerstörungen, welche manzur Zeit des Krieges explodirenden Geschossen zuschreibenzu müssen glaubte, ungezwungen darauf zurückführen.
Trotz Allem ist selbstverständlich die Möglichkeit, dassseitens einzelner Franktireurs in seltenen Fällen vonSprenggeschossen Gebrauch gemacht sei, nicht gänzlichvon der Hand zu weisen.
Die Wirkung des Preussischen Langbleis beieinem Schuss aus nächster Nähe war, wie heutzutage ohneSchwierigkeit verständlich, dem des Chassepotprojektilsnicht unähnlich. Im II. Feldlazareth III. Armeekorpshatten zahlreiche verwundete Franzosen Aufnahme gefunden,welche jene oben gezeichneten charakteristischen Wund-kanäle mit kleiner Eingangsöffnung und unverhältnissmässiggrosser Ausgangsöffnung sowie mit Zermalmung der um-gebenden Gewebe im weitesten Umfange darboten, währenddie Deutschen Verwundeten meist leichte — weil durchProjektile mit mittlerer Geschwindigkeit entstandene —Verletzungen erkennen Hessen. Der Chefarzt schrieb aufGrund dieses Befundes wörtlich Folgendes: „Verletzungendurch Sprenggeschosse finden sich vorwiegend bei denFranzösischen Verwundeten."
Bei dieser Sachlage konnte es nicht ausbleiben, dassvon Französischer Seite den Deutschen Truppen der näm-liche, die Anwendung völkerrechtlich untersagter Geschossebetreffende Vorwurf gemacht wurde. „On nous a prösente"",sagt Chenu') in seinem bekannten Werke über den Deutsch-Französischen Krieg, „plusieurs de ces prötendues ballesexplosibles et nous n'avons rien trouve" qui puisse justifier lesaccusations portöes contre l'ennemi. Notre pense"e est que, s'ily a en emploi de balles de cette nature, ce sont des faitsindividuels de"shonorants pour leurs sauvages auteurs, maisil ne faut pas en rendre Tarmde prussienne solidaire."Chenu erwähnt weiter eines Falles von Anwendung einesSprenggeschosses, über welchen Tardieu berichtete, undwelchem man so grosse Wichtigkeit beimaass, dass die
Leiche des Verwundeten in Gegenwart mehrerer Offizieregeöffnet wurde. 1 ) Derselbe beweist jedoch in keiner Weisedie Anwendung eines explosiblen Geschosses; er giebtim Gegentheil ein klassisches Bild von der sich in hydrau-lischer Pressung äussernden Wirkung der modernen Pro-jektile; er beweist nur, dass die physikalische Geschoss-wirkung in Frankreich damals ebenso wenig bekannt warwie in Deutschland.
Uebrigens sah man auch Französischerseits bald dasIrrthümliche der Anschauung ein und gab den Verdachtwenigstens einer allgemeineren Anwendung explodirenderGeschosse seitens der Deutschen auf.
Chenu knüpft an seine oben erwähnte Ansichtüber die Anwendung von Sprenggeschossen auch seineMeinung über die Wirkung des Chassepotgewehres über-haupt an. Dasselbe ruft nach ihm eine kleine, runde,scharfrandige Eingangsöffnung hervor, meist kleiner als derDurchmesser des Projektils; die Ausgangsöffnung sei grösserund unregelmässiger, habe zerrissene Ränder, sei dreieckigund ausgezackt, auch gesternt; bei oberflächlichen Haar-seilschüssen seien beide Oeffnungen von fast gleicher Grösse.Gerade dem Chassepot sei das zuweilen ausserordentlicheMissverhältniss der Grösse der Eingangs- und Ausgangs-
!) Vergl. Chenu, Band I, S. 270 bis 272.
x ) Der Fall war folgender: Am 30. September war ein Französi-scher Soldat bei l'Hay durch drei Geschosse verletzt worden. DieUntersuchung des Verwundeten ergab: „La cuisse droite est traverseed'une balle ä la partie moyenne; la balle a passe en avant du femur.La cuisse gauche est beaucoup plus malade; en dehors ä sa partiemoyenne, eile porte deux trous tres-nets faits par des balles. D'apresles renseignements fournis par le blesse, ce sont les trous d'entree;en dedans de la cuisse gauche on ne trouve qu'un trou de sortie. Onadmet un instant qu'une balle est restee dans la cuisse." Am 5. Ok-tober starb der Verwundete, und die Obduktion wurde angeordnet.„L'autopsie de la cuisse gauche est faite avec le soin le plus minu-tieux et devant un nombre considerable de personnes, parmi lesquellesdes officiers de marine. Le trajet du trou d'entree au trou de sortied'une des deux balles est tres-nettement indiqu6; on sent moins fa-cilement le trajet de la seconde balle, dont on voit manifestement letrou d'entree. Qu'est-elle devenue? nous la cherchons longtemps envain. En la cherchant dans les tissus, nous constatons, non sans sur-prise, que dans tous les muscles et le tissu cellulaire de la cuisse ily a des petites esquilles. Le femur a disparu sur une longueur d'en-viron 6 cm entre son tiers moyen et son tiers superieur. Nous trou-vons enfin ä deux esquilles deux petits morceaux de plomb fortminces et noirs d'un cötö. En presence de ce fait et des degäts extra-ordinaires que nous voyons, nous pensons que ce pourrait bien etreune balle explosible. En consequence, nous dissequons minutieusementtoute la cuisse, et nous decouvrons partout jusque pres du genou unequantite considerable de tout petits morceaux de plomb. La plupartont le volume d'une tete d'epingle. Beaucoup sont presque imper-ceptibles et ressemblent ä une poussiere noire, qu'on aurait semeedans les muscles. Devant ces faits, les assistants resterent convaincusqu'il s'agissait bien d'une balle explosible. Nous consultämes plusieursofficiers et soldats qui avaient assiste au combat du 30 septembre äl'Hay. Plusieurs affirmerent que les Prussiens avaient fait usage deballes explosibles dans ce combat. On entendait comme des coupsde fouet lorsque les balles touchaient un arbre ou un corps dur.Quand elles entraieut dans le sol, elles soulevaient la terre; nouscroyons donc qu'il s'agit ici d'une balle explosible."