G. Weltliches und geistliches Drama 1051
Herodes mit seinen Söldnern, dann die Priester, der Kaufmann mit seinerFrau, dann Maria Magdalena. Christus begibt sich zum Meere und beruftPetrus und Andreas (Matth. 4,18 f.), er heilt einen Blinden (Marc. 10,47—51)und spricht mit Zachäus (Luc. 19, 5. 8f.). Darauf wird er von einem Phari-säer zum Essen eingeladen. Hierauf beginnt eine ganz eigenartige Szene.Nämlich Maria Magdalena offenbart in einer ganzen Reihe Gedichte ihreLust an der Welt und ihre Reue darüber. Zuerst singt sie in zwei Vaganten-strophen ein Loblied auf die Schönheit der Welt, dann wendet sie sichzum Kaufmann, der ihr 1 seine Salben zu kosmetischen Zwecken anpreist.Darauf singt sie ein deutsches Lied, um die jungen Männer zur Liebe an-zulocken. 2 Und als ein Liebhaber ihr naht, ermahnt sie ihre Begleiterinnen,von der Farbe zu kaufen, mit der sie sich schminken können. Der Krämerempfiehlt die Farbe, sie nimmt sie in Empfang und legt sich schlafen. Daverkündet ihr ein Engel, daß Christus bei Simon eingekehrt sei und mitihm speise, und als sich der Besuch des Engels wiederholt, empfindet Mariadie heftigste Reue über ihr früheres sündhaftes Leben, worauf ihr der Engelmit Luc. 15, 10 antwortet. Da verwünscht Maria alle Schönheitsmittel, legtihre weltlichen Kleider ab, zieht Trauergewand an und verlangt nun vomKaufmann Salben für den Leichnam Christi. Der Kaufmann fordert dafürein Talent Gold, sie erhält die Ware und wendet sich nun zuerst in einerVagantenstrophe an den toten Christus, den Arzt der Menschheit, derallen Sündern Heil bringt, um ihn dann in zwei deutschen Strophenum Erlösung zu bitten. Die Darstellung geht mit Luc. 7, 39 weiter,wird aber mit Marc. 14, 4ff. unterbrochen, um mit Luc.7, 40—43 (undzwar 41 f. in Vagantenzeilen) und 48. 50 wieder aufgenommen zu wer-den. Dann schließt die Maria Magdalenaszene damit, daß diese in derZerknirschung ihres Herzens in deutschen Versen ihre Geburt verwünschtund Gottes Gericht ersehnt.
Nun wird die Auferweckung des Lazarus geschildert 3 und daran schließtsich der Verrat des Judas, zuerst in dialogischen Versen zwischen Judasund den Priestern, dann, vielfach abweichend von der biblischen Reihen-folge der Geschehnisse, 4 in der Ölbergszene nach Marcus, Matthäus undnach Joh. 18, 4f. 7f. Es folgt die Ableugnung Christi durch Petrus nachMarc. 14, 70f. und die Versammlung des Hohen Rates nach Joh. 11, 47 f. 50und Matth. 26, 61, die Szenen vor Pilatus und Herodes nach Joh. 18, 29ff.,Auszug aus Luc. 23, 6ff., Luc. 23, 22, Matth. 26, 66, Joh. 18, 37. 35f., Luc.
23, 21 f. Darauf wird die Verspottung Jesu dargestellt nach Matth. 27, 29.26, 68, ferner die Szenen vor Pilatus nach Joh. 19, 6. 12. 9ff. 15, Matth. 27,
24, sodann der Gang zur Kreuzigung und die Reue des Judas — der Teufelbringt ihn zum Selbstmord —, endlich die Kreuzigung nach Luc. 23, 28,Joh. 19, 19. 15. 22. Maria kommt mit Johannes zum Kreuze und in einemdeutschen Gedicht von vier Strophen beklagt sie ihr schreckliches Los, daßman ihr Kind getötet habe, und wünscht sich an dessen Stelle. Dann wendet
1 Mehrmals wird in den Regiebemerkun- man! Lat mich eu gevallen!
gen Maria statt Maria Magdalena genannt 3 Mit den Worten Joh. 11,11. 21. 33. 43f.
(Carm. Bur. p. 98—99); es kann aber hier 4 Nämlich Marc. 14, 44. 43. 41. 34. Matth.
stets nur die letztere gemeint sein. 26, 41. 39. 41 f. Marc. 14, 37. 40. Matth. 26,
2 Mit dem Refrain Seht mich an, Jungen 42. 40. 45.