G. Weltliches und geistliches Drama 1053
auszusetzen, wie W. Meyer meint. 1 Außer jenen Königen erhalten aberauf der Bühne, in deren Osten der Tempel von Jerusalem steht, noch derKönig der Deutschen, die Synagoge und die Gentilitas je einen Thron, undauf dem Throne des Kaisers, dem Imperium, sollen noch der Papst unddie Kirche mit der Liebe und Gerechtigkeit ihren Sitz einnehmen.
Das Stück selbst, das sich sowohl an Abt Adsos Schrift De ortu et tem-pore Antichristi anlehnt, als auch die geschichtlich gegebenen Verhältnisseder Zeit berücksichtigt, beginnt damit, daß die einzelnen Gewalten ihreSitze einnehmen 2 und der Kaiser den König von Frankreich besiegt, nach-dem er ihn ohne Erfolg zur Anerkennung seiner Oberhoheit aufgeforderthat, während die Könige von Griechenland und Jerusalem sich der kaiser-lichen Herrschaft fügen. Der König von Babylon aber will das Christentumvernichten und greift daher Jerusalem an, doch der Kaiser als Schutzherrder Kirche besiegt ihn. Nunmehr übergibt der Kaiser im Tempel zu Jeru-salem an Gott die Insignien seiner Herrschaft und begibt sich auf den nochleer gebliebenen Thron des deutschen Königs, während die Kirche, die ihnnach Jerusalem begleitet hatte, im Tempel zurückbleibt.
Alsdann sendet der Antichrist seine Boten voraus, die Heuchler, die dieKönige gewinnen sollen, bis er selbst hervortritt und ein Siegeslied seinerHerrschaft anstimmt: Die Heuchelei solle die Gunst der Laien erwerbenund die Ketzerei die Kirchenlehre zerstören, was beide auch versprechen.Nun verkündet die Heuchelei den Heuchlern die Ankunft des Antichristenund jene bezeugen ihm, daß die Beligion schon längst im Wanken und daßdie Kirche namentlich in ihren Häuptern verweltlicht sei; sie fordern ihnzur Übernahme der Weltherrschaft auf. Auf seine Frage, wie er das alsunbekannter Mann wagen könne, antworten sie ihm, daß sie schon vor-gearbeitet hätten, wie er befohlen habe. Der Antichrist willigt ein, seineHelfer enthüllen ihre Schwerter, stürzen den König von Jerusalem vomThrone und krönen den Antichrist zum Könige. Da wendet sich der Königvon Jerusalem zum König der Deutschen und klagt, daß er Betrügern indie Hände gefallen sei und daß die Stützen seines Thrones morsch seien;solange der deutsche König der Vogt des römischen Reiches geblieben,habe die Kirche in Ehren dagestanden, jetzt aber habe nach seinem Rück-tritt fluchwürdiger Irrglauben überhandgenommen.
Unterdes haben die Heuchler den Antichrist auf den Thron im Tempeldes Herrn gesetzt, während die Kirche wegen der ihr angetanen schänd-lichen Behandlung zum Sitze des Papstes zurückkehrte. Nun befiehlt derAntichrist seinen Dienern, zu den einzelnen Königen zu gehen. Zuerst wen-den sie sich an den König der Griechen, dem gegenüber sie ihren Herrn fürChristus ausgeben 3 und den sie auffordern, sich ihm zu unterwerfen. Dasgeschieht auch, der König huldigt dem Antichrist und überläßt ihm seineKrone, darauf zeichnet der Antichrist ihn und sein Gefolge auf der Stirnmit dem Anfangsbuchstaben seines Namens und gibt ihm die Krone zu-
1 Münch. SB. 1882,1,13. 3 203 (p. 29 ed. Meyer) Qui sicut scriptu-
2 Und zwar zuerst die Gentilitas und die ris mundo fuit promissus, descendit de caelisSynagoge, die unter Gesängen heran- ab arce patris missus. Ille semper idem ma-nahen; mit kurzem Gesänge folgt die nens in deitate.
Kirche.