1052 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
sie sich in einem vierstrophigen 1 lateinischen Gedicht an ihre weinenden Be-gleiterinnen und gibt ihrem Kummer Ausdruck. Darauf umarmt sie Johan-nes und bittet ihn, mit ihr den Tod Christi zu beklagen; sie singt danndie Sequenz Planctus ante nescia und wiederholt die Verse an Johannesso daß dieser sie bittet, gemeinsam mit ihr klagen zu dürfen. Nun sprichtChristus am Kreuze seine letzten Worte nach Joh. 19, 26 ff. 30. 34 2 un dMatth. 27, 46, wobei die chronologische Folge gestört wird, da Matth. 2746. 49. 40. 42 aufeinander folgen. Am Schlüsse erscheint Joseph vonArimathia vor Pilatus und bittet ihn in zwei deutschen Strophen um denLeib Christi zur Bestattung; Pilatus antwortet ihm in gleicher Form undgewährt ihm die Bitte. Hiermit bricht das Stück wohl unvollendet ab, dennes fehlt die Grablegung, die Verwahrung des Grabes, die Marien- und Engel-szene, die Auferstehung und endlich die Erscheinungen Christi vor denMarien und vor den Jüngern.
Ueberlieferung imMonac. 4660 und den zu ihm gehörenden Fragmenten, die undderen ursprüngliche Lage bestimmt sind von W. Meyer, Fragmenta Burana S. 4—17.Ausgabe der kleinen Passion bei Meyer S. 123—125 (Taf. 5—7), des Osterspiels S. 125—131, des Emausspiels S. 136—138, der großen Passion Carm. Burana ed. Schmellerp. 95—107. Vgl. besonders W. Meyer a. a. O. S. 31—122 (Zur Geschichte der mittel-latein. Schauspiele) und W. Creizenach, Gesch. des neueren Dramas 2 1, 83—88 (undS. 43—82).
3. DER LUDUS DE ANTICHRISTO
Neben den eigentlich geistlichen Spielen, den Weihnachts- und Oster-spielen, hat sich aus dem 12. Jahrhundert ein Drama erhalten, mit dessenreligiös-eschatologischer Grundidee politisch-nationale Gedanken verknüpftsind, der Ludus de Antichristo. Die Zeitbeziehungen, die sich in demStücke finden, deuten darauf hin, daß es zur Zeit Friedrichs I. und zwarvor 1161 verfaßt ist, da Gerhoh von Reichersberg es in seiner Schrift DeAntichristo erwähnt. 3 Der Dichter war ein oberdeutscher Geistlicher, denner rühmt die Deutschen stark und die einzige Handschrift stammt ausTegernsee; außerdem ist das Stück im Benediktbeurer Weihnachtsspielbenutzt. So hat es früher, wenigstens in Süddeutschland, eine größere Ver-breitung gehabt.
Zur Zeitbestimmung vgl. Giesebrecht bei W. Meyer S. 13ff. und diesen Münchn.SB. 1882 1,12—16. Abweichend Michaelis in der Ztschr f. deutsches Altertum 54(1913) S. 61 ff., der an frühere Entstehung (Konrad III.) denkt. Zum Ruhme derDeutschen vgl. Ludus 227 Excellens est in armis vis Teotonicorum, 230 est cum Teotonicisincautum preliari und 271 Sanguine patriae honor est retinendus, virtute patriae est hostisexpellendus.
Die erste Rolle in dem Stück spielt der Kaiser als der oberste Schutzherrder Welt, unter ihm stehen die Könige von Frankreich, von Griechenland,von Jerusalem und von Babylon. Der Papst nimmt eine auffallend niedrigeStellung ein, vielleicht um ihn nicht der Versuchung durch den Antichrist
1 Das Gedicht scheint aber fünf Strophen 2 Der Kriegsknecht Longinus durch-besessen zu haben, denn in der Ausgabe sticht den Sterbenden und spricht in Mit-(C. Bur. CCIII p. 106) findet sich noch der gefühl deutsche Verse.Versanfang Dum caput cernu[um] und in 3 1, 5 (Gerh. opera inedita cur. Schei-den Carm. Burana, wo es als N. 96 (p. 52 belberger 1, 25) Quid ergo mirum si etN. 4* H.) aufgenommen ist, besitzt es eine isti nunc Antichristum vel Herodem in suisfünfte Strophe, die im Bau allerdings stark ludis simulantes eosdem non . . . Indienvon den andern abweicht. mentiuntur sed in veritate exhibent.