1044 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
dem wohl schon aus dem 10. Jahrhundert stammenden dreigliedrigenSternoffiz das viergliedrige Officium magorum, das dem 11. Jahrhundertangehört.
Den Anlaß zu großen szenischen Veränderungen gab aber die ins Spielhereinbezogene Person des Herodes, der, als Vertreter des bösen Prinzipseigentlich erst das echte dramatische Leben im Spiel hervorruft. Das He-rodesspiel weist zuerst den tragischen Konflikt auf, Herodes selbst ist dererste Charakter auf der mittelalterlichen Bühne, während die Magier nurTypen waren. Die Grundstufe ist das aus zwei Stücken von Nevers bekanntereine Herodesspiel, wo der Fürst seine Rolle allein bestreitet. 1 Erweiterunghierzu bringen dann Boten und Schreiber und weitere Personen, deren Ein-treten das Spiel wesentlich komplizierter macht, 2 so daß die textliche, sze-nische und mimische Freiheit immer mehr wächst und das Herodesspielbald als beherrschend auftritt. — Das in mehreren Stücken erhaltene kom-pilatorische Spiel, das sich aus einer Verbindung von Magier- und Hirten-motiv besteht, ist wohl in Deutschland, und zwar vielleicht in Freising ent-standen. 3
Das für den 28. Dezember gedichtete Spiel wird Rachelspiel genannt, daRachel nach Matth. 2, 18 die jüdischen Mütter der Innocentes verkörpert.Das älteste Spiel (Limoges) scheidet sich in Responsorium und Rachel-szene 4 und in einem anderen (Laon) wird die Rachelszene mit dem Magier-thema verknüpft. Das kombinierte Rachelspiel aber setzt sich zusammen(Freising) aus einem einleitenden Hirtenspiel, der Flucht der hl. Familieund dem Rachelspiel, oder wie in dem textlich sehr bunten Spiel von Benoit-sur-Loire, aus einem Vorspiel mit dem Auftritt der Innocentes und der Thron-besteigung des Herodes, aus den Kernszenen als Rachelspiel, der Flucht-szene, der Tötungsszene und der Rachelszene, einem Nachspiel mit derThronbesteigung des Archelaus und der Rückkehr der hl. Familie.
Während aber im Weihnachtsspiel der Stoff in die Breite ging, wuchser im Osterspiel gewaltig in die Höhe — der Gottmensch erschien hier selbstim Drama, als Prophet lehrte er die Menschen, als Mensch empfand er Qualund Schimpf jeder Art und überwand solches als Gott, als Triumphator er-hob er sich aus dem Grabe und zerbrach die Pforten der Hölle, geheimnis-voll erschien er seinen Getreuen als Mensch und erhob sich zuletzt in Gloriezum Himmel. Dieser gewaltige Stoff wurde in solcher Einheit und Voll-ständigkeit sonst nie in der Kirche geboten. Vor seiner wuchtigen Tragikmußte das Weihnachtsspiel zu einem heitern Nebenspiel werden, und alsder Stoff einmal vereinigt war, richtete sich der dramatische Eifer immermehr der Darstellung des Erlösungswerkes zu.
Vor dem großen Stoffe tritt nun der Gestalter in den Hintergrund, seinName wird nicht überliefert. Aber das Volk selbst schaffte an dem Werkedurch Lob oder Tadel. Und aus solchen dramatischen Gestaltungen desLebens Christi sind die unwandelbar großen Dramen eines Shakespeare so-
1 Vgl. Böhme a. a. O. S. 74. ist neu herausgegeben von G. Cohen und
2 Vgl. das Spiel von Compiegne bei K. Young, Romania 44, 359—368.Böhme a. a. O. S. 86—89). 4 Vgl. M. Böhme a. a. 0. S. 108.
3 Das Weihnachtsspiel von Kloster Bilsen