1048 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
Gefangenschaft der Juden. 1 Beim Eintritt Christi und seiner Eltern nachÄgypten stürzen dort alle Götzenbilder zusammen, 2 aber die Priester sollensie wieder aufstellen, einen Lobgesang auf die antiken Götter anstimmen unddie Menschen auffordern, sich von ihnen heilen zu lassen. Doch die Heilunsgeht nicht vonstatten und die Priester verwünschen die alten Götter vordem König. Dieser läßt die Weisen kommen, um die Götter zu versöhnenund als er ihnen befiehlt, ihren Rat abzugeben, geht dieser dahin daßman die Götter in der alten Art verehren möge. Der König macht sich zumOpfern bereit und die Götterbilder werden wieder aufgestellt. Als sie ahervon neuem zusammenstürzen und der König die Weisen fragt, antwortendiese, daß der Gott der Hebräer der wahre Gott sei, und der König befiehltnun, den neuen Gott mit seiner Mutter zu verehren. Alle Götzen werdenentfernt, und damit tritt das Ende des Königs von Ägypten ein und derKönig von Babylon tritt hervor, dessen Begleitung sich dahin äußert, daßder mit Recht als Gott zu verehren sei, der allein verehrt werden wolle.Das gibt dem Heidentum, Judentum und dem Christentum Gelegenheitsich über Monotheismus und Polytheismus zu streiten, worauf sich derKönig von Babylon gegen die Heuchler wendet, deren Äußeres voll Trugsei. Und als der Antichrist erscheint, gesteht er diesem die Rolle des Kaiserszu und behält sich die des Königs vor. Seine Begleitung aber besingt amSchlüsse seine Macht 3 und höhnt den Herrscher Jerusalems, der noch indiesem Jahre gestürzt werde: der König Ägyptens wird als Gott verehrtund Herodes von Würmern aufgefressen. Die Juden aber seien ÄgyptenUntertan gewesen, als sie sich zur Hungerszeit sättigen mußten.
Dieser ganze dritte und letzte Teil könnte aus dem Weihnachtsspiel aus-scheiden, da er in keiner Berührung mit ihm steht. Die Könige Ägyptensund Babylons und der Antichrist haben in einem solchen Stück nichts zusuchen, das sich aus der Prophetenszene als Einleitung, Kindheitsereig-nissen aus Christi Leben und dem Magierspiel zusammensetzt. In der Ein-leitung herrscht in den Versen durchaus der Siebensilber und das ist auchim zweiten Teile meist der Fall, dagegen zeigt der dritte Teil eine größereMischung der rhythmischen Formen, wie er auch mehrfach Hexameter ver-wendet. Jedenfalls ist das Stück sehr reich an Einzelszenen, zu deren Ver-ständnis allerdings dem Zuschauer völlige Eingeweihtheit in den Stoff zu-gemutet werden muß; dem Laien mußte ohnehin manches doch recht un-verständlich bleiben. Allerdings wirkte das Stück wieder durch die Breitevieler Szenen fördernd auf das Verständnis.
Vgl. W. Koppen, Beitr. z. Gesch. d. deutschen Weihnachtsspiele (Paderborn 1893)S. 46f. W.Meyer, Fragmenta Burana S. 38ff. W. Creizenach, Gesch. des neuerenDramas 1, 90—92. Ueberlieferung im Monac. 4660 s. XIII f. 99—106. Ausgaben:Carmina Burana ed. Schmeller S. 80—95; R.Froning, Das deutsche Drama des MA.S. 875—901.
2. DIE BENEDIKTBEURER OSTERSPIELE
Bei der szenischen Darstellung des Osterevangeliums wurde frühzeitig
eine Erweiterung der Handlung vorgenommen, indem man die Ostern un-
1 Abwechselnd rhythmische daktylische 3 62, 1 p. 94 Egipius caput omnium EstDimeter und rhythmische Adonier. et decus regnorum.
2 Nach Evang. Pseudo-Matthaei 22