G. Weltliches und geistliches Drama 1045
wie die modernen Trauer- und Lustspiele geistig herausgewachsen, nichtaus dem antiken Drama und aus dessen Nachahmungen während der Re-naissancezeit. Denn nur an diesen gewaltigen Stoffen konnte sich der großedramatische Geist entzünden.
So konzentriert sich die Bedeutung des Dramas seit dem 13. Jahrhundertimmer mehr auf das Passionsspiel mit dem Hauptziele, zu zeigen, wie derErlöser wirkte und starb. Die Aufgabe aber, Christi Wirken und Leidendarzustellen, konnte auf zwei Wegen gelöst werden, in liturgischer, ausBibelworten bestehender und durch Antiphonen und Sequenzen gehobenerFeier, oder in nichtliturgischem Spiel, wie Danielspiel oder Antichrist, mitden neuesten Mitteln der Dichtung ausgeführt. 1
Der rechte dramatische Sinn zeigt sich aber besonders darin, daß derseelische Gehalt der Menge von Szenen vertieft wurde, indem allmählicheinzelne Figuren mehr herausgearbeitet wurden, so Judas und namentlichdie Mutter Maria, die ja außer bei Joh. 19, 25—27 in der Leidens- und Auf-erstehungsgeschichte der Evangelien gar nicht erwähnt wird. In diese Lücketrat def mittelalterliche Marienkultus bald ein und in der Leidensgeschichtewurde Maria bald in den Vordergrund gestellt, nachdem Gedichte wiePlanctus ante nescia und Stabat mater dolorosa hier vorgearbeitet hatten.So wurden bald Lieder und Sequenzen eingelegt, die die Klagen der Mariaausdrückten, und durch solche rührend menschlichen Züge gewann dasDrama nicht wenig an Verständlichkeit für die große Masse der Zuhörer.Aus den lateinischen, deutschen und französischen Klageliedern schöpftendie Dichter, und die Sequenz Planctus ante nescia, die schon im 12. Jahr-hundert deutsch übersetzt wurde, hat nach Schönbach 2 die wesentlichenTextstücke für die Marienszenen in den Passionen geliefert. Dadurchaber wurde eine größere Beweglichkeit des Dramas erzielt und die Schön-heit seines ernsten Klanges erhöht.
Nachgerade brachte der Eifer, Christi Passion möglichst richtig darzu-stellen, die Dichter zum völligen Realismus in der Ausführung. Dabeimußte allerdings die lateinische Sprache und die feierliche würdige Formder alten Liturgie weichen. Zur Hauptsache wurde ein ausdrucksvollerDialog in beweglichen Versen sowie die Herstellung einer spannendenHandlung durch geschickte Einfügung der Szenen und Personen. Indestat man nicht Verzicht auf die Lyrik, denn lyrische Gesänge konnten anverschiedenen Stellen eingeschoben werden.
Von den Spielen aber mögen hier die ausführlichsten Bearbeitungen kurzvorgeführt werden, wie sie sich im Weihnachtsspiel und den Osterspielenin der Benediktbeurer Handschrift zeigen.
Literatur. Wilh. Meyer, Fragmenta Burana. Festschrift zur Feier des 150jähr. Be-stehens der kgl. Ges. d. Wiss. zu Göttingen, Berlin 1901. Lange, Die lat. Osterfeiern.Progr. v. Halberstadt 1881. H. Anz, Die lat. Magierspiele, Leipzig 1905. Karl Young,Publicat. of the Modern Language Association of America 24, 294—331 (1909). 25,309—354 (1910). 29, 1—58 (1914). Modern Language Notes, Febr. 1911, 1—5. Trans-
1 Nach deren schönen Formen wurden gestattet.
sogar liturgische Feiern wie im Freisinger 2 Ueber die Marienklagen, 1874. ZurBe-
Rachelspiel und im Benediktbeurer Weih- deutung der Sequenz Flete fideles anime vgl.
nachtsspiel mit ganz neuem Gewände aus- W. Meyer Fragmenta Burana S. 69—72.