1042 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
in diese Zeit gehören. Hierzu kommt, daß das Osterfest die Höhe des gan-zen Kirchenjahrs darstellt und der mystische Gehalt der täglichen Messezu Ostern seine höchste Vollendung erhält. Nun ist der erwähnte Paris. 1240zwischen 933 und 936 in St. Martial zu Limoges geschrieben, aber er gibtnicht die ursprüngliche Gestalt des Tropus, sondern dessen einfachste Formsteht im Sangall. 484 und 381. Er stammt danach aus St. Gallen 1 und seinVerfasser ist wohl Tutilo. 2 Seine Worte sind auf Bibelstellen aufgebaut 3und es wurden in der Folgezeit kleine Zusätze mit ihnen verbunden undVeränderungen aller Art mit dramatischen Möglichkeiten angebracht. 4
Die Form des Tropus ist vielleicht nach der dialogischen Form der Kar-freitagsliturgie geschaffen. Ursprünglich wurde er als Einleitung zum In-troitus der Messe antiphonisch gesungen, als er aber in das kanonischeOffizium eingeschoben wurde und seine Stellung am Ende der Ostermatutinerhielt, trat er hier vor dem Tedeum in engere Beziehung zum Osterereignis.Durch rollenmäßige Darstellung des Dialogs entwickelt sich daraus dasDrama, dessen Existenz aber, wie schon erwähnt, durch die Regularis con-cordia für die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts bereits bezeugt ist. DieWorte des Ostertropus wurden nun anschaulich erlebt und dargestellt, d.h.durch die Maria und den Engel gesprochen. So hat die Visitatio sepulcriallein aus der Reihe der symbolischen Handlungen, die sich am Grabe voll-ziehen, den Weg zum Drama gefunden.
Die Osterfeiern aber, die sich aus dem Tropus entwickeln, sind von sehrverschiedenem Inhalt und scheiden sich auch äußerlich durch ihre Aus-dehnung voneinander, je nachdem die hinzutretenden Erweiterungen aus-gebildet werden. Zum Kern des Osterspiels wurden zunächst die Stellenaus Luc. 24, 12 und Joh. 20, 5—7 von den linteamina und dem sudariumund eine Stelle aus der Ostersequenz Wipos über das sudarium und vestesgefügt. Und in Frankreich wurde an die Szene am Grabe die BegegnungChristi mit Magdalena und den zwei anderen Frauen angeschoben; hierwird Christus in dem Spiele zuerst als Mann, nicht wie im Weihnachtsspieleals Kind dargestellt, und wenn auch der erste Entwurf dieser Szene anspruchs-los war, so setzte sich doch der Geist, der sich hierin offenbarte, im Dramaimmer mehr durch. Hinzugefügt wurde auch die auf Marc. 16, 1 beruhendeSzene, in der die drei Marien zum Salbenkrämer kommen und kaufen; dafürgab es im Bericht der Evangelien keine authentische Grundlage, und da mußtedie Dichtung einsetzen. Hiermit wurde ein ganz weltlicher Stoff in das geist-liche Element gebracht, das Drama wurde zum Spiel und die Formen derLiturgie wurden durch Formen moderner Dichtung ersetzt. Noch sind an-fänglich die Reden des Kaufmanns ernst und würdevoll, doch wird späterein auffallender Judentypus eingesetzt. 5 Der dramatische Eifer des 13. Jahr-
1 Young, Publications of the Modern Klappers (Z. f. deutsche Phil. 50, 46 ff.),Lang. Assoc. of America 29, 5. H. Brink- daß der Tropus zwischen 500 und 750 inmann, Xenia Bonnensia (Bonn 1929) Jerusalem entstand, ist von Young (ope-S. 109. culum 1, 71 ff.) widerlegt worden.
2 Ekkeharti Cas. s. Galli 3 (MG. SS. 2, 6 Das Spiel stammt aus Frankreich, da es101). ein Zehnsilberspiel ist. Zu dem aus Vicn
3 Vgl. Young a. a. O. S. 7. CXI s. XII (aus Ripoll) veröffentlichten* Young S.18—57. Die Ansicht J. Spiel vgl. K. Dürre, Die Mercatorszene