G. Weltliches und geistliches Drama 1037
leichtsinnige Frau daheim. Er erlitt Schiffbruch und nur mit Mühe undNot rettete er sein Leben, während seine Frau sich daheim mit fahrendemVolk abgab und schließlich einen Sohn gebar. Nach zwei Jahren kehrteder Kaufmann zurück, und da ihm die Frau mit dem Knäblein entgegen-kam, fragte er, woher sie diesen habe. Sie belog ihn und sagte, daß sie ein-mal im Gebirge den Durst mit Schnee gestillt habe; davon sei sie schwangergeworden und habe den Knaben bekommen. Fünf Jahre und mehr ver-gingen, als der Kaufherr sein Schiff neu rüstet und den Jungen mit aufdie Reise nimmt. Nach der Fahrt übers Meer steigt er aus und verkauftden Jungen als Sklaven um hundert Pfund. Reich kehrt er zurück undsagt seiner Frau: „Tröste dich, ich hab' den Jungen verloren, den ichebenso liebte wie du. Ein entsetzlicher Sturm trieb uns in Buchten vollUntiefen; dort hat uns die Sonne gedörrt und das Schneekind ist einfachgeschmolzen." —■ Was man darüber hinaus in den andern Fassungen liest,gehört nicht eigentlich zu der Erzählung, die also schon in der Umdichtungvon fünfzig Distichen mancherlei Zudichtungen erfahren bat.
Ueberlieferung. Modus Liebinc im Cantabr. Gg. 5. 35 s. XI f. 435b—436a, Guel-ferb. Aug. 56,16 f. 61b—62a. Ausgaben von Lachmann, Rhein. Mus. 1829 S. 431f.,Müllenhoff und Scherer, Denkmäler dtsch. Poes. u. Prosa 3 1, 44 f. (2,114 ff.). K.Breul, The Cambridge songs p. 10 f. 56. 81 ff. K.Strecker, Die Cambridger LiederS. 41 N. 14. Die Form des Gedichts ist die Sequenz in fünf Strophen. W. Meyer (Frag-menta Burana S. 176) glaubt, daß das Gedicht mit dem Modus Ottinc (Müllenhoff undScherer 3 1, 46 ff.) gleichen Dichter hat und daß alle Strophen in dieselbe Schlußmelodiehinausliefen. Zur Literatur vgl. K. Breul a. a. O. S. 81 ff. und Müllenhoff und Scherer 32,114 f. —De mercatore im Vat. reg. 344 f. 28. Ausgabe von Wattenbach, Zeitschr.f.deutsch. Altertum 19,119—122. Auszug dieser Fassung daselbst S. 122. Ridmus demercatore im Vat. reg. 344 f. 33. Ausgabe von Wattenbach daselbst S. 122—124.De viro et uxore moecha aus altem Druck, beschrieben bei Dumeril, Poes. ined.p. 418. Ausgabe bei Dumeril p. 418 f. — Verse aus einer Hs. der Züricher WasserkircheG58 f. 15 bei Wattenbach, Zeitschr. f. deutsch. Altert. 19, 240. Die drei kurzen Ge-dichte von Gaufred Poet, nova 713—717 und 733f.—735f. bei Faral p. 219 ff. (Leyserp. 901.903).
15. DE LUMACA ET LOMBARDO
Dieser volkstümliche Schwank, der in der Überlieferung dem Ovid bei-gelegt wird, hat folgenden Inhalt. Ein lombardischer Bauer besieht seineFelder und freut sich, daß sie gut stehen. Da fällt sein Blick plötzlichauf eine Schnecke. Dies Untier flößt ihm die größte Angst ein, und erglaubt schon seinen letzten Tag gekommen: es sei kein Wolf, kein Bärund keine Schlange, aber es wolle Krieg gegen ihn führen, das be-zeugten sein Haus und seine Hörner. „Wenn ich dies Geschöpf besiegthabe, ist mir ewiger Ruhm sicher. Aber es wäre Raserei, den Kampfmit ihm zu wagen, und Frau und Kinder würden vor dem Untier dieFlucht ergreifen. Und es ist bewaffnet, während ich waffenlos bin." Erfragt nun die Götter, was er tun soll. Sie antworten ihm, er werde denhöchsten Ruhm ernten. Doch als er seine Gattin fragt, ist diese entsetztüber seine Tollkühnheit und beschwört ihn, sich ihr und seinen Kindernzu erhalten; weder Hektor noch Achill noch Herkules würden mit ihrerTapferkeit zu solch einem Wagstück genügen. Doch der Bauer beruft sichauf den Rat der Götter und beginnt den Kampf mit dem Ungetüm, erschleudert ihm große Worte entgegen und erlegt es mit seinem Speer.