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3. Chirurgischer Theil A (1890) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Allgemeiner Theil
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I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Theil.

sichtigung findet; indessen dürfte man nach dem Standeder heutigen Kenntnisse und Erfahrungen über die Wir-kungen von Kleingewehrgeschossen nicht fehlgehen, wennman annimmt, dass bei einer weit grösseren Zahl vonSchussverletzungen, als der angegebenen, jenes eigentüm-liche Gepräge der Ausgangswunde im Französischen Kriegenachzuweisen gewesen wäre.

Ungleich häufiger geschieht in den Feldzugsberichtenbedeutender, durch die Chassepotkugel verursachterKnochensplitterung Erwähnung, vermuthlich darum,weil dieselbe zu chirurgischen Eingriffen Veranlassung gab.Schüsse aus der Nähe bewirkten mitunter eine vollständigeZermalmung des Knochens, so dass der zertrümmerte Theilsich wie ein Erbsensack anfühlte. K. L. (Spez. Th., S. 871No. 134) war ausnächster Nähe" getroffen und hatte einenSchussbruch des rechten Oberarms davongetragen. Wie dieUntersuchung nach dem Tode lehrte, hatte das Geschossden Knochen vom anatomischen Halse ab in einer Aus-dehnung von 8 cm zertrümmert; unterhalb der Eingangs-öffnung lag eine mitGewebsfetzen und Knochenstück-chen" angefüllte Höhle. Ein Anderer (ebds., S. 1030No. 81) erhielt auf kaum 20 Schritt Entfernung einenChassepotschuss in den rechten Oberschenkel mit Eingangs-öffnung an der Aussen-, Ausgangsöffnung an der Innenseite.Von letzterer war die Kugel in gleicher Höhe in den linkenOberschenkel eingedrungen und daselbst stecken geblieben.Es ergab sich bei der anatomischen Untersuchung, dassvon der hinteren Seite beider Oberschenkel Knochenstückevon Sandkorn- bis Haselnussgrösse abgesplittert waren,ohne Trennung des Zusammenhanges des Knochens in derLängsrichtung. Bei einer Verwundung auf etwa 100 SchrittEntfernung (ebds., S. 894 No. 241), in welcher die Geschoss-geschwindigkeit kaum nennenswerthe Einbusse erfahrenhaben konnte, wurde neben der übermässigen, einem(silbernen) Fünfmarkstück gleichkommenden Grösse derEingangsöffnung eine starke Splitterung des Oberarmsgefunden. Knochengries und ausgedehntere Stückedes Oberarmknochens traten im Verlaufe der Wund-heilung wiederholt zu Tage. Manche Berichterstattergeben die Menge der von ihnen operativ entferntenSplitter in Zahlen an. Ein Füsilier (ebds., S. 1159No. 111) verlor nicht weniger als 40 Splitter von demzerschmetterten Schien- und Wadenbein. 38 Knochensplitterwurden einem Gardisten (ebds., S. 853 No. 53), welcheram 18. August 1870 bei Gravelotte einen Gewehrschuss-bruch des rechten Oberarms erlitten hatte, in mehrerenSitzungen ausgezogen. Einer seiner Regiments-Kameraden(ebds., S. 892 No. 233), an demselben Tage, an der nämlichenGliedmaasse und in gleicher Art vom Feinde getroffen, hatteden Verlust von 30 Stücken des Oberarmknochens zu be-klagen. Füsilier P. (ebds., S. 686 No. 35) erhielt einenChassepotschuss durch die linke Schulter. Das Geschoss tratam äusseren Rande des Schulterblattes ein, nahm seinen Wegpurch die Achselhöhle und ging unterhalb des Schlüssel-

beins nach aussen. Im Ganzen konnte man 37 Knochen-splitter fortnehmen. Vielleicht kommt dieser Zahl dieHand voll" Splitter nahe, welche bei einem anderen Ver-wundeten (ebds., S. 1112 No. 500) am 13. Tage nach einerdurch Gewehrkugel veranlassten Zerschmetterung des linkenOberschenkels aus dem Wundkanal herausbefördert wurde.Die Herausnahme von 10 bis 20 Splittern war keine Seltenheit(vergl. ebds., S. 1063 No. 257, S. 1096 No. 417, S. 1141No. 42, S. 1145 No. 59, S. 1164 No. 129, S. 1179 No. 199u. a. m.). Eine grössere Reihe von Krankengeschichten imSpez. Th. dieses Bandes macht auch auf die Ausdehnungder Knochensplitterung aufmerksam. So hatte ein Waden-beinbruchstück (S. 1194 No. 260) die Länge von 12, einSchienbeinsplitter die Länge von 10 cm. Zwischen 6 bis8 cm schwanken die Grössenverhältnisse der Knochenbruch-stücke in den Fällen S. 1043 No. 159, S. 1058 No. 233,S. 1062 No. 252, S. 1075 No. 320, S. 1156 No. 103.

Weit geringer ist die Zahl der Einzelbeobachtungenüber die verheerende Wirkung des Chassepotgeschosses aufdie Weichtheile. Wieder aber waren es Naheschüsse,welche gelegentlich grossartige Zerreissungen in der Muskel-substanz und an der Haut anrichteten. Ueber einen Ser-geanten (Spez. Th., S. 1137 No. 32), welcher auf Voi - -posten aus nächster Nähe angeschossen war, lauten dieAngaben, dass die Weichtheile an der Aussenseite der Wadein grosser Ausdehnung zerfetzt und die Umgebung durchPulverkörner schwarz gefärbt waren. Bei einem SächsischenSoldaten (ebds., S. 955 No. 206)hingen aus einer grossenWeichtheilwunde Muskel- und Sehnenfetzen." Bei R. (ebds.,S. 981 No. 382) stellt sich ein Gewehrschusskanal amVorderarm alseine Höhle von Apfelgrösse mit zerstörterUmgebung" dar, wozu jedoch bemerkt werden muss, dassauch die knöcherne Speiche sich zertrümmert zeigte. Fernerverhinderte nach dem Wortlaut des BerichtsausgedehnteZerreissung" der weichen Bedeckungen die Heilung einesOberschenkelfleischschusses, an welchem Lieutenant S. (ebds.,S. 1018 No. 32) darniederlag. Bei dem Reservisten T. (ebds.,S. 1019 No. 33) glaubte der behandelnde Arzt eine WundedurchSprenggeschoss" vor sich zu haben, offenbar nurdarum, weil er seine Ansichten über Geschosswirkung mitder Schwere der vorliegenden Weich theil Verletzung am Ober-schenkel des Getroffenen nicht in Einklang zu bringen wusste.Ein anderes Mal hing zerrissenes Gewebe nicht bloss ausder Ausgangsöffnung, was nicht so sehr Wunder nehmenkonnte, sondern, und dies war damals unverständlich, auchaus der Eingangsöffnung. So drang aus der sehr grossenEingangswunde am Vorderarm des Infanteristen G. (ebds.,S. 944 No. 13) die Muskulatur heraus, und in der Kranken-geschichte No. 252 S. 1193 heisst es:Die Eingangsöffnung Bruch des rechten Schienbeins durch Gewehrschussbildet einen mehrere Centimeter langen Hautriss, auswelchem die Wadenmuskulatur hervorquillt."

Beim Anblick solcher bislang unbekannter Zerstörungendrängte sich naturgemäss den Deutschen vielfach die Ver-