G. Weltliches und geistliches Drama 1041
II. DAS GEISTLICHE DRAMA
Für das geistige und sittliche Leben des mittelalterlichen Menschen wardie Kirche und der von ihr eingesetzte Glauben ausschlaggebend, die Be-deutung der Religion im Leben des einzelnen war höher als die des Ge-setzes. Verschwunden waren die heidnischen Feste, an ihre Stelle hattensich die christlichen Feste gesetzt, von denen zwei, Weihnachten und Ostern,es mit Christus selbst zu tun hatten und daher als die wichtigsten galten.An diese beiden Feste aber knüpft sich das Entstehen des mittelalter-lichen geistlichen Dramas.
Nämlich die mittelalterliche Dramatik geht keineswegs von der antikenaus, denn Hrotsvits Dramen, die die Lektüre des leichtfertigen Terenz ver-drängen sollten, sind kaum für die Aufführung geschrieben, sondern sindlediglich Stücke zum Lesen. Und weder die Dramen des Terenz noch ihrestofflichen Weiterbildungen, die elegischen und hexametrischen Komödiendes Mittelalters scheinen aufgeführt worden zu sein, obwohl hierüber dasletzte Wort noch nicht gesprochen ist. Wohl aber wissen wir, 1 daß an denHöfen der Großen und bei Volksfesten Spielleute auftraten und unter musi-kalischer Begleitung Schwanke und andre Stoffe zur Kurzweil vortrugen.Darin liegt zwar ein gewisser dramatischer Zug, aber der Vortrag durcheinen Spielmann als Gesang mit Instrumentalbegleitung läßt durchaus dasLiedmäßige erkennen, und einige der in den Cambridger Liedern aufbe-wahrten Texte 2 führen darauf, daß wir es in solchen Liedern doch mehr mitLyrik zu tun haben, deren Text öfters eine poetische Erzählung war. Alsoauch hier schaltet wohl das eigentliche Drama aus und wir werden dessenUrwurzel auf einem andern Boden zu suchen haben. Und zwar sind es dieAufführungen, die sich an den kirchlichen Hauptfesten in der Kirche gemäßdem Berichte der Evangelien an den Gottesdienst anschlössen, die die Grund-lage für das Drama geworden sind; diese Aufführungen sind unter demNamen geistliche Spiele bekannt.
Den Anfang des mittelalterlichen geistlichen Spiels macht die liturgischeOsterfeier in der Visitatio sepulcri, die den Gang der Frauen zum Grabeund ihren Wechselgesang mit dem Engel darstellt. Hierin spielt eine we-sentliche Rolle der Tropus Quem quaeritis in sepulcro. Die Tropenpoesiefolgte dem liturgischen Grundgesetz vom Wechsel der Frage und Antwort,und sie gestaltete sich daher unbewußt dramatisch. Die Frage, ob Oster-oder Weihnachtstropus der ältere sei, ist durch neuere Forschungen zu-gunsten des Ostertropus entschieden, da dieser schon mehrfach im 10. Jahr-hundert erscheint, 3 wie auch in der Regularis concordia des BischofsAethelwold von Winchester (gest. 977) ein regelrechtes liturgisches Osterspielenthalten ist, 4 während der Weihnachtstropus Quem quaeritis in praesepeerst im 11. Jahrhundert begegnet 5 und auch die ältesten Weihnachtsspiele
1 Amarcii Sermones ed. Manitius 1,438 s. X.
—443. 4 ed. Logemann, Anglia 13, 426. E. K.
2 K. Breul, The Cambridge Songs (1916) Chambers, The medieval stage 2, 306.N. 22. 31. 41. K. Strecker, Die Cambrid- 5 K. Young, Transactions of the Wis-ger Lieder (Berlin 1926) N. 14. 10. 12. consin Academy 17, 310 f.
a Im Paris. 1240 s. X und Sangall. 484
H. d. A. IX 2, 3 66